Nachruf

Eva-Maria Hagen ist tot: Zweimal geflohen, nie gebrochen

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Nachruf: Das Leben von Eva-Maria Hagen

Nachruf: Das Leben von Eva-Maria Hagen

Schauspielerin, Sängerin, Malerin, Künstlerin. Eva-Maria Hagen war vieles. Nun ist sie im Alter von 87 Jahren verstorben.

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Sie war Sängerin und Schauspielerin, die Muse von Wolf Biermann und Mutter von Nina Hagen. Nun starb Eva-Maria Hagen mit 87 Jahren.

Berlin. Es hatte eine gewisse Tragik, dass Eva-Maria Hagen, je älter sie wurde, oft nur noch im Zusammenhang mit anderen genannt wurde. Sie war die Frau von Wolf Biermann. Dann war sie die Mutter von Nina Hagen. Und dann auch noch die Großmutter von Cosma Shiva Hagen. Dabei war sie selbst ein Star. Am Theater. Auf der Kinoleinwand. Und auch als Sängerin. Nun ist Eva-Maria Hagen tot. Sie starb bereits am Dienstag im Alter von 87 Jahren, wie das Management ihrer Tochter erst am Freitag bekannt gab.

Vor fast 70 Jahren, gerade Mal 19 Jahre alt, gab sie 1953 ihren Einstand auf der Bühne. Und nicht irgendeiner. Sondern gleich am Berliner Ensemble. Unter der Regie von Bertolt Brecht, im Stück „Katzengraben“ von Erwin Strittmatter. Zum Star wurde sie nur vier Jahre später, als sie ihren ersten Film drehte. Und gleich die Hauptrolle spielte: „Vergesst mir meine Traudel nicht“.

Früh galt sie als „Brigitte Bardot“ des Ostens

Sie überzeugte mit ihrem eigensinnigen Charme, spritzigem Humor – und Marilyn-Monroe-Zitaten. Eigentlich zierlich und brünett, wurde sie bald auf blondiert und kurvenreich getrimmt und wurde die „Brigitte Bardot des Ostens“ genannt. Es war das erste Mal, wo sie an einer anderen Person festgemacht wurde.

Ihr konnte es egal sein. Allein in den nächsten acht Jahren bis 1965 drehte sie 40 Kino- und Fernsehfilme, darunter Unterhaltungskost wie „Die Venusmädchen“ oder „Das Kleid“, aber auch Klassiker wie „Wolf unter Wölfen“ oder den ersten Science-Fiction-Film der DDR, „Raumschiff Venus antwortet nicht“.

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Ein weiter Weg für eine Frau, die Maschinenschlosserin gelernt hatte. Und die, 1934 in Költschen im heutigen Polen geboren, mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in den Westen geflohen war - wo keiner Kinder durchfüttern wollte.

Eine traumatische Erfahrung: weil, da fand sie harsche Worte, „sich kein Schwanz um die seelischen Wunden dieser Jungen und Mädchen gekümmert hat“. Durch die Schauspielerei und die damit verbundene Anerkennung lernte sie, die Schrecken der Vertreibung zu verarbeiten.

Nach Biermanns Weggang musste auch sie in den Westen ziehen

Doch es sollte noch eine weitere Vertreibung kommen. 1965 kam es zu der schicksalhaften Begegnung mit Wolf Biermann. Schicksalhaft, weil sie bis 1972 mit ihm liiert und in der Zeit seine Muse war. Schicksalhaft aber auch, weil der Liedermacher nur ein halbes Jahr später bereits auf dem berüchtigten XI. Plenum der SED ein Aufführungs- und Publikationsverbot erhielt.

In dieser Zeit stand sie zu ihm, weshalb auch sie zunehmend in die Schusslinie geriet. Sie wurde öffentlich diskriminiert, von der Stasi bedroht und sogar wegen „Staatsverleumdung“ angeklagt. All das zeigte Wirkung: Der einst gefeierte Star fand nur noch in Provinztheatern Beschäftigung.

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Als Biermann 1976 schließlich ausgebürgert wurde und sie, wie so viele Kulturschaffende der DDR, dagegen öffentlich protestierte, wurde sie beim Deutschen Fernsehfunk der DDR (DFF) fristlos entlassen und ebenfalls mit einem Berufsverbot belegt. Ein Jahr später, als man ihr sogar die Staatsbürgerschaft entzog, zog auch sie schließlich in die Bundesrepublik. Mit ihrer Tochter Nina Hagen, die aus ihrer früheren Ehe mit dem Schriftsteller Hans Oliva-Hagen stammte.

Der letzte Kinoauftritt - als Stimme einer Bienenkönigin

Tochter Nina hatte selbst eine Karriere als Sängerin begonnen und sollte in West-Berlin schnell ein Star der Punk-Szene werden. So schnell und reibungslos gelang der Mutter, die wie Biermann nach Hamburg zog, der Neuanfang im Westen nicht. War sie bis dahin ein Star, musste sie nun damit umgehen, dass im Westen keiner ihre Filme kannte, und mit kleineren Engagements vorlieb nehmen.

Aber dennoch blieb sie sich treu, spielte Meda und Mutter Courage auf der Bühne, drehte Filme wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Und baute sich eine zweite Karriere als Sängerin auf. Mehrfach trat sie auch gemeinsam mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Biermann auf, etwa im November 1989, kurz nach dem Fall der Mauer, in der Leipziger Messe.

1998 erschien ihr Buch „Eva und der Wolf“, in dem sie sehr offen ihre Beziehung zu Biermann beschrieb und sowohl ihren regen Briefverkehr als auch die Stasiprotokolle veröffentlichte. Biermann schrieb dazu ein Vorwort. Später folgten weitere Bücher: „Evas schöne neue Welt“ (2000) und „Eva jenseits vom Paradies“ (2005). Eine ihrer letzten großen Kinorollen hatte sie 2009 in Leander Haußmanns Senioren-Komödie „Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!“, wo sie sich genauso über ihr Alter lustig machte wie Haußmanns Vater Edzard und die Ko-Stars Nadja Tiller und Walter Giller. Von all denen lebt nun nur noch Nadja Tiller.

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In ihrem letzten Filmauftritt war sie dann nur noch stimmlich vertreten - weil es ein Animationsfilm war. Der Film verband sie aber noch einmal mit ihrer Tochter Nina und Cosima Shiva Hagen, die wie die Großmutter eine Filmkarriere gestartet hatte. Sie alle übernahmen Sprechrollen in „Die Biene Maja - Der Film“. Eva-Maria Hagen war die gütige Bienenkönigin. Eine schöne Besetzung.

Angst vor dem Tod hatte sie keine. „In meinem Flur hängt im Dämmerlicht eine von mir bemalte Lichtbilderleinwand mit Schäfchenwolken am Himmel und einem Jüngling drauf, in einer mit himmelblauen und blutroten Blumen übersäten Wiese, durch die der Mäher seine Sense schwingt“, hat sie der Deutschen Presse-Agentur verraten: „ So habe ich mir ,Freund Hein’ ausgemalt zum Trost für triste Momente.“