Kabarett

Wenn die ganze Menschheit plötzlich offline geht

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Ulrike Borowczyk
Bissig: Jenny Bins, Steven Klopp und Santina Maria Schrader.

Bissig: Jenny Bins, Steven Klopp und Santina Maria Schrader.

Foto: Dirk Dehmel

Ist das Leben ohne Internet besser? Das neue Programm der Stachelschweine denkt die Frage amüsant durch.

Die Hecke schneiden, wie von seiner Frau Bianca gewünscht, kann Lars Kugelreiter nicht. Dafür aber die Welt verbessern. Weil ihm nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird, will der grüne Hinterbänkler seine Ideen mit der Brechstange umsetzen. Er findet: Das Internet muss weg! Mit Gattin Bianca und Hacker-Aktivistin Pepsi-Carola dringt er zum Knotenpunkt Null vor. Hier laufen alle nationalen und internationalen Datenautobahnen zusammen. Einmal kurz gekurbelt und die gesamte Menschheit ist offline.

Was auf den ersten Blick wie eine äußerst spaßige Kabarett-Story aussieht, erweist sich in den Stachelschweinen als bitterböse Persiflage auf den maroden Zustand unserer Demokratie. „Fassen wir zusammen“ ist der neuste Streich aus der Feder von Kabarett-Star Frank Lüdecke und Sören Sieg. Temporeich mit feinstem Timing für geistreich zündende Pointen inszeniert von Frank Lüdecke. Man lacht sich durch den Abend, bei dem sich die abwechslungsreichen Spielszenen raffiniert zu einer komplexen Momentaufnahme verdichten.

Menschen ohne Wasser und gecrashte Flugzeuge

Anfangs noch läuft Bianca gegen die Pläne ihres Gatten Sturm. Schließlich hat sie 200.000 Follower auf YouTube. In ihrem Video-Blog „Keiner wird zurückgelassen – Gefühltes Wissen für Einsteiger“ verbreitet sie irreführende Ahnungslosigkeit. Obwohl brünett, spielt Jenny Bins ihre Bianca herrlich blond und naiv. Ihr Vlog ist nur einer der Gründe, das Internet, vor allem die Sozialen Medien kritisch zu sehen. Aber das Internet erleichtert das Leben auch ungemein. Ohne geht es zudem in vielen Bereichen gar nicht mehr.

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Die Folgen des mutwilligen Crashs hat Lars Kugelreiter (Follower insgesamt: 13) allerdings nicht bedacht. Menschen ohne Wasser, abgestürzte Flugzeuge, Krankenhäuser ohne Strom, die Welt im Chaos. Der Grüne will sich dennoch unbedingt stellen. Damit auch jeder weiß, dass er hinter allem steckt. Steven Klopp gibt den profilierungssüchtigen Hinterbänkler genüsslich und wunderbar gemein der Lächerlichkeit preis, indem er dessen klischeehafte Politikerphrasen mit den großen, dramatischen Gesten eines Musicalstars rüberbringt. Und ihn auch so singen lässt.

Nur auf den Ämtern bleibt alles beim Alten

Ohnehin hat es der fabelhafte Gesang des Ensembles in sich. Nachdem Santina Maria Schrader „Dann kam Scholz“ angestimmt hat, ist man einmal mehr der Überzeugung, dass der Cum-Ex-mauschelnde Kanzler seinen Hut nehmen sollte. Santina Maria Schrader schlüpft auch in die Rolle der gestressten Frau vom Amt. Ohne Internet hat sich hier rein gar nichts geändert. Null Service am Bürger, wie gehabt. Aber mit ganz viel Bürokratie.

Während der Rest des Globus schnell und pragmatisch auf Elon Musks „Starlink“ setzt und wieder online geht, wird in Deutschland diskutiert. Jede Partei, jeder Politiker und jede Institution will aus der Situation einen Vorteil schlagen. Für sich, nicht für die Bürger, versteht sich. Eine Chance für Lars Kugelreiter. Skrupellos doppelmoralisch propagiert der Grüne den Riesennutzen von „Starlink“, sackt einen Haufen Kohle ein, steigert seine Macht – und macht nebenher das Leben der Bürger noch teurer. Aber sein Ego hat die Kungelei definitiv gestärkt.

Walter Ulbricht liefert das Motto

Hier kommt der Spruch von Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, zum Tragen, der dem Abend vorangestellt ist: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Dazu liefern die Stachelschweine eine mächtige Portion Galgenhumor. Bravourös.

Die Stachelschweine, Europa-Center, Tauentzienstr. 9-12, Charlottenburg, Tel. 261 47 95, nächste Termine: 6.-7.10. und 16.-18.10., 20 Uhr.