Büchner-Preis

Sevgi Özdamar: „Man ist immer überrascht“

| Lesedauer: 5 Minuten
Oliver Pietschmann
Die Schriftstellerin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar lebt abwechselnd in der Türkei und in Berlin.

Die Schriftstellerin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar lebt abwechselnd in der Türkei und in Berlin.

Foto: United Archives / kpa Publicity / Picture Alliance/United Archives

Der Georg-Büchner-Preis geht an die Berliner Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar.

Vergangenes und Geliebtes bewahren ist ein Antrieb für die künstlerische Arbeit von Emine Sevgi Özdamar. „Ich hatte früher immer gesagt, ich möchte die Toten ins Gedächtnis rufen“, sagt die Schriftstellerin am Dienstag. Zuvor hatte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekanntgegeben, dass Özdamar mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis 2022 ausgezeichnet wird. Die Akademie ehrt damit eine Autorin, die das Erinnern zu einem zentralen Motiv in ihren Romanen erhoben hat.

„Beim Schreiben findet man auch Menschen, die man geliebt hat, die aber nicht mehr leben“, sagt sie. Literatur als Gedächtnis – so könnte man ihr Werk vielleicht zusammenfassen. Özdamars Texte, die wegen ihrer poetischen Sprache viel gelobt wurden, sind häufig autobiografisch gefärbt und mit Verweisen auf literarische Werke, Filme oder befreundete Künstlerinnen und Künstler ausgestattet.

Sie gewann bereits 1991 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2022 wurde ihr neuester Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihre theatralischen Bilder wurden gelobt. Der Roman schaffte es auf die Shortlist. Zuvor hatte man einige Jahre nichts von ihr gehört. Zu ihren bekanntesten Büchern gehört „Das Leben ist eine Karawanserei: hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“ (1992). Es ist wie die Nachfolge-Werke „Die Brücke vom Goldenen Horn“ (1998) und „Seltsame Sterne starren zur Erde“ (2003) sowie der jüngste Roman von ihrem Leben inspiriert.

Regieassistenz an der Ost-Berliner Volksbühne in den 1970er-Jahren

Özdamar wurde in Malatya in der Türkei geboren und wuchs in Istanbul und Bursa auf. 1965 kam sie als 18-Jährige zum ersten Mal nach Deutschland, ohne jegliche Deutschkenntnisse, und arbeitete ein halbes Jahr lang in einer Elektrofabrik in West-Berlin. Von 1967 bis 1970 besuchte sie die Schauspielschule in Istanbul und spielt professionell Theater. Nach dem Militärputsch in der Türkei 1971 mit Massenverhaftungen und Zensur kehrte sie nach Berlin zurück. Fünf Jahre später ging sie für eine Regieassistenz an die Volksbühne nach Ost-Berlin. Dort arbeitete sie mit Benno Besson und Matthias Langhoff zusammen. Diese Zeit hat sie später in ihrem Roman „Seltsame Sterne starren zur Erde“ literarisch verarbeitet. Sie wirkte an verschiedenen Theatern, unter anderem mit dem Brechtschüler Benno Besson in Paris und Avignon und mit Claus Peymann am Schauspielhaus Bochum. In den 1980er-Jahren begann sie in Deutschland zu schreiben.

Türkei, Berlin, München, Bochum, Düsseldorf: „Ich habe überall gelebt“, sagte die Künstlerin. „Ich habe meine ersten Wörter für meine Bücher in Düsseldorf gefunden. Das war eine friedliche Stadt und da habe ich angefangen zu schreiben.“ In die Türkei konnte sie damals nur selten. „Früher konnten wir sehr wenig kommen, weil ich am Theater arbeitete und mein Mann auch.“ Inzwischen lebt sie abwechselnd in der Türkei und in Berlin.

Die am 10. August 1946 geborene Schriftstellerin bereichere seit über drei Jahrzehnten die deutschsprachige Literaturszene mit ihren Romanen, Erzählungen und Theaterstücken, teilte die Jury am Dienstag mit. „Mit Emine Sevgi Özdamar zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine herausragende Autorin aus, der die deutsche Sprache und Literatur neue Horizonte, Themen und einen hochpoetischen Sound verdankt.“

Ungewohnte literarische Stilmittel und aus dem Türkischen inspirierte Sprechweisen prägten ihre Texte, hieß es weiter von der Jury. Diese würden neben intimen persönlichen Erfahrungen ein breites Panorama deutsch-türkischer Geschichte entfalten, vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Poetisch, experimentell, ausufernd - so haben andere ihre Arbeit beschrieben.

Und sie selbst? „Menschliche Körper sind wie alte Zivilisationen. Schichtweise lagern wir mehrere Gefühle, das sind die Stoffe“, sagt Özdamar über ihre Intention. Unter Druck setzen möchte sie sich bei ihrer Arbeit nicht. „Ganz am Anfang wusste ich, dass ich drei Romane hintereinander schreiben möchte - Kindheit, junges Mädchen, junge Frau.“ Sie möge es aber nicht, wenn sie mit einem Buch fertig sei, sofort mit einem neuen Buch zu beginnen. Das müsse, wie bei einer Schwangerschaft ein Kind, reifen.

Özdamar ist erst die zwölfte Frau, die die Auszeichnung erhält

Die Auszeichnung mit einem der wichtigsten literarischen Preise für deutschsprachige Literatur kam für sie unerwartet. „Man ist immer überrascht, auch mit den anderen Preisen. Plötzlich kommt der Anruf.“ Als frühzeitiges Geburtsgeschenk sieht Özdamar, die derzeit an der ägäischen Küste in der Türkei ist, den Preis nicht. „Daran habe ich gar nicht gedacht.“ Sie wird an diesem Mittwoch 76 Jahre alt. Und sie ist erst die zwölfte Frau, die den Georg-Büchner-Preis bekommt.

Seit 1951 vergibt die Akademie den Preis an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Özdamar soll die Auszeichnung, die mit 50.000 Euro dotiert ist, am 5. November im Staatstheater in Darmstadt feierlich verliehen werden.

( dpa )