Literatur

Horst Evers’ Kriminalgeschichten laufen aus dem Ruder

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Horst Evers, Schriftsteller und Kabarettist.

Horst Evers, Schriftsteller und Kabarettist.

Foto: Olaf Ziegler / Funke Foto Services GmbH

Mord und Totschlag in Berlin und Umgebung: Das neue Buch „Bumm“ des Kabarettisten verwebt sechs wilde Geschichten miteinander.

Taucht man hinab in die zwielichtige Welt von Verbrechern, Taugenichtsen und Tagedieben, darf man sich nicht wundern, wenn einem schon auf der zweiten Seite bizarre Losungen um die Ohren fliegen. Erst recht nicht, wenn die Handlung in einem Urberliner Unterwelt-Lokal wie der „Treulosen Tomate“ startet. „Zwei Soleier und ein Drittel Glas Überseerum“ lautet die Parole, die näher betrachtet nicht nur außerordentlich unappetitlich ist, sondern schnurstracks zum „Telegraphen“ führen soll. Einem geheimnisumwitterten Bösewicht, der vielleicht doch keiner ist, aber trotzdem Auftragsmörder vermitteln kann. Wenn er denn will. Was geschickt in der Schwebe gehalten wird.

Ob der ominöse mögliche Superschurke nun ausgedacht oder real ist, lässt sich zunächst nicht eindeutig ausmachen. Wie so vieles in Horst Evers neuem Buch „Bumm!“, das sechs geschickt miteinander verwobene Kriminalgeschichten vereint. Sie alle spielen in Berlin und Umgebung, die Evers liebevoll mit Lokalkolorit auspinselt. Allerdings zu unterschiedlichen Zeiten, was an David Mitchells berühmten „Wolkenatlas“ erinnert, der bei der Erzählstruktur Pate gestanden haben dürfte. Tom Hanks, einer der Protagonisten der Verfilmung „Cloud Atlas“, wird in der ersten Geschichte sogar Gegenstand eines Wortgefechts.

Ein Geflecht aus Zitaten aus der Populärkultur

Ohnehin ist das Buch gespickt mit popkulturellen Zitaten, die Horst Evers genussvoll karikiert. Wie die Räuberpistole aus den 1920er-Jahren, die der angehende Schriftsteller Sebastian Starck rund um den smarten Kriminalen Ernst Gennat erfindet. Alles höchst kompliziert mit möglichst vielen Wendungen. „Babylon Berlin“ lässt grüßen. Nur dass Gennat in den Storys mal Kriminalassistent, Kriminaldirektor oder verstorbene Legende ist. Je nachdem, ob die Erzählung in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft spielt. Denn das Personal begegnet dem Leser stets wieder. Wobei die Charaktere in schönster Uneindeutigkeit zwischen Gut und Böse changieren.

Während Gennats Stern permanent strahlt, hat Sebastian Starck immerzu verdammt viel Pech. Denn nachdem er sich auf eine unbedachte Affäre eingelassen hat, steht am nächsten Tag die Polizei vor der Tür. Und in Windeseile landet Sebastian hinter Gittern. Als Mordverdächtiger.

Wie immer bei Horst Evers, dem großen satirischen Alltagsphilosophen, läuft jede Geschichte irgendwie aus dem Ruder. Egal, ob es um genmanipulierte Mücken oder Cyborgs geht. Die heutigen Absurditäten lauern dabei immer direkt unter der Oberfläche. Wie bei dem Täter, der die FFP2-Maske über seiner Maske trägt und damit die Ermittler für entscheidende Sekunden verwirrt. Weil sie sich erst einmal vergewissern müssen, ob sie als gesetzestreue Polizisten die aktuellen Corona-Regeln nach der letzten Ministerpräsidenten-Konferenz überhaupt kennen. Was mitten hineinführt in die jüngste Vergangenheit.

Dann ist da noch die unübersichtliche Gegenwart, an der wir alle insgeheim verzweifeln, weil die Regeln des gesellschaftlichen Miteianders immer wieder außer Kraft gesetzt oder neu definiert werden. Kaum jemand kommt da noch hinterher. Auch die Polizei rätselt angesichts mancher Entwicklung, wie bei der Explosion eines LKWs, und fragt sich: Ist das jetzt eine echte Detonation mit einem gewaltigen „Bumm“ oder vielleicht doch eine Kunstaktion à la Banksy?

Natürlich darf man keine nervenzerfetzende Spannung erwarten. Auch keine lauten Pointen. Es sind Geschichten zum Schmunzeln. Bei einigen ahnt man, dass sich die Komik potenziert, wenn Horst Evers sie in seiner unnachahmlichen Art vorliest. Sein Sprachduktus ist nämlich klar erkennbar. Nebenher rettet er noch fast in der Versenkung verschwundene Lieblingswörter vor der Vergessenheit. Wie „Potzblitz“ und „Backpfeifengesicht“.