Staatsoper Unter den Linden

Barenboim hat Thielemann angerufen

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Volker Blech
Dirigent Christian Thielemann bei der Sächsischen Staatskapelle.

Dirigent Christian Thielemann bei der Sächsischen Staatskapelle.

Foto: Jan Woitas / dpa

Es ist bemerkenswert, dass der erkrankte Daniel Barenboim für die „Ring“-Neuproduktion Christian Thielemann an die Staatsoper holt.

Thielemann springt für Barenboim ein. Das klingt nach einer gängigen Mitteilung im Opern- und Konzertbetrieb, wo immer mal jemand erkrankt und kurzfristig ein Ersatz gefunden wird. Aber diese Besetzungsänderung der Staatsoper Unter den Linden ist mit Blick auf die beiden Stardirigenten, die über zwei Jahrzehnte hinweg kein Wort miteinander wechselten, schon etwas Bemerkenswertes. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, heißt es aus der Staatsoper, könne die zu seinem 80. Geburtstag geplante Neuproduktion von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ nicht selbst leiten.

„Er müsse das Dirigat aus gesundheitlichen Gründen absagen“, so die Mitteilung. Für Barenboim übernehmen Christian Thielemann (63) und Thomas Guggeis (29) die Leitung der drei im Oktober und November geplanten Zyklen von Wagners vierteiligem Werk.

„Ich bin zutiefst traurig, den neuen ,Ring’ nicht dirigieren zu können“, wird Stardirigent Daniel Barenboim zitiert. Die Arbeit mit Regisseur Dmitri Tcherniakov, Ensemble und Staatskapelle sei ganz besonders erfüllend. „Ich muss aber nun meiner Gesundheit den Vorrang geben und mich auf meine vollständige Genesung konzentrieren.“ Barenboim leidet seit Monaten an Vaskulitis, einer Entzündungen von Blutgefäßen. Mit dieser Entscheidung folge er dem Rat der Ärzte. Zuletzt war Daniel Barenboim dennoch mit seinem West-Eastern Divan Orchestra auf Tour und in der Waldbühne zu erleben.

Wagners „Ring“ hat an vier Abenden in einer Woche Premiere

Der vermittelnde Intendant Matthias Schulz zeigte sich „überaus traurig“ über die neuerliche Absage. „Wir sind Christian Thielemann zu großem Dank verpflichtet, dass er die Premierenserie und den dritten Zyklus übernehmen wird.“ Thomas Guggeis, der den zweiten Zyklus dirigiert, sei seit rund einem Jahr in die Vorbereitungen eingebunden. Wagners „Ring des Nibelungen“ war das Großprojekt oder auch Geschenk zum 80. Geburtstag von Daniel Barenboim, der am 15. November gefeiert wird. Zum Saisonauftakt soll Wagners „Ring“ an vier Abenden innerhalb einer Woche jeweils als Premiere auf die Bühne kommen. Jetzt darf Thielemann die Lorbeeren dieses ungewöhnlichen Projekt ernten.

Verwundert rieben sich kürzlich Philharmonie-Besucher die Augen, als sie Daniel Barenboim im zweiten Konzert der Staatskapelle Berlin unter den Zuhörern entdeckten. Christian Thielemann war im Juni kurzfristig für den verletzten Herbert Blomstedt (95) eingesprungen und dirigierte unter anderem Wagners „Tristan“-Vorspiel. Staatsopern-Intendant Matthias Schulz sagte anschließend im Interview, dass sich Daniel Barenboim darüber gefreut habe, dass Thielemann das Programm übernommen habe. „Wir wollten ihn zur Staatskapelle bringen, weil es bislang ja nie zu einem Debüt kam.“ Ursprünglich war mit Thielemann in der Spielzeit 2023/24 ein Abonnementkonzert geplant.

Die Deutsche Oper und die Staatsoper sollten fusioniert werden

Mehr als zwei Jahrzehnte liegt es zurück, dass Thielemann, der seinerzeit Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin war, ein Auge auf die Staatsoper und die Staatskapelle geworfen hatte. Vor Gründung der die drei Opernhäuser sichernden Opernstiftung gab es im kulturpolitisch rüden Berlin verschiedene Fusionsfantasien. In der Amtszeit von Kultursenator Christoph Stölzl wurde die Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper vorbereitet, die Lindenoper sollte nur noch ein Haus für die Barockoper sein. Es war eine unverhüllte Zeit, in der im konservativen politischen Milieu am Rande des Abgeordnetenhauses der „Jude Barenboim“ dem „Jung-Karajan Thielemann“ gegenüber gestellt wurden. Auch eine Äußerung des gebürtigen West-Berliners Thielemann aus jener Zeit war umstritten.

Daniel Barenboim blieb glücklicherweise in Berlin, trotz des Antisemitismus, der ihm entgegenschlug. Entschuldigungsrituale beendete er mit dem Hinweis, künftig über ihn nur noch als Dirigenten und Pianisten zu berichten und das Judentum beiseite zu lassen. Der Kontakt zu Thielemann, den er zuvor noch als seinen früheren Assistenten hochgelobt hatte, brach ab. Der Bund stand hinter Barenboim, und die landeseigene Opernstiftung nahm Januar 2004 ihren Betrieb auf. Mag sein, dass Barenboim als Staatsopernchef seither hellhöriger ist und strenger Loyalität von Mitstreitern einfordert. In der Staatskapelle galt Thielemann seinerzeit als Beelzebub. Inzwischen sitzt aber eine neue Musikergeneration an den Pulten.

Thielemann wurde der prägendste Wagner-Dirigent in Bayreuth

Thielemann war im September 2004 Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker geworden und übernahm 2012 die Dresdner Staatskapelle. Er wurde der prägendste Wagner-Dirigent bei den Bayreuther Festspielen. Beide Positionen musste Thielemann inzwischen aufgeben. In der künstlerischen Wertschätzung des Komponisten Richard Wagner und überhaupt der deutschen Musiziertradition sind sich Barenboim und Thielemann viel ähnlicher, als man vielleicht denkt.

Barenboim hat Thielemann jetzt persönlich angerufen. Dass Barenboim für die international wichtige „Ring“-Produktion an der Staatsoper Thielemann „einspringen“ lässt, zeigt nicht nur seine menschliche Größe, sondern es ist auch insofern bemerkenswert, als er ausschließlich die künstlerische Höchstleistung gelten lässt – und dies in einer Zeit, in der sich sich der Kulturbetrieb immer mehr nach Quoten, politischer Korrektheit und „wokeness“ ausrichtet. Die Personalie wird sicherlich weitere Diskussionen auslösen, auch wenn dieser Stabwechsel dem Zeitgeist widerspricht, die unbequemen und schwierigen „Pult-Götter“ von ihren Sockeln stürzen zu wollen. Zweifellos machen es weder Barenboim noch Thielemann ihren Musikern im Umgang leicht.

Der Orchestervorstand freut sich auf die Arbeit mit Thielemann

„Wir bedauern, dass es Daniel Barenboim gesundheitlich nicht gut geht und wünschen ihm von Herzen gute Besserung“, teilte am Mittwoch der Orchestervorstand mit. „Trotz dieser Umstände sind wir froh, dass Christian Thielemann jetzt einspringen kann und damit unseren „Ring“ rettet. Die Staatskapelle Berlin hat durch sein extrem kurzfristig übernommenes Dirigat unseres letzten Abo-Konzertes bereits einen ganz besonderen Vorgeschmack auf die kommenden vielen Stunden Wagner unter seiner Leitung erlebt. Wir freuen uns auf wunderbare Vorstellungen des ,Ring des Nibelungen’ mit Christian Thielemann, Thomas Guggeis und einem fantastischen Sängerensemble.“ Dem muss man nichts hinzufügen.