Konzert

Joja Wendt lässt mit seinem Klavier das Konzerthaus erbeben

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Ulrike Borowczyk
Klangkunstwerke am Flügel: Joja Wendt.

Klangkunstwerke am Flügel: Joja Wendt.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Der Pianist und Entertainer erschafft einen federleichten, komplexen Sound – und glänzt mit launigen Sprüchen.

Was sein Instrument betrifft, macht Joja Wendt keine Kompromisse. Wo immer er auftritt, der Flügel muss mit. Auch, wenn er eine schlappe halbe Tonne wiegt. Aber schließlich ist es auch das wohl einzige Pianoforte weltweit mit einem ganz besonderen Gimmick. Spricht man die Zauberformel „Tanz, Brüderchen!“, wiegt es sich rhythmisch hin und her. Zumindest, wenn der Hamburger Star-Pianist den berühmten „Säbeltanz“ inklusive einer seiner jazzigen Improvisationen darauf spielt. Und wie es sich gehört, verneigt sich nicht nur Joja Wendt danach formvollendet, sondern auch sein Flügel.

Nie um einen launigen Spruch verlegen, erobert der Pianoman und Entertainer bei seinem Konzert das Berliner Publikum im Sturm. Im Rahmen seiner Tour „Stars on 88 Part II“, benannt nach der Anzahl der schwarzen und weißen Tasten, lässt er das Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit seinem Klavierspiel regelrecht beben. Unter anderem mit einem frei improvisierten After-Marathon-Boogie und einem Stück von Jazzpiano-Gott Art Tatum, von dem niemand geringerer als der legendäre Vladimir Horowitz sagte: „Gut, dass der Mann keine Klassik spielt. Sonst könnten wir alle einpacken.“

Schnelle Läufe und überraschende Wendungen

Joja Wendt indes ist in allen musikalischen Genres zuhause und performt Art Tatum lässig mit irrwitzig schnellen Läufen und überraschenden Wendungen, schafft einen komplexen Sound, der federleicht daherkommt. Weil es früher keine Gage für den Mann am Klavier, wohl aber Drinks gab, hat Tatum kleine Pausen eingebaut. Und weil Wendt die Herausforderung liebt, lässt er sich von seinem Bühnenmeister Alex zwischendurch ebenfalls ein Erfrischungsgetränk servieren, während er einhändig weiterjazzt. Ein Virtuose durch und durch.

Damit jeder sieht, wie die Klangkunstwerke am Flügel entstehen, werden die Tastatur und Joja Wendts meisterhaftes Spiel direkt auf ein Display gebeamt. Jeder Laie ahnt bei diesem Anblick, dass tausende Übungsstunden in einem Konzert stecken. Als leidenschaftlicher Musiker wirbt der 58-Jährige zudem eifrig für sein Instrument. Untermauert mit wissenschaftlichen Studien, dass Klavierspielen „eine tolle Sache“ ist. Erklärt, dass Pianisten länger leben, fokussierter und auch attraktiver sind. Letzteres ist ein bisschen gemogelt, Beifall gibt es aber natürlich trotzdem.

Die Musik wirkt lebensverlängernd

Wer einen Auftritt von Joja Wendt erlebt, hat übrigens mindestens noch zehn Jahre vor sich in Anbetracht des Heilungsprozesses, der durch die Musik in Gang gesetzt wird. Jedenfalls dem Bekunden des Künstlers selbst zufolge. Nicht von der Hand zu weisen ist der meditative Effekt, den vor allem seine eigenen brillanten Kompositionen haben. Wie „Helix“, benannt nach der molekularen Struktur unserer DNA.

Bei seinem Stück „Universum“ verbaut Joja Wendt im mittleren Register des Flügels eine selbstgebastelte Apparatur, die einen Stopp-Effekt auf die Saiten ausübt und den Klang auf großartige Weise verfremdet. Die filigrane, dichte Melodie ist nichts weniger als allumfassend. Danach ist man im Einklang mit dem Universum und sich selbst. Sogar der Herzschlag scheint verlangsamt. Definitiv gesundheitsfördernd. Wer weiß, vielleicht gibt es ja demnächst die fabelhaften Konzerte von Joja Wendt auf Rezept.