Young Euro Classic

Der flirrende Klang des jungen Europas

| Lesedauer: 3 Minuten
Mario-Felix Vogt
European Union Youth Orchestra unter Leitung von Gustavo Gimeno.

European Union Youth Orchestra unter Leitung von Gustavo Gimeno.

Foto: Guido Werner

Das Jugendorchester der Europäischen Union präsentierte sich im Konzerthaus auf großartigem Niveau.

Seit 1976 hat die EU ihr eigenes Jugendorchester. Das Orchester wurde von Claudio Abbado als European Community Youth Orchestra gegründet und heißt heute European Union Youth Orchestra, kurz EUYO. Es sollte das europäische Ideal einer Gemeinschaft abbilden, die miteinander arbeitet und Frieden und soziales Verständnis erreicht. Der Klangkörper besteht aus bis zu 140 Musikern, die alle 27 Mitgliedstaaten der EU repräsentieren, der Dirigent des Berliner Konzerts im Rahmen von Young Euro Classic ist der Spanier Gustavo Gimeno, der ehemals als Assistent von Mariss Jansons und Claudio Abbado wirkte, und zurzeit Chefdirigent der Luxemburger Philharmoniker ist.

Das Programm, mit dem sich das EUYO in Berlin präsentierte, hatte seinen Schwerpunkt bei französischen Werken: Neben Ernest Chaussons beliebten „Poème“ für Violine und Orchester und Camille Saint-Saëns virtuoser „Havanaise“ für dieselbe Besetzung, hatte das Orchester auch Ravels groteske Walzer-Parodie „La Valse“ im Gepäck. Weitere Stücke des Abends waren Richard Strauss „Rosenkavalier-Suite“ und Igor Strawinskys „Scherzo fantastique“. Es war nach dem Erklingen der Festivalhymne von Iván Fischer und einer Schweigeminute für die Opfer des Ukraine-Kriegs das erste reguläre Werk des Konzerts.

Es klingt, als würden Bienen durchs Konzerthaus fliegen

Das „Scherzo fantastique“ stammt aus einer frühen Phase des Komponisten, stellt sein zweites Orchesterwerk dar und trägt den Untertitel „Der Bienenflug“. Es besteht aus drei Abschnitten: 1. Leben und Treiben im Bienenstock, 2. Hochzeitsflug der Bienenkönigin 3. Wiederholung des ersten Abschnitts. Das Stück ist von Nikolai Rimsky-Korsakows „Hummelflug“ inspiriert und zeigt „das phantastische Bild eines ewigen Kreislaufs“ (Igor Strawinsky). Die jungen Europäer ließen es da flirren und schwirren, dass man glaubte, es würden tausende und abertausende Bienen durch das Konzerthaus fliegen. Die Brillanz, die dabei insbesondere die Streicher an den Tag legten, war beeindruckend.

Für die nächsten beiden Werke betrat Renaud Capuçon die Bühne. Mit großer technischer Souveränität, fantastisch sauber intonierten Doppelgriffen und warmem Ton widmete sich der französische Geiger den Stücken von Chausson und Saint-Saëns, manchmal hätte man sich allerdings insbesondere bei Saint-Saëns einen noch etwas temperamentvolleren Zugriff gewünscht. In Richard Strauss’ „Rosenkavalier-Suite“ konnten Orchester und Dirigent dann nochmals zeigen, was sie draufhaben. Energisch kraftvoll mit mächtigem Tutti-Klang ließ der spanische Dirigent Gustavo Gimeno das Orchester zu Beginn des Werkes aufspielen, um sich dann später mit viel agogischer Fantasie und Geschmeidigkeit den wienerischen Walzerklängen hinzugeben.

Das Jugendorchester verwandelt die Bühne in eine spanische Fiesta

Dabei beeindruckten die fabelhafte Klangbalance zwischen den einzelnen Instrumentengruppen und die starken dynamischen Kontraste. Auch Ravels „La Valse“, in dem die Walzerseligkeit immer wieder durch Todesahnungen und Kriegsstimmung gestört wird, gelang hervorragend. Da spendete das begeisterte Publikum zu recht viel Applaus im nahezu ausverkauften Konzerthaus. Das Orchester dankte mit zwei Zugaben: dem Valse Triste“ von Jean Sibelius und einem mitreißenden Paso Doble des spanischen Komponisten Jaime Texidor, vom Orchester im Stehen gespielt, bei dem sich die Bühne in eine spanische Fiesta zu verwandeln schien.