Musikfest Berlin

„Manchmal muss man Provokationen einfach unterlassen“

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Volker Blech
Musikfest-Leiter Winrich Hopp im Haus der Berliner Festspiele.

Musikfest-Leiter Winrich Hopp im Haus der Berliner Festspiele.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das Musikfest gilt als ambitioniert. Leiter Winrich Hopp erklärt, wo er angesichts von Russlands Angriffskrieg künstlerische Grenzen sieht.

Das Musikfest Berlin ist traditionell zugleich der Auftakt der neuen Konzertsaison in der Stadt. Vom 27. August bis zum 19. September sind 27 Veranstaltungen in der Philharmonie, im Konzerthaus, im Haus der Berliner Festspiele und in der Kirche Am Hohenzollernplatz angekündigt. Dabei werden über 50 Werke von rund 40 Komponisten und Komponistinnen präsentiert, aufgeführt von 33 Klangkörpern. Es ist ein ambitioniertes Festival, das Winrich Hopp seit 2006 als Künstlerischer Leiter im Auftrag der Berliner Festspiele leitet.

Herr Hopp, große amerikanische Orchester kommen wieder nach Berlin geflogen. Überhaupt ist das Musikfest Berlin wieder international. Ist Normalität ins Festival eingezogen?

Winrich Hopp: Von „Normalität“ möchte ich nicht sprechen. Wir haben eine wiedergewonnene Möglichkeit. Ob das so bleibt, wissen wir gegenwärtig nicht. Und es geht nicht nur um Corona. Wir leben insgesamt in einer schwierigen Zeit mit vielen Auseinandersetzungen. Wir müssen sehen, wie wir uns unsere Handlungsspielräume erhalten. Um das Musikfest mache ich mir aber konkret keine Sorgen. Man lernt zu schätzen, was man hat.

Wenn Sie mit internationalen Partnern reden und verhandeln, hat sich nach der Pandemie etwas grundlegend verändert?

Finanziell auf jeden Fall. Reisen, Unterkünfte, Logistik sind teurer geworden. Das Tourneegeschäft ist starken Kostensteigerungen ausgesetzt. Dabei hat das Tourneeleben gerade erst wieder begonnen. Aber dass wir wieder Orchester aus Übersee haben und wieder ohne Distanzen und in großer Besetzung spielen können, ist ein wirklich besonderes Ereignis.

Ein Gastspiel des Odessa Philharmonic Orchestra ist ins Festivalprogramm gekommen. Was muss man über die Situation der Musiker vor Ort wissen?

Zu dem Orchester hat mich ein Hinweis von der Berliner Pianistin Elena Bashkirova geführt, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Mit seinem Chefdirigenten Hobart Earle hat sich sofort ein gutes Gespräch ergeben. Das Orchester ist 1937 gegründet worden, es hatte in der Sowjetunion keine Möglichkeit auf Tournee zu gehen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war es das erste Orchester, das in den Vereinigten Staaten zu Gast war. Die momentane Situation ist: Das Orchester kommt seit dem Einmarsch der Russen zum ersten Mal wieder für ein großes Programm zusammen. Die Proben und das erste Konzert werden in der moldawischen Hauptstadt Chişinău stattfinden. Dann fliegt das Orchester über Istanbul nach Berlin. Es ist das einzige Gastspiel, das hier gegeben wird.

Die Musiker und Musikerinnen sollen derzeit verstreut leben, obendrein dürfen wehrfähige Männer die Ukraine nicht verlassen. Wie haben Sie das geregelt?

Die Ausreise muss natürlich genehmigt werden. Für die Planung einer solchen Tournee gibt es kein Modell, an dem man sich orientieren könnte. Wir sind auf das Wissen und die Erfahrungen der Ukrainerinnen und Ukrainer angewiesen.

Wie viel Russisches steckt noch im Programm des Musikfests?

Was heißt „noch“? Und was meint man mit „russisch“? Russisch im Sinne eines Aggressors, oder im Sinne einer Staatsangehörigkeit, einer politischen Ideologie, einer Sprachgemeinschaft oder einer kulturellen Vielfalt oder Lebenswelt, die schwer zu fassen ist usw.? Wir haben Musik von Sofia Gubaidulina, die russisch-tartarischer Abstammung ist und seit langem in Hamburg lebt, im Programm. Es gibt Lieder von Schostakowitsch. Beim NoonSong-Projekt gastiert das Basiani-Ensemble aus Tiflis.

Es gibt seit Kriegsbeginn Diskussionen über bestimmte russische Künstler und die russische Kultur an sich. Ist es für Sie ein Thema? Wie ist Ihre Ansage fürs Musikfest?

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob „russische Kultur an sich“ ein sinnvoller Sprachgebrauch ist. Ich würde mir keinen Putin-Verehrer ins Programm holen. Aber es gibt für mich keinen Grund, Lebenswelten, Kulturen, Kunstwerke auszugrenzen, nur weil man sich angewöhnt hat, sie als russisch zu bezeichnen. Andererseits wird von Putin das Narrativ vom großen vaterländischen Krieg und der großen vaterländischen Geschichte reaktiviert, und dadurch werden natürlich Werke problematisch, die diesem Narrativ nahestehen oder für dieses Narrativ instrumentalisiert worden sind.

Nennen Sie ein russisches Werk, das gegenwärtig problematisch wäre?

Als Beispiel kann die Siebte Sinfonie von Schostakowitsch dienen, die als komponierte antifaschistische Kampfansage bedeutender Bestandteil der großen vaterländischen Geschichte geworden ist. Und so versteht Putin auch den Angriff auf die Ukraine. Man kann die sich aus solcher Vereinnahmung ergebenden Missverständnisse Menschen aus der Ukraine, aber auch Russen, die dem offiziellen Narrativ der Kriegserklärung nicht folgen, kaum zumuten. Und man sollte auch die Siebte Sinfonie davor bewahren, durch eine teils emotionale, teils ideologische Auseinandersetzung als bedeutendes Kunstwerk verschlissen zu werden. Bisweilen schützt man Werke durch ihre Nichtaufführung, genauso wie man eine plurale und offene Gesellschaft mitunter auch dadurch schützt, dass man bestimmte Provokationen einfach mal unterlässt.

Auf welche Konzerte oder Programmschwerpunkte sind Sie stolz?

Ich freue mich sehr darüber, dass wir die großen Gastorchester wieder bei uns haben: aus den USA, den Niederlanden, aus England, aus Italien, der Ukraine und Belgien. Und wir haben spannende Berliner Beiträge: Robin Ticciati und das DSO heben Morton Feldmans Coptic Light auf die Bühne, ein Werk, das auf großen repräsentativen Festivals selten geboten wird, das Konzerthausorchester widmet dem Grand Maître Aribert Reimann ein Porträt, Vladimir Jurowsky und das RSB widmen sich der Musik von Iannis Xenakis, die Berliner Philharmoniker stellen Musik von Thomas Adès und Gerald Barry vor.

Was sind Ihre Beobachtungen aus der Pandemie?

Es ist immer leicht, etwas abzustellen, aber schwer, es wieder in Gang zu bringen. Das braucht Zeit. Ich hoffe, dass nicht nur die Politik, sondern unsere Gesellschaft insgesamt der Kultur und insbesondere der Kunst diese Zeit einräumt. Auslastungen sind derzeit nicht das vorrangige Problem. Sowieso sind Auslastungszahlen meist mit einer gewissen Hysterie begleitet. Wichtig ist, dass die Angebote wieder da sind.

Dann müssen wir doch über das zögerliche Publikum sprechen. Zuletzt war zu beobachten, dass das reife Publikum deutlich weniger geworden ist, wohingegen sich ein jüngeres Publikum eingefunden hat.

Damit haben Sie einen Allgemeinplatz formuliert: Die Alten kommen nicht mehr, weil sie alt sind. Und die Jungen drängen nach. Das war und ist immer so. Und man macht natürlich unterschiedliche Beobachtungen. Vor dem Musik-Hören kommt das Musik-Machen. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich die Orchester verjüngt haben, wie viele Menschen nach wie vor die Musik zu ihrem Beruf machen, wie lebendig und vielfältig die kaum mehr überschaubare Szene der zeitgenössischen Musik geworden ist.

Im Programm finden sich auffällig viele religiöse oder spirituelle Werke. Ist das Zeitgeist oder Zufall?

Ich glaube, Kunst ohne Spiritualität ist gar nicht denkbar. Und speziell die europäische Kunstmusik ist ja in den Anfängen eng mit der Kirchengeschichte verbunden: Immerhin hat sich die musikalische Schrift im Kontext des Gregorianischen Chorals entwickelt. Und da wir ausgehend von der „Missa Solemnis“ über die „Marienvesper“ von Monteverdi bis in die Gregorianische Zeit zurückgehen, ist der Zuwachs an spiritueller Musik im Programm bestimmt nicht zufällig. Unsere bürgerliche Musikkultur samt ihren repräsentativen Orchesterinstitutionen ist noch nicht so alt wie die religiös und kirchlich gebundene Ära des europäischen Musikschaffens zuvor. Andererseits hat mit Gründung der Rundfunkorchester in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts definitiv das Medienzeitalter des Musiklebens begonnen. Seither sind die Rundfunkanstalten zu einem bedeutenden Träger unserer Musikkultur geworden, der sich gar nicht mehr wegdenken lässt, der aber, wie unser gesamtes Leben, der digitalen Transformation unterliegt. Man darf gespannt sein, wohin die Reise geht. Und man muss wachsam bleiben.

Musikfest Berlin: 27.8. bis 19.9. Tel.: 25489100. Infos unter: https://www.berlinerfestspiele.de/de/musikfest-berlin