Theater

Kanonenritt auf der Psycho-Couch: „Münchhausen“

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Eine harte Nuss: Professor Freud (Matthias Freihof, r.) muss Baron Münchhausen (Jytte-Merle Böhrnsen) analysieren.

Eine harte Nuss: Professor Freud (Matthias Freihof, r.) muss Baron Münchhausen (Jytte-Merle Böhrnsen) analysieren.

Foto: Franziska Strauss

Uraufführung in der Komödie: In „Münchhausen“ verzweifelt Sigmund Freud an seinem allerletzten Patienten – dem Lügenbaron.

Was macht eigentlich der britische Geheimdienst MI 6 ohne James Bond? Auf welche anderen Spezialkräfte greift er zurück? Erst recht zu einer Zeit, als es den Agenten mit der Doppelnull noch gar nicht gibt? Eine amüsante Antwort darauf gibt das Stück „Münchhausen oder: Freuds letzte Reise“, das am Sonntagabend in der Komödie im Schiller Theater uraufgeführt wurde.

Im Jahre 1939 wird da kein Geringerer als Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, in London vom MI 6 entführt und mit Sack überm Kopf an einen geheimen Ort verschleppt. Hier soll er einen Deutschen analysieren, der mit einem Heißluftballon auf dem Dach des Buckingham-Palasts gelandet ist. Hitler-Deutschland hat gerade Polen überfallen und so den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Großbritannien sieht in dem seltsamen Fremden deshalb einen Attentäter auf King George. Doch trotz rabiater Verhörmethoden hat der MI 6 nichts aus ihm herausgebracht.

„Münchhausen“: Aus einem Comic wird ein Theaterstück

Nun soll der berühmte Psychoanalytiker ran. Auch wenn der gar nicht mehr praktiziert. Und gegen seine Entführung protestiert. Aber schließlich hat das Königreich Freud nach seiner Flucht aus Wien großzügig Asyl gewährt. Das, gibt man ihm zu verstehen, könne man jederzeit rückgängig machen. So muss er sich fügen. Aber auch der erfahrene Analytiker stößt bei seinem allerletzten Patienten an Grenzen. Denn der Häftling stellt sich als Freiherr von Münchhausen vor, der direkt von der anderen Seite des Mondes kommen will und Geschichten auftischt, die Freud schon kennt. Aus dem Buch über den gleichnamigen Lügenbaron. Wahnvorstellungen oder bewusste Irreführung?

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Auf deutschen Bühnen werden längst nicht mehr nur Theaterstücke gespielt, sondern auch Adaptionen von Romanen oder gar Filmen. Dass sich am Ende der Premiere auch zwei Comiczeichner verbeugen, ist dagegen ein eher ungewohnter Anblick. Aber dieser „Münchhausen“ hat eben nichts mit Armin Petras’ gleichnamigem Monolog mit Milan Peschel am Deutschen Theater zu tun. Übrigens auch nichts mit dem in der Psychologie bekannten Münchhausen-Syndrom, bei dem die Patienten körperliche Erkrankungen vortäuschen oder absichtlich hervorrufen.

Die Psychocouch darf nicht fehlen, der Weinbrand aber auch nicht

Das Stück bezieht sich vielmehr auf den Comicband „Münchhausen: Die Wahrheit über das Lügen“ der Comic-Zeichner Flix und Bernd Kissel. Und Sönke Andresen, der eine Zeit lang Hausautor am Hamburger Ohnsorg-Theater war und die Drehbücher für den Berliner Underground-Filmer Axel Ranisch schreibt, auch dessen umstrittene „Tatort“-Folge „Babbeldasch“, hat daraus im Auftrag der Komödie ein Theaterstück geformt.

Viel braucht Regisseur Andreas Gergen nicht, um das auf die Bühne zu stellen. Nur ein steriles Verhörzimmer, das neongrell beleuchtet wird. Viel braucht auch sein Professor Freud nicht, um seinen Patienten zu analysieren. Nur eine Couch (natürlich!), einen Sessel für sich. Weinbrand, Zigarre. Und ein Medium, auf das wir noch näher eingehen müssen.

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Matthias Freihof gibt seinen Freud schön kauzig und knurrig. In seiner Maske und seinen Posen ist er Freud durchaus nicht unähnlich. Er hat sich für ihn auch altersbedingt langsame Bewegungen antrainiert und spricht mit heiserer, kieksender Stimme. Dass man dem Lügenbaron durchaus nicht alles glauben muss, liegt schon daran, dass er von Jytte-Merle Böhrnsen gespielt wird. Eine Lügenbaronin also, die mit ihrem juvenilen Agieren einen starken Kontrapunkt setzt.

Freud und seine Methoden landen hier selbst auf der Couch

Der größte Coup des Stücks aber ist das „Medium“, eine Anspielpuppe namens Franz-Josef, die wie ein Sack im Raum liegt, für Rollenspiele mit dem Patienten jedoch jederzeit zum Leben erweckt werden kann. Marcus Ganser gibt diesen Franz-Josef mit breitem Wienerisch, der eigentlich nicht spielen will, aber umso lustvoller aus seinen Rollen ausbricht. Und sorgt für die meisten Lacher am Abend. Eher undankbar dagegen sind die Rollen von Max Ortner, der nicht viel mehr tun darf, als den Häftling vor- und abzuführen, und Karina Krawczyk als MI-6-Angestellte, die ständig Erfolge einfordert, die ihr unter ihrer Durchwahl 007 durchzugeben sind.

„Münchhausen“ ist ein Konversationsstück, das etwas unter seinem Textkonvolut leidet. Die drei Hauptdarsteller überspielen das aber mit großer Freude. Und Regisseur Gergen findet noch weitere schöne Einfälle, um das vergessen zumachen. Wenn auf der Wand im Hintergrund die Lügengeschichten wahr werden. Wenn sich Münchhausen da wirklich (samt Pferd Franz-Josef) am Zopf aus dem Schlamassel zieht. Am Ende lässt Gergen noch buchstäblich die Puppen tanzen.

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Und dann gibt sich das Stück auch noch die Kugel, also den berühmten Kanonenritt, mit dem nicht nur der Lügenbaron durch die Lüfte saust, sondern der Seelendoktor gleich mit. Der lässt damit seine lebenslang gepflegte Rationalität hinter sich und macht sich frei für die Macht der Fantasie und Vorstellungskraft. Das ist dann auch das Ironiesignal des Stücks – und sein Notausgang. Vielleicht sind all das ja nur Fantastereien der letzten Minuten, nahm sich Freud doch kurz nach Ausbruch des Krieges in London das Leben.

„Münchhausen“ ist ein ironisches Stück über Träume und Traumdeutungen, über die Wahrheit und die Wahrheit hinter der Wahrheit, wobei auch Freud selbst und seine Methoden quasi auf der Couch liegen. Am Ende aber wird daraus ein Loblied auf die Fantasie, mit der schwere Zeiten – die von damals, aber auch von heute – überhaupt nur zu ertragen sind.

Bei der Uraufführung gibt es dabei viel Applaus – für die Darsteller, den Autor und die Comiczeichner. Nur der Regisseur Gergen kommt nicht auf die Bühne. Der hatte am Tag zuvor Kontakt mit einem positiv auf Covid Getesteten und hat sich vorsorglich in Quarantäne begeben. So gern man sich mit ein paar Stunden Unterhaltung ablenken lassen will – Corona bleibt eine Wahrheit, der man auch mit Lügen nicht entkommen kann.

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 10, Charlottenburg. Kartentel.: 88 59 111 88. Termine: Di-Sa, 20 Uhr, So 16 Uhr. Bis 23. Oktober.