Konzerthaus

Mozart mit Beschwörungsritualen

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Volker Blech
Andrew Manze dirigiert mit vollem Einsatz das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus. 

Andrew Manze dirigiert mit vollem Einsatz das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus. 

Foto: Peter Meisel

Sopranistin Elsa Dreisig gefällt mit Mozart-Arien beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das unter Andrew Manze im Konzerthaus spielte.

Es gibt Dirigenten, denen man ansieht, dass sie ihr Handwerk daheim vorm Spiegel geübt haben. Sie können bei jeder Musik, vor jedem Orchester und jeder Kamera eine elegante Pose einnehmen. Beim Dirigenten Andrew Manze, der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am Donnerstag im Konzerthaus leitete, spielt hingegen Selbstdarstellung überhaupt keine Rolle. Seinen Mozart umhüllt er geradezu mit Beschwörungsritualen. Der 57-jährige Brite braucht mit seinen weitschwingenden energischen Bewegungen viel Raum am Pult. Und die Musiker scheinen seinen Einsatz zu mögen.

Denn der Mozart ist an diesem Abend eine hörenswerte Entdeckung. Manze möchte keinen gepuderten Rokoko-Kavalier vorführen, niemand soll eingelullt werden, Mozarts Es-Dur-Sinfonie ist für ihn eine dramatische Musik. Die Sinfonie KV 543 gehört zu den „großen Drei“, den letzten von Mozart. Das immer wieder diskutierte Vermächtnis legt der Alte-Musik-Spezialist Manze mit einem Blick unter die Oberfläche frei. Immer mal wieder kann man hinter all der Schönheit einen Abgrund erahnen.

Die Schlussakkorde suchen nach Halt im Diesseits

Im pulsierenden ersten Satz lässt das Orchester trotz kleinerer Mozart-Besetzung die Muskeln spielen, aber es sind gerade auch die Farben, die aufhorchen lassen. Kontraste gehen bekanntlich immer, aber Manze legt auch Wert auf emotional eingefärbte Übergänge. Der Streicherapparat entfaltet viel Glanz, der Bläserapparat verzichtet weitgehend auf eine dunkle Grundierung.

Das Andante bezaubert mit seinem melodischen Atem, das Menuetto mit volkstümlichen Charme. Aber der von Manze fast durchgepeitschte Finalsatz ist das Bemerkenswerteste an diesem Konzertabend, weil die Episoden und Stimmungen fast nur noch wie im Rausch vorbeijagen. Die Schlussakkorde suchen nach Halt im Diesseits.

Sopranistin Elsa Dreisig überzeugt durch empfindsame Natürlichkeit

Voller Dramatik will auch die dänisch-französische Sopranistin Elsa Dreisig zwei längere Konzertarien von Mozart präsentieren. Aber im Vordergrund steht dann doch der schöne Ton. Elsa Dreisig ist an der Staatsoper ist eine viel bewunderte Mozart-Interpretin, an diesem Abend überzeugt sie mit ihrer empfindsamen Natürlichkeit in Rezitativ, Arie und Cavatine KV 272.

Eröffnet wurde das Konzert mit Grazyna Bacewiczs Konzert für Streichorchester von 1948, mit dem sich die polnische Komponistin einst in Ost-Europa einen Namen erwarb. Das viertelstündige Stück wird sehr engagiert in seinem Spannungsfeld zwischen klassischer Tradition und zeitgemäßen Verfremdungen vorgeführt. Nach zwei Stunden erhalten Orchester und Andrew Manze viel Applaus. Nach einem Blick in den Saal bleibt aber auch festzuhalten, dass sich Mozart derzeit nicht gut verkaufen lässt.