Kunstwerke auf Reisen

„Es ist klein, aber repräsentativ“

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Volker Blech
Alberto Giacomettis Skulptur „Große Stehende Frau III“ steht im Zentrum des Ausstellungsraums in der Sammlung Scharf-Gerstenberg.

Alberto Giacomettis Skulptur „Große Stehende Frau III“ steht im Zentrum des Ausstellungsraums in der Sammlung Scharf-Gerstenberg.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Während das Museum Berggruen saniert wird, werden elf seiner Werke in der Sammlung Scharf-Gerstenberg ausgestellt.

Für die Ausstellung mussten die Macher die Bilder nur mal schnell über die Straße tragen, denkt man leichtfertig dahin, wenn man auf der Charlottenburger Schloßstraße zwischen dem Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg steht. Aber ganz so einfach lief das nicht, war am Mittwoch vor der Eröffnung zu erfahren. Die kostbaren Bilder mussten sicher verpackt und mit dem Transporter auf die andere Straßenseite gebracht werden. Die Sammlung Scharf-Gerstenberg hat ihrem Museums-Gegenüber einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem während der Schließzeit des Museum Berggruen eine Auswahl aus der dort beheimateten Sammlung für das Publikum zugänglich bleibt. „Es ist klein, aber repräsentativ“, sagt Kuratorin Veronika Rudorfer.

Neben Alberto Giacomettis „Große Stehende Frau III“ von 1960 werden ab sofort zehn weitere Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse und Paul Cézanne präsentiert, ebenso wie Arbeiten von Paul Klee. Der Künstler ist auch in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zahlreich vertreten. „Wir haben auch darauf geschaut, wie unsere Auswahl zum surrealistischen Schwerpunkt der Sammlung Scharf-Gerstenberg passen“, sagt Direktor Gabriel Montua. „Es sind beides Häuser der Moderne.“

Mit dem feinen Unterschied, dass im Berggruen-Museum eher die klassische Moderne im Mittelpunkt steht, in der Sammlung Scharf-Gerstenberg die surrealistische Moderne. „Giacometti kommt jetzt von uns, aber er war auch Mitglied der surrealistischen Bewegung“, so Montua, „er hat das ,Surrealistische Manifest’ mit unterzeichnet.“ Er und Picasso hatten eine enge Beziehung zu der Bewegung. „Ich glaube, die Berggruen-Gäste werden sich hier wohl fühlen.“

Beide Stüler-Häuser gehören zu einem Gebäudeensemble

Beide Häuser sind Standorte der Sammlung der Nationalgalerie und sie verbindet neben den Sammlungsschwerpunkten auch das Gebäudeensemble. Die nahezu identischen Zwillingsbauten gegenüber vom Schloss Charlottenburg wurden von 1851 bis 1859 von Friedrich August Stüler für das königliche Garde-du-Corps Regiment erbaut. Seit der Nachkriegszeit nutzen die Staatlichen Museen zu Berlin sie als Ausstellungshäuser.

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg hatte bereits 2013/14 die große Klee-Ausstellung „Les Klee du Paradis“ mit Werken aus der Sammlung der Nationalgalerie, die sonst im Museum Berggruen und der Neuen Nationalgalerie gezeigt wurden, präsentiert. Jetzt ist das Museum Berggruen geschlossen, damit dieser Stülerbau bis 2025 grundsaniert werden kann. Derweil ist die Sammlung in Berlin und der Welt unterwegs. Elf Werke sind bei Scharf-Gerstenberg, zwei im Kulturforum und drei in der neuen Nationalgalerie anzutreffen. 97 Werke reisen nach Japan. „Wir sind noch intensiv am packen“, sagt Veronika Rudorfer. „Nächste Woche geht es los nach Tokio ins National Museum of Western Art.“

Bilder der Sammlung reisen nach Japan, China und Frankreich

In Japan werden die Berliner Leihbilder durch elf Werke derselben Künstler, die sich in japanischen Sammlungen befinden, erweitert. Danach reist die Schau „Die Sammlung Berggruen/Nationalgalerie Berlin“ weiter nach Osaka, im Juli nach China, im Herbst 2024 nach Paris. 113 von insgesamt 330 Werken des Museums Berggruen sind außer Haus, der Rest, so der Direktor, sind in einem „gesicherten Kunstlager in Berlin“.

Ein stimmungsvolles Kabinett hat sich das Museum Berggruen beim Nachbarn eingerichtet. „Ausgegangen sind wir von der Figuration, von Giacomettis ,Große Stehende Frau III’. Es ist die einzige Skulptur im Raum und die größte Arbeit“, sagt Veronika Rudorfer. „Kuratorisch muss man vom Großen zum Kleinen hin denken. Ausgehend von der Figuration wollten wir Pfade durch die Ausstellung legen.“ Die Kuratorin spricht über mimetische Porträts, der Nähe zum Skulpturalen und neuen Findungen in der Bildsprache. Es gäbe schöne Bezüge, sagt sie, zwischen Giacometti und Picasso zu entdecken.

An einer Wand mit lediglich zwei Bildern bleiben wir besonders lange stehen. „Das war für uns eine schöne Neuigkeit, Arbeiten von Paul Klee und Pablo Picasso in direkter Nachbarschaft zu hängen“, sagt die Kuratorin. „Man sieht durchaus Verwandtschaften, zum Beispiel in der Komposition und in der Bildsprache der Augen.“ Genau genommen geht es bei Paul Klees Aquarell „Drüber und drunter“ (1932) und Pablo Picassos „Bildnis Nusch“ (1937) um Sternchen und geometrische Anmutungen.

Picasso hatte eine Affäre mit seinem Modell Nusch

Picassos Porträt der armen, viel zu früh verstorbenen Maria Benz, genannt „Nusch“, macht auf etwas anderes in der Schau aufmerksam, nämlich auf all jene Frauenfiguren, die gerne als Musen oder Femme fatale verklärt werden. Heutzutage ist eine dezente Kontextualisierung empfehlenswert, denn es geht nicht nur um Nacktmodelle und Partnerwechsel, sondern im Falle von Nusch auch um Prostitution und Abhängigkeit. Picasso soll eine Affäre mit ihr gehabt haben.

Etwas anderes fällt beim Besuch der kleinen Schau auf: die Bilderrahmen. „Heinz Berggruen arbeitete immer mit historischen Bilderrahmen“, sagt die Kuratorin. „In anderen Häusern oder Sammlungen sieht man sehr oft, dass es immer einen Standardrahmen gibt. Das ist im Museum Berggruen anders. Die Rahmen sind überwiegend sehr viel älter als die Bilder. Damit wird die Individualität des Sammlers Heinz Berggruen noch einmal gut fassbar.“ Es zeige, dass er nicht nur Kunstwerke sammeln, sondern sie auch individuell präsentieren wollte.

Museum Berggruen zu Gast in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr. 70, Charlottenburg. Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr