Konzert in Berlin

Bob Dylan gönnt sich in Berlin gleich zwei Extravaganzen

| Lesedauer: 8 Minuten
Ulrike Borowczyk
Bob Dylan bei einem Konzert im Jahr 2012.

Bob Dylan bei einem Konzert im Jahr 2012.

Foto: FRED TANNEAU / AFP

Mit 81 Jahren und nach sechs Jahrzehnten auf der Bühne nimmt Bob Dylan das Berliner Publikum auf die Zeitreise durch seine Diskografie.

Berlin. Eigentlich ist „Gotta Serve Somebody“ einer der Songs aus Bob Dylans Gospel-angehauchter Phase vom Erweckungs-Album „Slow Train Coming“ aus dem Jahr 1979. Das erste, nachdem er vom Judentum zum Christentum konvertiert war. Die Kritiken waren seinerzeit äußerst gemischt. Doch „Gotta Serve Somebody“ mit seinem mitreißenden Groove erhielt 1980 einen Grammy.

Jetzt allerdings rockt der Song live richtig schnörkellos und laut. Komplett umarrangiert und auf das Wesentliche reduziert. Wie alles bei diesem Konzert. Geradliniger Bluesrock dominiert, grandios gespielt von sechs begnadeten Instrumentalisten. Wobei sich Bob Dylan mitnichten als Star in den Vordergrund drängt. Er ist Teil der Band und legt offensichtlich keinen gesteigerten Wert darauf, im Rampenlicht als Ikone gefeiert zu werden.

Gleich drei Abende lang macht der Meister Station in der Verti Music Hall in Berlin, die bekannt ist für ihre hervorragende Akustik. Bob Dylan ist aber nicht wie sonst auf seiner „Never Ending Tour“. Die endete schließlich mit der Pandemie. Die neue Konzertreise heißt nun „Rough and Rowdy Ways World Wide Tour“, benannt nach seinem aktuellen Album. Es könnten die letzten Auftritte des wohl einflussreichsten Musikers auf diesem Planeten sein, der übrigens 2022 auch die Liste der bestbezahlten Sänger der Welt anführt. Denn der große Singer-Songwriter ist mittlerweile 81 Jahre alt.

Bob Dylan gönnt sich un dem Publikum eine digitale Auszeit

Viel ist im Vorfeld des Konzerts über das strikte Verbot von Handys, Tablets und Smartwatches gesprochen worden. Und tatsächlich gönnt Bob Dylan sich und seinem Publikum eine digitale Auszeit. So vermeidet er nicht nur nervende Klingeltöne und leuchtende Handytaschenlampen, die bei so ziemlich jedem Konzert stören, sondern auch Selfies aus dem Publikum.

Fotos dürften an diesem Abend auch schwerlich gelingen, denn es sind definitiv mehr Scheinwerfer auf die Zuschauer gerichtet als auf die Musiker. Auf der Bühne herrscht ein eher diffuses, orangenes Licht. Anfangs sind die Musiker nur als Silhouetten zu erkennen. Heller wird es nur, wenn Bob Dylan singt.

Bob Dylan wird nur sichtbar, wenn er zum Singen aufsteht

Es ist bekanntlich ohnehin schon seit Jahrzehnten das größte Leid der Pressefotografen, dass sich Bob Dylan nicht ablichten lassen möchte. Abgedruckt werden daher stets Bilder von ihm in früheren Jahren mit Hut und/oder Gitarre.

Beim Konzert greift der Musiker aber weder zu dem einen noch zu dem anderen. Er sitzt vielmehr die ganze Zeit hinter seinem Klavier. Dabei lugt nur sein dunkler Haarschopf hervor. Sichtbar wird er nur, wenn er zum Singen aufsteht. Ab und an kommt er dahinter vor, was ihm offenbar nicht so leichtfällt, geht mit unsicheren Schritten zur Bühnenmitte und deutet eine Verbeugung an, ohne ein Wort dabei zu verlieren. Steht für einen kurzen Moment da. Zierlich und fragil in einem seidenen, schwarzgrünen Westernhemd zur schwarzen Hose. Mehr Zugeständnisse an das Publikum gibt es nicht.

Den meisten ist das Schweigen von Bob Dylan nicht neu

Die braucht es auch nicht. Den meisten ist Dylans Schweigsamkeit zwischen den Songs nicht neu. Und allen ist klar, der Fokus liegt eindeutig auf der Musik, nicht auf Nettigkeiten.


Der zweite Luxus des Abends, den sich Dylan genehmigt, ist das Fehlen sämtlicher großer Hits. His Bobness spielt weder „Blowin‘ In The Wind“ oder „Like a Rolling Stone“ noch „Mr. Tambourine Man“. Dafür aber alle neun Titel seines 2020er-Erfolgalbums „Rough and Rowdy Ways“, dem 39. und bislang letztem seiner über sechs Jahrzehnte währenden Karriere. Es war das erste nach einer achtjährigen Pause. Dylan führte damit prompt die Billboard-Charts an und war mit 79 Jahren der dienstälteste Act, der jemals darin aufgeführt wurde.

Bob Dylan spielt alte und neue Songs

Der Abend ist ein gelungener Mix aus alten und neuen Songs. Begleitet wird Bob Dylan dabei von seiner grandiosen fünfköpfigen Band. Die besteht aus den Gitarristen Bob Britt und Doug Lancio, Bassist Tony Garnier, Drummer Charley Drayton und Donnie Herron an Violine, Pedal Steel Guitar und Lap Steel Guitar.

Den Auftakt macht „Watching the River Flow“, schlappe 51 Jahre alt. Es folgt das treibende „Most Likely You Go Your Way And I Go Mine“ vom legendären 1966er-Album „Blonde on Blonde“. Nur ein Jahr später erschien „I’ll Be Your Baby Tonight“. Eine Art Semi-Hit, der alle versöhnt, die auf Dylan-Klassiker gehofft haben.

Bob Dylan stellt vor allem seine neuen Songs in den Mittelpunkt

Doch es sind vor allem die neuen Songs wie „I Contain Multitudes“, „False Prophet“ oder „Mother of Muses“, die im Mittelpunkt stehen. Dylan performt sie auf geradezu epische Weise mit einer Art melodischem Sprechgesang. Seine unverwechselbare Stimme setzt dabei feine interpretatorische Nuancen. Etwa in der düsteren, sparsam instrumentierten Ballade „Black Rider“, in der Dylan den schwarzen Reiter, einem Feind mit teuflischen Kräften entgegentritt. Man ahnt, dass hier das Leben gegen den Tod verteidigt wird.

Ohnehin taucht der Rock-Poet in seinen Liedern immer wieder in leicht verrätselte Verse ein, die altersweise über das Leben und den Tod philosophieren. Aber auch immer wieder über die Liebe sinnieren. Einer der schönsten und intensivsten Momente gelingt mit „Key West“. Für Dylan ein nicht nur geografischer, sondern transzendentaler Sehnsuchtsort, den er fast hymnisch in einer extralangen Version beschwört. Die lädt ein, ewig zu verweilen. Und man möchte glatt bleiben.

Man versteht einmal mehr, warum der Songwriter als erster Musiker 2016 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Jeder Song gleicht einem lyrischen Essay.

Nach dem herrlich rumpeligen, rauen „Goodbye Jimmy Reed“, endet der Abend mit dem elegischen „Every Grain of Sand“ vom 1981er-Album „Shot of Love“. Anschließend gibt es Standing Ovations. Bob Dylan lächelt leise, bevor er sich verabschiedet. Und das Publikum ist selig.

Verti Music Hall, Mercedes-Benz-Platz, Friedrichshain, Tickets: Tel. 20 60 70 88 77. 6. und 7.10. um 20 Uhr.

Bob Dylan in Berlin: Nach sechs Bühnen-Jahrzehnten immer noch an der Chartspitze

Es ist bekanntlich ohnehin schon seit Jahrzehnten das größte Leid der Pressefotografen, dass sich Bob Dylan nicht ablichten lassen möchte. Abgedruckt werden daher stets Bilder von ihm in jüngeren Jahren mit Hut und/oder Gitarre. Beim Konzert greift der Musiker weder zu dem einen noch zu dem anderen. Er steht vielmehr die ganze Zeit hinter seinem Klavier. Zuweilen lugt nur sein Haarschopf hervor.

Der zweite Luxus des Abends, den sich Dylan genehmigt, ist das Fehlen sämtlicher großer Hits. His Bobness spielt weder „Blowin‘ In The Wind“ oder „Like a Rolling Stone“ noch „Mr. Tambourine Man“. Dafür aber alle neun Titel seines 2020er-Erfolgalbums „Rough and Rowdy Ways“, dem 39. und bislang letzten seiner über sechs Jahrzehnte währenden Karriere. Es war das erste nach einer achtjährigen Pause. Dylan führte damit prompt die Billboard-Charts an und war mit 79 Jahren der dienstälteste Act, der jemals darin aufgeführt wurde.

Zum Abschied spielt Bob Dylan eine Hymne aus Südflorida

Begleitet von seiner fünfköpfigen Band, ist der Abend ein gelungener Mix aus alten und neuen Songs. Wie das treibende "Most Likely You Go Your Way And I Go Mine", das sehr alte "I'll Be Your Baby Tonight" oder das wunderbare Johnny Mercer-Cover "The Old Black Magic".

Einer der schönsten und intensivsten Momente gelingt "Key West". Ein Sehnsuchtsort, der bei Bob Dylan das Zeug zur Hymne hat. Eine extralange, epische Version, die einlädt, ewig zu verweilen. Man möchte glatt bleiben.