Festival

Freuden und Sorgen eines Sommerfestivals

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Christoph Forsthoff
Preisträger in Residence Emmanuel Tjeknavorian

Preisträger in Residence Emmanuel Tjeknavorian

Foto: Oliver Borchert

Die Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern können erstmals seit 2019 wieder regulär stattfinden, aber das Publikum zögert.

„Wir blicken mit großer Sorge auf 2023, wenn alle Corona-Hilfen wegfallen und das Publikum immer noch sehr zurückhaltend ist: Dann kann es zu einem großen Einbruch kommen.“ Toni Berndt ist ein ebenso pragmatischer wie klar kalkulierender Norddeutscher. Und eigentlich hätte der kaufmännische Direktor der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV) aktuell gar keinen Grund zur Sorge: Erstmals seit 2019 dürfen die mehr als 140 Konzerte wieder voll ausgelastet werden, keine Masken oder Kontrollen von Impfnachweisen trüben die Stimmung, das Wetter spielt in den ersten Wochen des dreimonatigen Festival-Sommers mit.

So wie auch an diesem Morgen, als eine kleine Gruppe sich noch vor Sonnenaufgang verzaubern lässt von einem doppelten Regenbogen über der „Wüsten Kirche“: Gleich zwei Halbkreise in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett bilden ihre Bögen über den Resten des romanischen Sakralbaus aus Feldstein und Granit – ein faszinierendes Naturschauspiel inmitten einer verwunschenen Landschaft. Ja, vielleicht der magischste Moment des Festspiel-Wochenendes „Im Walde“ um und auf Schloss Ulrichshusen, der zum Träumen einlädt.

Lediglich acht Veranstaltungen waren bei Halbzeit ausverkauft

Wären da nicht die nackten Zahlen: Deutschlands drittgrößtes Klassik-Festival verzeichnet zur Halbzeit 25000 Besucher, lediglich acht Veranstaltungen waren ausverkauft – 2019 hatte es zu diesem Zeitpunkt noch 40000 Gäste und 44 ausverkaufte Konzerte gegeben. Zudem sind die Sponsoring-Einnahmen in den Corona-Jahren um fast 340.000 Euro zurückgegangen. Etatlücken, die nach den Überbrückungshilfen des Bundes 2021 in diesem Jahr noch durch die „Neustart Kultur“-Mittel aus Berlin sowie eine Landesförderung für die Kultur aufgefangen werden – 2020 hatten die Festspiele in Eigeninitiative für sich einen Rettungsschirm von einer Million Euro organisiert.

Und 2023?„Das Business ist aus den Angeln gehoben“, stellt Ursula Haselböck fest. Seit September 2020 wirkt die gebürtige Wienerin bereits als FMV-Intendantin – doch in den vergangenen beiden Jahren bestimmten vor allem wirtschaftliche Nöte den Verlauf. In diesem Sommer tragen die Festspiele nun erstmals ihre dramaturgische Handschrift, etwa das „Wald“-Projekt: ein ganzes Wochenende nicht allein unter ein Thema zu stellen, sondern auch Brücken zu anderen Künsten zu schlagen wie mit der Klang- und Rauminstallation „Kunstraum Wald“ in einer Scheune, wo Sebastian Schottke mehrfach belichtete Baum-Fotografien mit Birkenzweigen, Rinde, Moos und einem kleinen See sowie Aufnahmen von Enno Poppes Meta-Streichquartett „Wald“ aus den vier Winkeln des Raums verbunden hat.

Das Festival versucht, ein jüngeres Publikum anzusprechen

„Wir versuchen damit neue Farben reinzubringen“, sagt Haselböck, „um uns ein neues und nicht zuletzt jüngeres Publikum zu erarbeiten.“ So wie auch mit dem Detect Classic Festival auf Schloss Bröllin, wo ein Wochenende lang die Grenzen zwischen Ambient und Klassik, Club und Konzerthaus verwischt werden. Oder drei Tagen rund um den „Mythos Mozart-Geige“ – jene Violine, die einst Mozart in seinem letzten Lebensjahrzehnt auf Konzerten und auch privat gespielt hatte! Und die nun nicht nur erstmals auf Reisen nach Mecklenburg-Vorpommern ging, sondern hier auch in bislang einmaligem Umfang und Intensität in den Händen von Emmanuel Tjeknavorian zum Einsatz kam: War es doch ein Herzenswunsch des diesjährigen Preisträgers in Residence der Festspiele gewesen, rund um das 258 Jahre alte Instrument des italienischen Geigenbauers Pietro Antonia Dalla Costa ein Programm zu konzipieren.

Was bundesweit für Schlagzeilen sorgte – aber auch hier die Besucher nicht in dem Maße zurücklocken konnte wie in den Vor-Corona-Jahren. So fällt denn der Festspiel-Blick auf die kommenden Wochen eher skeptisch aus, werden an der Abendkasse für fast alle Konzerte noch Tickets angeboten: in der Vergangenheit undenkbar! Selbst in den teuersten Platzkategorien, die früher als erstes ausverkauft waren, gibt es nun noch kurzfristig Karten: „Die Menschen schauen mehr aufs Geld“, muss Haselböck konstatieren. „Die hohe Inflation ist ebenso ein Thema wie die Benzinpreise bei unseren abgelegenen Spielstätten.“ Finanzielle Sorgen, die sich so schnell nicht ändern werden – und so hofft denn Berndt auf eine Neuauflage des Bundesfonds „Neustart Kultur“ für 2023.