Konzert

Jochen Distelmeyers intimes Konzert in einem Neuköllner Club

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Jochen Distelmeyer spielte Songs seines neuen Albums „Gefühlte Wahrheiten“.

Jochen Distelmeyer spielte Songs seines neuen Albums „Gefühlte Wahrheiten“.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Lässige Lyrik zu eingängigen Melodien: Jochen Distelmeyer lässt die Fans im Hole44 tanzen und schmachten.

Liebe liegt in der Luft, wenn Jochen Distelmeyer „Tanz mit mir“ oder „Komm (so nah wie du kannst)“ singt. Nicht metaphorisch, sondern rein körperlich gemeint. Live wirkt der Refrain einmal mehr wie ein suggestives Mantra. Textlich ein bisschen schwülheiß bei moderatem Tempo, während gesanglich unter der leicht unterkühlten Oberfläche Leidenschaft brennt. Da ist man Distelmeyers Stimme längst mit Haut und Haar verfallen. Mal wieder. Wohl auch, weil seine Songs authentisch wirken. Wirklich gelebt. Bei ihm gibt es keine sphärische Liebe auf Wolke sieben, sondern echte, zuweilen schweißnasse Hingabe. Erinnert im Geiste an Soul-Ikonen der Siebziger wie Isaac Hayes und Marvin Gaye. Kommt aber musikalisch nicht soulig-schmachtend daher, sondern flirrend leicht und luftig poppig.

Nicht die einzigen Gefühle direkt aus dem prallen, manchmal hindernisreichen Leben, die Jochen Distelmeyer bei seinem Konzert im Hole44 besingt. Es geht los mit „Zurück zu mir“, einem nachgerade fröhlichen Trennungssong, ebenfalls vom neuen Longplayer „Gefühlte Wahrheiten“. Mit „Kismet“ gibt es aber auch ein Stück, das es nicht auf das Album geschafft hat, live jedoch mit seinem treibenden Rhythmus perfekt funktioniert. Direkt vor der Bühne tanzen die ersten dazu. Dort kann man Distelmeyer übrigens hautnah erleben.

Auf der Galerie gibt es ein Problem mit der Akustik

Ohnehin ist der Neuköllner Club eher intim. Der Raum hat allerdings seine Tücken. Oben auf der Galerie, erzählt eine Zuschauerin, sei der Sound so suboptimal, dass man nicht versteht, ob Jochen Distelmeyer auf Deutsch oder Englisch singt. Unten im Saal besteht dieses Problem nicht. Dafür ist es in der drangvollen Enge leicht ölsardinig. Was es einem ermöglicht, einige Diskussionen über Distelmeyers aktuelles Album direkt mitzuerleben. Das sei leicht „schlageresk“, heißt es zuweilen noch vor dem ersten Ton.

Eine Kritik, die der Musiker mit seiner Performance schlagartig verstummen lässt. Mit einem geradlinigen, lässigen Sound zu eingängigen Melodien. Von Minute eins an wippen alle mit. Die Stimmung ist blendend. Vor und auf der Bühne. Anfangs trägt Distelmeyer eisern Jackett. Obwohl es höllisch heiß sein muss unter den unzähligen Scheinwerfern. Nach dem vierten, fünften Lied fliegt das Teil aber in die Ecke. Mit seiner vierköpfigen Band im Rücken, bleibt der Sänger indes durchgehend bei der Akustik-Gitarre mit ihrem warmen Klang. Was nicht nur bestens zu seiner Stimme, sondern auch zu den Songs passt, die zum großen Teil von „Gefühlte Wahrheiten“ stammen.

Natürlich sind auch Lieder von Blumfeld dabei

Was fehlt, sind die Country-Songs, die sich nahtlos ins neue Album einfügen. Vielleicht atmen sie ein wenig zu viel Lagerfeuer-Atmosphäre für einen aufgeheizten Live-Gig. Aber selbstredend spielt Jochen Distelmeyer Lieder von Blumfeld. Ist er doch Mastermind der 1990 gegründeten Band, mit der er seit über zehn Jahren eine Art On-and-Off-Beziehung pflegt. Mit Songs wie „Graue Wolken“ und „Eintragung ins Nichts“ krönt er das phänomenale Konzert endgültig. Seine treue Fangemeinde schwelgt mit glückseligem Lächeln in den Songs, die für viele wahre Lebenslieder sind.