Hauptrolle Berlin

Olympia ’36 – mit einer Jüdin und einer falschen Frau

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Zwei, die ausgegrenzt werden und einander beistehen: Gretel Bergmann (Karoline Herfurth) und Marie Ketteler (Sebastian Urzendowsky) im Olympiastadion.

Zwei, die ausgegrenzt werden und einander beistehen: Gretel Bergmann (Karoline Herfurth) und Marie Ketteler (Sebastian Urzendowsky) im Olympiastadion.

Foto: X VERLEIH

In der Filmreihe der Morgenpost wird Im Zoo Palast noch einmal „Berlin ’36“ gezeigt. Sebastian Urzendowsky spricht über den Dreh.

Es ist eine dieser Geschichten, die man kaum glauben kann. Die aber so unwahrscheinlich ist, dass niemand sie erfinden würde. Bei den Olympischen Spielen 1936 musste eine jüdische Leichtathletin für das Nazi-Reich antreten, sonst hätten die USA die Spiele boykottiert. Die Nazis ließen das widerwillig zu, wollten aber auf jeden Fall den Triumph einer Jüdin verhindern. Und schickten dafür eine Frau ins Rennen, die in Wahrheit ein Mann war.

„Berlin ’36“: zum Teil auch im Olympiastadion gedreht

Lange, allzu lange war diese Geschichte vertuscht und vergessen. Erst durch „Berlin ’36“, einen Film von Kaspar Heidelbach, rückte sie 2009 – 73 lange Jahre später – ins allgemeine Bewusstsein zurück. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt, wird dieser Film, der zu Teilen auch im Olympiastadion gedreht wurde, am kommenden Dienstag noch einmal gezeigt. Und Sebastian Urzendowsky, der dabei – lange vor der heutigen Gender-Diskussion – die komplexe Rolle der Intersexuellen spielte, wird über die Entstehung des Films sprechen.

Zu Beginn des Films hat Gretel Bergmann (Karoline Herfurth), eine der besten Hochspringerinnen ihrer Zeit, ihre Heimat bereits verlassen. Weil sie 1933, gleich nach der Machtübernahme der Nazis, wie alle Juden aus ihrem Sportverein ausgeschlossen wurde. Jetzt lebt sie in London und hat es gerade zur britschen Meisterin geschafft. Auf keinen Fall will sie zurück. Und schon gar nicht für die Nazis eine Medaille gewinnen.

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Der Trailer zum Film: „Berlin ‘36“

Aber ihr Vater (August Zirner) versucht, sie zu überreden. Weil ihre Familie sonst großen Repressionen ausgesetzt wäre. Auch die jüdische Gemeinde ihrer schwäbischen Heimat redet ihr gut zu: Mit einem Sieg könnte sie die Nazis vor vor aller Welt blamieren. Also lässt sie sich umstimmen.

Die Nazi-Funktionäre suchen indes fiebrig nach einer starken Konkurrenz. Und kommen so auf Marie Ketteler (Urzendowsky). Als sie sie aufsuchen, glaubt diese, man wolle sie in eine Anstalt stecken. Sie kann gar nicht fassen, dass sie in den Olympischen Kader aufgenommen wird. Aber auch ihr bleibt keine Wahl. Sie wird gezwungen.

Zwei Ausgestoßene, die zusammenfinden - und sich verbünden

Im Trainingszentrum treffen Gretel und Marie aufeinander. Und teilen sich ein Zimmer. Alle anderen Sportler schneiden Gretel, weil sie Jüdin ist, oder diffamieren sie offen. Auch ihre Zimmergenossin gibt sich zunächst abweisend.

Dass das einen anderen Grund hat, findet Gretel später zufällig beim Duschen heraus. Aber weil die Jüdin ständig ausgegrenzt und diskriminiert wird, erkennt Marie eine Schicksalsgefährtin in ihr: zwei Ausgestoßene, die nun zusammenhalten. Und einander unterstützen anstatt zu konkurrieren.

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Regie führte Kaspar Heidelbach, ein Spezialist für historische Stoffe, der zuvor schon „Das Wunder von Lengede“(2003) und „Der Untergang der Pamir“ (2006) gedreht hat. Mit „Berlin ’36“ wollten er und Drehbuchautor Lothar Kurzawa aber diese unfassbare Geschichte nicht nur erzählen. Sondern auch dramatisieren – und eine Haltung dazu einnehmen. Deshalb ist die Figur der Marie Ketteler fiktionalisiert. Sie basiert nur auf der Geschichte von Dora Ratjen, die erst 1939 amtsgerichtlich zum Mann erklärt wurde und sich daraufhin Heinrich Ratjen nannte.

Eine unfassbare Geschichte, die aber auch stark dramatisiert wurde

Der Film erlaubt sich dabei einige Freiheiten. Durch die Entdeckung von Maries Geheimnis entwickelt sich eine starke Bande zwischen den beiden. Und als die Nazis doch noch eine Finte finden, wie Gretels Teilnahme verhindert werden kann, sitzt diese am Ende im Olympiastadion.

Dabei springt mit Marie (durch eine Doppellichtung) auch Gretel, die eine also stellvertretend für die andere. Und am Ende reißt Marie reißt absichtlich die Latte: aus Solidarität. All das ist erfunden und zugespitzt. In Wirklich hat Gretel Bergmann erst viel später von der wahren Identität ihrer Konkurrentin erfahren – und war auch nicht im Olympiastadion.

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„Dieser Film beruht auf einer wahren Begebenheit“, heißt es zu Beginn. Das Plakat indes kündigte „Die wahre Geschichte einer Siegerin“ an. Weshalb sich nach dem Kinostart eine Debatte entzündete, in der Historiker den Filmemachern vorwarfen, die historischen Fakten verfälscht zu haben. Woraufhin diese mit einem Offenen Brief verhalten mussten: „Kein Film kann behaupten, Wahrheit zu erzählen.“

Nur einer bleibt sportlich fair in einem toxischen Umfeld

Hätten sie zuvor nicht selbst so deutlich die Wahrheit für sich reklamiert, wären die Wellen wohl nicht derart hoch geschlagen. Das ist schade, brachte der Film doch eine Geschichte zutage, die es durchaus verdient, erzählt zu werden. Und auch die schauspielerischen Leistungen, von Karoline Herfurth und Sebastian Urzendowsky, aber auch von Axel Prahl als einziger Trainer, der sich sportlich fair gibt und beim Sport von Politik nichts wissen will, verdienen beachtet zu werden.

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Unterstützung erfuhr der Film dagegen von Gretel Bergmann-Lambert selbst. Ihr wurde der Film als Erste gezeigt, in den USA, wo sie seit 1936 lebte. Zur Premiere des Films am 20. August 2009 reiste ihr Sohn Glenn Lambert nach Berlin. Sie selbst fühlte sich damals, mit immerhin schon 95 Jahren, zu alt zum Reisen (tatsächlich starb sie erst im gesegneten Alter von 103 Jahren). Sie sprach aber schon im Vorfeld mit den Filmemachern. Und ist am Ende des Films auch selbst zu sehen.

Gretel Bergmann plagte lebenslang ein Albtraum

Da verteidigt sie Ratjen: „Sie haben ihn gezwungen, so wie sie mich gezwungen haben.“ Und erklärt, wie sie versucht habe, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Aber Ratjen, der im April 2008, kurz vor den Dreharbeiten, völlig zurückgezogen verstarb, habe nie darauf reagiert. Bergmann-Lambert erzählt auch von dem Albtraum ihres Lebens: doch noch einmal im Olympiastadion zu stehen, aber nicht springen zu können. Ihr ist der Film gewidmet.

Zoo Palast, 4. Oktober, 20 Uhr, in Anwesenheit des Hauptdarstellers Sebastian Urzendowsky.