Kleinkunst

Das Comeback von Gayle Tufts und Rainer Bielfeldt

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Ulrike Borowczyk
Traten nach 20 Jahren wieder zusammen auf: Gayle Tufts und Rainer Bielfeldt.

Traten nach 20 Jahren wieder zusammen auf: Gayle Tufts und Rainer Bielfeldt.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

2004 waren Gayle Tufts und Rainer Bielfeldt getrennte Wege gegangen. Nun waren sie wieder zusammen in der Wabe zu sehen.

Rainer Bielfeldt verzweifelt leicht an seinem jungen Ich. Was hatte er sich nur dabei gedacht. Damals, vor zwei, drei Jahrzehnten, als er noch Songs schrieb mit gesanglich herausfordernden Tonsprüngen. Die nach außen natürlich federleicht rüberkommen müssen, aber vom Sänger innerlich Schweiß, Blut und Tränen abverlangen. Wie „Two Worlds“. Ein Song, nach dem man eigentlich fix und fertig ist. Und vor dem man gewaltiges Lampenfieber hat. Dennoch meistern Gayle Tufts und Rainer Bielfeldt diesen Opener mit Bravour. Was für ein Comeback als Traumduo. Ein Einstand nach Maß. Und doch schüttelt Bielfeldt den Kopf und erinnert sich selbst daran: „Wenn man Lieder schreibt, sollte man an die Reunion 20 Jahre später denken.“

Eigentlich hatte niemand mehr an die Rückkehr der beiden Kleinkunst-Titanen der Neunziger geglaubt. Er war der „schwule deutsche Elton John“, sie „the girl with the big voice“. 2004 hatten sie sich getrennt, weil es sie künstlerisch in verschiedene Richtungen zog. Es war „not a horrible divorce“, wie Gayle Tufts erklärt. Jetzt endlich haben sie eine Gelegenheit zu einem Wiedertreffen vor Publikum gefunden. Und zwar in der Reihe „Bielfeldts Begegnungen“, die der Sänger und Komponist bereits vor Corona in der Wabe startete.

Die Songtexte werden jetzt mit Lesebrillen vorgetragen

Zwei Proben und ein Abendessen gab es zur Vorbereitung des einmaligen Abends. Manches ist noch genauso wie vor 18 Jahren, als sie zuletzt gemeinsam auf der Bühne standen. Ihre Stimmlagen zum Beispiel. Kein Transponieren von Songs, wie sie stolz erklären. Anderes hat sich geändert. Etwa die Lesebrillen, die sie nun tragen, um die auf der Schreibmaschine getippten Songtexte aus Anfangstagen auf vergilbtem Papier überhaupt noch lesen zu können.

Natürlich ist Gayle Tufts auch ihrem Denglish treu geblieben. Jenem pointierten deutsch-englischen Sprachmix, der einer der Gründe war, warum das Duo so heiß und innig geliebt wurde. Frisch nach Deutschland gekommen, behalf sich die US-Amerikanerin aus Brockton, Massachusetts anfangs damit. Längst besitzt sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft und muss erkennen, dass ihre Landsleute in Berlin heute eine umgekehrte Anpassung erwarten. Was sie bei einem Cafébesuch in Kreuzkölln erzürnt hat, wie sie erzählt Als der Kellner bei der Bitte um einen Milchkaffee meinte: „Don’t know, what it is“, brach es aus ihr heraus: „It’s a coffee with milk. Learn Deutsch!“

Ein Klassiker: „Konrad Duden must die“

Vor allem aber lassen Bielfeldt und Tufts die zehn Jahre ihrer Karriere mit acht Bühnenshows Revue passieren. Wobei sich die zweite Hälfte teilweise zu einer Art brancheninternem „Meet and Greet“, bei dem im Minutentakt Kollegen begrüßt oder aufgezählt werden. Wer nicht dazugehört, wünscht sich in diesen Momenten eine Vorspultaste. Zu einer der vielen witzigen Conférencen etwa. Oder zu den großartigen Songs. Denn die beiden waren nicht nur das perfekte Duo auf der Bühne, sondern auch kongeniale Songwriter. Viele ihrer zeitlosen Lieder sind beredter Beweis. Wie „Broken World“, das durch den Ukraine-Krieg erschreckend aktuell ist und in dessen phänomenaler Interpretation man sich verlieren möchte. Selbstverständlich performt das Duo auch seine Klassiker. Darunter „Dictionary of Delight“ und „Konrad Duden must die“. Songs, die das Zeug zum Chartbreaker haben und von denen man sich wünscht, sie noch oft live zu hören.