Kulturtage

Der schottische Traum von tropischer Natur

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Ulrike Borowczyk
Die Schottland-Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen.

Die Schottland-Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Vier Fotografen zeigen im Museum Europäischer Kulturen, was die Schotten in der Gegenwart bewegt.

Schottland verbindet man vor allem mit den Highlands, Whisky und Dudelsäcken. Manch einer denkt vielleicht noch an die berüchtigten frittierten Mars-Riegel, die vor langer Zeit durch den Blätterwald rauschten. Daran werden die Schotten heutzutage jedoch nicht mehr gern erinnert. Gegen Haggis, Neeps und Tatties haben sie aber natürlich nichts einzuwenden. Am besten mit einer Whisky-Sauce. Der gefüllte Schafmagen mit den traditionellen Beilagen Kartoffelpüree und Rüben ist schließlich eine schottische Spezialität. Und hat es als solche nun zu den 18. Europäischen Kulturtagen geschafft. Als Hauptgang eines Drei-Gänge-Menüs, bei dem die Berliner am Tisch auf Schotten treffen, von denen sie mehr über das nördlichste Land Großbritanniens im Westen Europas erfahren können.

Das Museum Europäischer Kulturen kümmert sich in den kommenden vier Wochen intensiv um Schottland und lädt zu einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm im Rahmen der 18. Europäischen Kulturtage ein. Jedes Jahr stellt das Haus eine Region oder ein Land vor. Dafür kooperiert das Museum mit Experten, die aus dem Land stammen und es kennen.

Wie dem Scottish Government Office hier in Berlin. Dessen Direktorin Alexandra Stein betont angesichts des Brexits: „Wir sind ein offenes, gastfreundliches europäisches Land. Und wir waren und sind Europäer.“ Sie freut sich darauf, dass die Besucher den kulturellen Reichtum und die Vielfalt Schottlands entdecken und erleben können. Wobei der letzte Abend am 18. September mit der Band Whisky Kiss ein Highlight für all jene sein dürfte, die zeitgemäßen, schottischen Folk lieben.

Ansichten aus einem Land, das sich im Wandel befindet

Für Museumsdirektorin Elisabeth Tietmeyer ist das Programm mit seinen vielgestaltigen Begegnungen sogar fast wichtiger als die Fotoausstellung „Document Scotland – Ansichten aus einem Land im Wandel“, die gleichzeitig eröffnet. Aber natürlich ist die Schau definitiv einen Besuch wert. Gibt sie doch überraschende, neue Einblicke in das Land. Präsentiert werden Fotoserien von vier Fotografen, eingeführt mit kurzen, informativen Texten. Im Gegensatz dazu wurde auf Werktitel verzichtet. Die Geschichten der Bilder erschließen sich aus so.

Durch die Fotografien von Colin McPherson lernt man die Bewohner von Easdale kennen, der kleinsten bewohnten Insel der inneren Hybriden an der Westküste Schottlands. Früher mal war das Eiland das Zentrum des schottischen Schieferabbaus. Nachdem eine Sturmkatastrophe die Insel überflutete, kam das Aus dieser Ära. Heute leben 65 Bewohner auf Easdale. Auch der Fotograf ist Teilzeit-Insulaner. Eine eingeschworene Gemeinschaft, wie die Fotos beweisen. Egal, welche Aktivität ansteht: Alle machen mit. Am „Kohlentag“ etwa wartet man gemeinsam in einer langen Schlange mit seiner Schubkarre auf eine Zuteilung, während man mit den Nachbarn schnackt.

Die Bewohner der einsamen Insel spielen gerne Fußball

Ein anderes Bild zeigt die Bewohner beim Fußballspielen. Wer nicht auf dem Platz ist, schaut zu. Im Bildvordergrund verrät ein selbstgebasteltes Schild, dass Bombay 4962 Meilen entfernt ist. Ein dezenter Hinweis darauf, dass man hier weitab vom Rest der Welt lebt. Heißt die indische Hafenstadt doch bekanntlich seit 1995 offiziell Mumbai. Deren drangvolle Enge und Hektik dürfte auf Easdale kaum jemanden interessieren. Denn unter die Bilder von den Bewohnern hat Colin McPherson Fotos der einsamen Landschaft gemischt.

Die Fotos von Stephen McLaren zeigen indes eine unerwartete Seite von Schottland. Sie entführen nach Jamaika mit seiner tropischen Natur und palmenbestandenen Straßen. Hinter dem Titel „Das süße Vergessen“ verbirgt sich die Kolonialgeschichte Schottlands. Was unerwartet ist, verschwindet dieses dunkle Kapitel doch sonst immer in der gesamtbritischen Historie. Großbritannien war bekanntlich lange Zeit die dominierende Kolonialmacht weltweit.

Zuckerplantagen auf Jamaika wurden von Schotten betrieben

Offenbar hatten die Schotten aber in der Karibik ihr eigenes kleines Imperium. „Zwei Drittel der Zuckerplantagen auf Jamaika wurden von Schotten betrieben“, weiß Susanne Boersma, die Kuratorin der Ausstellung, die auch die 18. Europäischen Kulturtage organisiert hat. Für die Ausbeutung der im 18. und frühen 19. Jahrhundert reichsten Kolonie Großbritanniens, wurden die Jamaikaner versklavt. In beiden Ländern sind heute noch Spuren der gemeinsamen Geschichte zu finden. Wie eine ehemalige Zuckerplantage, die heute im Besitz der jamaikanischen Regierung ist. Oder das Gebäude der Gallery of Modern Art in Glasgow, das einst Zentrum des Zuckerhandels war.

Sophie Gerrard hingegen porträtiert mit den Bildern ihrer Serie „Hingezogen zum Land“ sechs ungewöhnliche Frauen. Sie alle betreiben Landwirtschaft oder halten Vieh in einigen der abgelegensten und unwirtlichsten Gegenden Schottlands. Gleich das erste Foto zeigt eine Schafherde, die beinahe im Schnee versinkt. Zwei Windräder dahinter verstärken die Verlorenheit der Szenerie.

In Glasgow kämpfte die Arbeiterklasse für ein besseres Leben

Auf den Fotos sieht man die hart arbeitenden Frauen bei der Schafschur, beim Trail von urtümlichen Rindviechern durchs Wasser oder zusammen mit ihren Hunden. Auf einem hängt nur ein winziger, ovaler Spiegel an der Wand. Sinnbild für das Leben mit der Natur und den Tieren. Größere Eitelkeiten sind da fehl am Platze.

Zuletzt geht es mit Jeremy Sutton-Hibberts Fotoserie nach Glasgow. Mit über 600.000 Einwohnern Schottlands größte Stadt. Einst kämpfte die Arbeiterklasse hier für ein besseres Leben. Auch heute noch demonstrieren die Glasgower in schöner Regelmäßigkeit gegen soziale und politische Missstände. Etwa für ihre Unabhängigkeit. Unter die schottischen Fahnen mischen sich dabei auch katalanische. Was die Schotten nicht so gern sehen. Ihnen sind die Katalanen in ihrem Unabhängigkeitsstreben zu aggressiv. Ein weiteres Bild verrät, warum die Schotten Teil der EU bleiben wollen. Auf einem Plakat steht in riesigen Lettern „Out of Europe. Out of Work“.

Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, Dahlem Tel. 8301429, vom 19.8. bis 20.11., Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa./So. 11-18 Uhr, Info unter smb.museum/mek