Ausstellung

Goyas schonungsloser Blick auf den Krieg

| Lesedauer: 5 Minuten
Ulrike Borowczyk
In der Ausstellung „Goya. Yo lo vi – Ich sah es – I saw it" werden Goyas Radierungen als Großprojektionen inszeniert.

In der Ausstellung „Goya. Yo lo vi – Ich sah es – I saw it" werden Goyas Radierungen als Großprojektionen inszeniert.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Angesichts des Krieges in der Ukraine widmet sich die Sammlung Scharf-Gerstenberg dem berühmten spanischen Hofmaler Francisco de Goya.

Ein toter Säugling liegt achtlos im Dreck, während seine tote Mutter von einem Soldaten weggeschleift wird. Eine andere Frau wehrt sich noch nach Kräften gegen dieses Schicksal. Man ahnt, dass der brutalen Ermordung eine ebensolche Vergewaltigung vorausgeht. Das elfte Blatt aus Goyas Zyklus „Desastres de la guerra“, also „Die Schrecken des Krieges“, schockiert. Es ist nur eine von 82 schwarz-weißen Radierungen, die zwischen 1810 und 1820 entstanden. Sie zeigen grausam und blutrünstig Tod und Zerstörung.

Die weiteren Motive sind mit einer Vielzahl zerstückelter Leichen und unfassbarem Elend mindestens genauso unerträglich. Darunter ein Soldat, der mit satter Zufriedenheit einen von ihm aufgehängten Mann betrachtet, dem er zudem die Hose runtergelassen hat. Die ultimative Demütigung, weil ihm der Tod offenbar nicht genug ist.

Es geht unter die Haut und ist definitiv nichts für schwache Nerven, wie Francisco de Goya unter dem Eindruck der napoleonischen Kriege Grausamkeiten einfängt. Nun zu sehen in der Ausstellung „Goya. Yo lo vi – Ich sah es – I saw it“ in der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Angesichts des brutalen russischen Angriffskrieges in der Ukraine widmet das Museum die Schau dem berühmten spanischen Hofmaler und schlägt damit einen Bogen in die Gegenwart.

Goya war mehr als nur ein entsetzter Protokollant der Gewalt

Der Titel ist dem 44. Blatt des „Desastres“-Zyklus entlehnt, das Goya mit den Worten „Yo lo vi“ kommentierte. Er war nicht nur ein entsetzter Protokollant der Geschehnisse. Er prangerte in seiner hochpolitischen Bilderreihe auch den Verlust der Vernunft und die unvorstellbare Gewalt im Kampf gegen die Okkupation durch die napoleonischen Truppen und die Hungersnöte Anfang des 19. Jahrhunderts an.

Durch die Inszenierung der Radierungen als Großprojektionen hat Kyllikki Zacharias, die Leiterin der Sammlung Scharf-Gerstenberg, die Bildmächtigkeit der Motive erheblich gesteigert. Als Kuratorin war es ihr wichtig, die 80 Grafiken nicht in Tabletgröße zu zeigen, sondern unten aufgesetzt auf großen Leinwänden. Jedes Motiv ist eine halbe Minute lang zu sehen. Jeweils sieben Sekunden ist der Titel auf Spanisch, Deutsch und Englisch eingeblendet, um nicht von Goyas Werken abzulenken.

Der Betrachter spürt fassungsloses Entsetzen und Bitterkeit

Im XXL-Format ist die Wirkung der Radierungen potenziert. Wer sich auf einem der Stühle davor niederlässt, fühlt sich ohnmächtig angesichts der Bilder. Man spürt fassungsloses Entsetzen und Bitterkeit angesichts der sinnlosen Gewalt. Goyas genauer Blick für das Böse dürfte in jedem den Pazifisten wecken. Der „Desaster“-Zyklus sollte unbedingte Pflicht für alle Despoten, Autokraten und Diktatoren dieser Welt werden.

Die spektakulären Radierungen sind aber nur ein Teil der Ausstellung. Präsentiert werden nämlich alle vier Druckzyklen von Goya, die zur Sammlung Julietta Scharf gehören. Den Auftakt machen die Reihe „Caprichos“, spanisch für „Launen“, die ebenfalls erstmals in ihrer Gesamtheit als Großprojektionen auf eine Leinwand geworfen werden. Goya hatte das Erscheinen der Serie 1799 mit 80 Radierungen in der Madrider Tageszeitung annonciert.

Die düstere Seite der Romantik wurde vorweggenommen

Man kannte ihn als Hofmaler. Nun wandte er sich zum ersten Mal als Gesellschaftskritiker an ein breites Publikum. Der Titel ließ auf Darstellungen erheiternder Themen in satirischer Form schließen. Aber Goya wollte Torheiten, Dummheit und Betrügereien entlarven. Und schuf fantastische, alptraumhafte Szenen, mit denen er die düstere Seite der Romantik vorwegnahm und zum Vorläufer des Surrealismus avancierte. Mit dem befasst sich die Sammlung Scharf-Gerstenberg bekanntlich.

Berühmt ist vor allem das Blatt Nr. 44, „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, von Goya ursprünglich als Titelblatt für die gesamte Serie vorgesehen. Es ist eine Warnung: Wenn der Verstand schlummert, droht Unheil. Zu sehen sind außerdem die Zyklen „La Tauromaquia“, entstanden zwischen 1814–1816, sowie „Los Disparates“, entstanden von 1819 bis 1823, mit knapp 40 Original-Grafiken im Mittelteil der Ausstellung. In einer Vitrine finden sich vier aufgeblätterte Bücher der Zyklen, wobei die Blätter der „Caprichos“ und „Desastres de la guerra“ ohnehin nur in gebundener Form vorliegen. Das Buch des „Desastres“-Zyklus ist übrigens das einzige bekannte vollständige posthume Exemplar.

Der Hofmaler emigrierte nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod lebte

Während „La Tauromaquia“ seinem Namen mit Radierungen rund um das Thema Stierkampf gerecht wird, ist die Serie „Los Disparates“ verrätselt in ihrer Bedeutung. Ihr Duktus indes kündigt die Moderne an. Die Zyklen zeigen Goya als Vertreter aufklärerischer Ideen. Doch weil ihm seine Stellung als Hofmaler zunächst wichtiger war, zog er die „Caprichos“ kurz nach ihrer Veröffentlichung zurück. Doch bald schon war die Situation für Goya, der in liberalen Kreisen verkehrte, nicht mehr tragbar. Um politischer Verfolgung zu entgehen, emigrierte er nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod 1828 lebte.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr. 70, Charlottenburg, Tel. 266424242. Infos unter https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/goya/. Vom 19. August bis 6. November. Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sbd. und So. 11-18 Uhr.