Kulturpolitik

Die Faszination und Bandbreite der Archäologie

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Olaf Zimmermann (Deutscher Kulturrat), Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und Michael Rind, der Vorsitzende des Verbandes der Landesarchäologen (v.l.)

Olaf Zimmermann (Deutscher Kulturrat), Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und Michael Rind, der Vorsitzende des Verbandes der Landesarchäologen (v.l.)

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Welche Zukunft und welche Bedürfnisse hat die Erforschung der Menschheitsgeschichte? Eine Podiumsdiskussion in der James-Simon-Galerie.

Der Termin passte gut. Eigentlich hatten sich Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und Michael Rind, der Vorsitzende des Verbandes der Landesarchäologen, in einer Nische der Schliemann-Sonderausstellung in der James-Simon-Galerie verabredet, um ihr Publikum über die Perspektiven der Archäologie zu informieren.

Deren Relevanz und Lebensnähe hatte erst tags zuvor das Stockholmer Nobelpreis-Komitee mit seiner Entscheidung bekräftigt, die Auszeichnung an den in Leipzig lehrenden Schweden Svante Pääbo zu verleihen. Pääbo, Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, hat unter anderem das Neandertaler-Genom sequenziert und damit entscheidende Erkenntnisse zur Erforschung der Evolution geliefert.

„Die interdisziplinärste aller Geisteswissenschaften“

Eine Steilvorlage für die Diskussion – kommt darin doch zum Ausdruck, wie sehr gerade die Archäologie von den Erkenntnissen anderer Wissenschaften profitiert. Olaf Zimmermann nannte sie „die interdisziplinärste aller Geisteswissenschaften“.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitung des Deutschen Kulturrates ist ein Schwerpunkt dem Thema Archäologie gewidmet, und hier geht Zimmermann ins Detail: „Archäoastronomie, Archäobotanik, Archäoinformatik, Archäologische Geschlechterforschung, Archäometrie, Archäozoologie, Astroarchäologie, Christliche Archäologie, Experimentelle Archäologie, Geoarchäologie“ – die Aufzählung geht noch lange so weiter und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Sie belegt, wie sehr die Archäologie gerade von den sogenannten Orchideenfächern an den Universitäten profitiert, denen in der Regel wenig öffentliche Aufmerksamkeit, auch oft nur bescheidene finanzielle Unterstützung zuteil wird. Zimmermann plädierte dafür, sie auch kulturpolitisch besser ins Auge zu fassen.

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Matthias Wemhoff sieht in der Archäologie „eine Wissenschaft, die wie keine zweite an der Grenze von Natur- und Kulturwissenschaften steht“. Die technischen Fortschritte der jüngsten Vergangenheit hätten zu einer regelrechten Wissensexplosion in der Disziplin geführt, ganze Geschichtsbilder seien dabei ins Wanken geraten.

Gleichwohl gelte auch: „Archäologie ist endlich“. Der Ausbau der Städte, fortschreitender Tiefbau und Flächenversiegelung, die Verwendung von Düngemitteln im ländlichen Raum und die fortgesetzte Aktivität sogenannter Sondengänger führten dazu, dass das erkenntnisstiftende Material zusehends schwinde. „Wir müssen jetzt unsere Magazine vollmachen“, sagte Wemhoff. Dazu sei man auf politische Weichenstellungen angewiesen.

Auch die Schule kann nachjustieren

Und dazu zählt auch die Bildungspolitik. Michael Rind machte auf den beklagenswert kleinen Raum aufmerksam, der in den schulischen Geschichtsbüchern der Entwicklungsgeschichte der Menschheit vorbehalten ist. Dabei handele es sich doch gerade bei der Archäologie um eine sehr niederschwellige Wissenschaft, die eine große Faszinationskraft auch auf jüngere Menschen ausübe.