Philharmonie

Wenn die Philharmoniker in den Routine-Modus schalten

| Lesedauer: 2 Minuten
Felix Stephan
Berliner Philharmoniker unter Marek Janowski.

Berliner Philharmoniker unter Marek Janowski.

Foto: Frederike van der Straeten

Marek Janowski dirigiert Werke von Reger und Schumann bei den Berliner Philharmonikern. Die Begeisterung bleibt leider aus.

Wie schaffen es die Berliner Philharmoniker, dass an diesem Abend jeder sehnsüchtig auf Schumanns „Rheinische“ Sinfonie Nr. 3 wartet? Es hat wohl zu tun mit Max Regers 40-minütigem Klavierkonzert zuvor. Ein Brocken von einem Werk, rätselhaft in der Form, verworren in der Harmonik. Und so übermäßig virtuos und dauerauftrumpfend, dass einem bereits nach zehn Minuten langweilig werden kann. Ein weiteres Problem: der anspruchsvolle Orchesterpart. Kaum auszureichen scheinen dafür die üblichen drei Proben. Vor allem dann nicht, wenn die Philharmoniker das Werk zuletzt vor 26 Jahre gespielt haben.

Umso wichtiger daher die Überzeugungskraft des Pianisten und des Dirigenten. Umso wichtiger ihre Fähigkeit, das Publikum mit der eigenen Begeisterung anzustecken. Doch diese Begeisterungsfähigkeit fehlt dem 83-jährigen Gastdirigenten Marek Janowski. Sie fehlt auch dem Frankokanadier Marc-André Hamelin. Zwei Interpreten übrigens, die sich ziemlich ähnlich sind. Beide eher kühl veranlagt, beide mit Hang zu Transparenz und handwerklicher Qualitätsarbeit.

Pianist Marc-André Hamelin ist Janowskis Wunschpartner

Es erstaunt wenig, dass Janowski bereits zu Rundfunk-Sinfonieorchester-Zeiten öfters mit Hamelin musiziert hat. Bei den Philharmonikern ist Hamelin jetzt ebenfalls Janowskis Wunschpartner. Und was soll man sagen? Gerade im Reger-Klavierkonzert wäre es vielleicht attraktiver gewesen, einen Pianisten zu verpflichten, der Janowski eher kontrastiert als verdoppelt. Einen Pianisten, der auf Farbzauber und Innenspannung setzt. Hamelin dagegen bietet mühelose Virtuosität und geschmeidige Anschlagskultur – und bleibt dabei ziemlich blass. Ansätze zu tieferer Empfindung und Klangsinnlichkeit zeigt Hamelin im lyrischen zweiten Satz.

Frisch und energisch wirken die Philharmoniker in Schumanns „Rheinischer Sinfonie“. Straff und konzentriert. Es ist ein sehr einheitlicher Schumann, mit klaren Strukturen und strengen Tempi. Man könnte auch sagen: Janowski treibt dieser Musik das Hochromantische aus, das Feierliche und Geheimnisvolle. Und das hat Vorteile und Nachteile. Einerseits verzichtet Janowski auf alles, was von der Musik an sich ablenken könnte. Konsequent und in aller Deutlichkeit legt er Schumanns Kompositionstechniken offen: den Tonsatz, die formale Anlage, die Instrumentation.

Anderseits lässt er Musiker und Zuhörer kaum zu Ruhe und Atem kommen. Was sich zunehmend auf die klangliche Inspiration der Philharmoniker auswirkt. Die Folge: Das Orchester schaltet in den Routine-Modus. Es liefert einen Schumann auf gewohnt hohem spielerischem Niveau – aber kein Konzertereignis, das lange im Gedächtnis bleibt.