Berliner Spaziergang

Ein etwas anderer Weg

| Lesedauer: 14 Minuten
Georg Strecker ist seit 1998 Intendant des Wintergarten Varieté. Beim Spaziergang redet er über die Rolling Stones, den Tod und was vor einer Premiere noch schiefgehen kann.

Georg Strecker ist seit 1998 Intendant des Wintergarten Varieté. Beim Spaziergang redet er über die Rolling Stones, den Tod und was vor einer Premiere noch schiefgehen kann.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Heute: Ein Spaziergang mit Georg Strecker, Intendant des Wintergarten-Varietés.

Berlin.  Dieser Spaziergang beginnt in der Damentoilette des Wintergartens Berlin an der Potsdamer Straße. Bevor Georg Strecker darüber redet, mit wem er in seinem Käfer Cabrio 1982 zum Rolling Stones-Konzert gefahren ist, wie er den damals wichtigsten Konzertveranstalter des Landes mit einer simplen Tugend beeindruckte, wie er einmal beerdigt werden will und was vor der Premiere der neuen Varieté-Show noch schiefgehen kann, schließt er sich in einer Toilettenkabine ein. Als das Türschloss einrastet, leuchtet ein Stern in grellem Licht auf. „Und, ist es angegangen?“, fragt er, als er wieder herauskommt.

Aber das sei noch nicht alles. „Das Allergeilste“, sagt Strecker, geschehe am Waschbecken. Er hält seine Hände unter den Wasserhahn – und vor dem Spiegel beginnen weiße Federn nahezu schwerelos durch die Luft zu tanzen. „Da machen die Damen ihre Selfies“, sagt er. Die „geileren“ Waschbecken hätten aber die Männer. Alles Unikate, alle aus echter Bronze. Und zum Pinkeln geht Mann in den Wald – aus Monstera-Pflanzen.

Der Mann, der mir seine Toiletten gezeigt hat, ist Georg Strecker (64), Geschäftsführer des Wintergartens. Der Spaziergang findet noch vor der Premiere der neuen Show „Golden Years – Die 20er Jahre Varieté Revue No. 2“ statt, mit der das Varieté-Theater sein 30-jähriges Bestehen an der Potsdamer Straße feiert.

Georg Strecker wollte Sportlehrer werden, doch das Leben spielte anders

Strecker erzählt, im vergangenen Jahrzehnt habe sich hier viel verändert. Menschen mit tollen Geschäftsideen hätten ihre Läden hier eröffnet, darunter Designer und auch Galerien. Viele Menschen ziehen in die neuen Wohnungen in den Seitenstraßen. Und dennoch gibt es auch noch alteingesessene Fußballer-Kneipen wie „Puschel’s Pub“. „Da muss man halt nikotin- und teerresistent sein“, sagt Strecker mit einem sympathischen Lacher. Berliner Mischung eben. „Aber nun reicht es für meinen Geschmack auch langsam mit der Gentrifizierung“, sagt Strecker. Man müsse aufpassen, ansonsten fänden die Menschen das Viertel wieder „fad“ und würden wegziehen. Doch er will an diesem Tag nicht vor seinem Wintergarten spazieren gehen, sondern in Schöneberg, dort, wo er seit mehr als 20 Jahren lebt.

Wir nehmen ein Taxi am Straßenrand und fahren die wenigen Kilometer bis zum Sommerwohnzimmer Schönebergs, dem Rudolph-Wilde-Park mit dem Goldenen Hirschen in der Mitte. Die ersten 20 Jahre sei er diesen Weg „blöderweise“ immer mit dem Auto gefahren. „Abends habe ich fast nie einen Parkplatz gefunden“, sagt er. Eigentlich sei es eine Zumutung gewesen. Seit etwa vier Jahren ist er nun auf sein Fahrrad umgestiegen. „Seitdem ist mein Blutdruck auch runtergegangen“, sagt Strecker. Die Werte seien alle wieder im grünen Bereich, auch wenn er nicht mehr so sportlich sei wie früher. Denn in einem früheren Leben fernab von Berlin wollte Strecker Sportlehrer werden. Doch dazu später mehr.

Strecker sagt, der Park sei poesievoll, habe eine entspannende Wirkung auf ihn. Oft lehne er an einer der Mauern und lese Zeitung oder genieße den Moment mit dem Plätschern des Brunnens im Hintergrund. „Das sind die kleinen Fluchten im Alltag“, sagt er. Aber das viele Grün erinnere ihn auch an seine Heimat.

Aufgewachsen ist er als jüngstes von neun Kindern in Bad Homburg nahe Frankfurt am Main. Es gibt ein Bild der Großfamilie, auf dem Strecker zehn Jahre alt ist. Um sie alle auf ein Bild zu bekommen, seien Stunden vergangen. „Bis heute ziehen mich meine Geschwister damit auf, dass ich als Jüngster der Familie verwöhnt wurde“, sagt er und lacht wieder inbrünstig. In Bad Homburg lebten die Streckers in einer Beamtensiedlung zwischen dem Kurpark und einem Wald am Rande der Stadt. Sein Vater war leitender Regierungsbeamter und bewertete Sachschäden, die Menschen aus dem Zweiten Weltkrieg davongetragen haben.

Seine Mutter sei eigentlich Klavierlehrerin gewesen, doch habe sie sich irgendwann nur noch um die Kinder gekümmert. „Ihren Beruf hat sie irgendwann nur an uns Kindern ausgeübt“, sagt er. Alle hätten zumindest Blockflöte spielen können, eine Schwester sogar Geige. „Nur an mir ist der vorbeigegangen.“

„Theoretisch bin ich der, der alle zu Grabe tragen muss“

Während Strecker über seine Kindheit spricht und dabei viel lachen muss, laufen wir aus der Parkanlage auf die Belziger Straße, vorbei am Café „Aux Plaisirs“, das französische Tartes in jeder Variation anbietet, bis zur Pizzeria „Roma dal 1965“, die damit wirbt, die älteste Pizzeria Berlins zu sein. Streckers Blick wandert auf die andere Straßenseite zum evangelischen Friedhof Alt-Schöneberg. Hier ruhen Schöneberger Persönlichkeiten wie der Widerstandskämpfer und Jurist Friedrich Justus Leopold Perel (1910–1945).

Strecker sagt, er gehe oft über diesen Friedhof in der Nähe seiner Wohnung und entdecke immer wieder neue Beziehungen unter den Familiengräbern. Macht man sich dabei Gedanken über den eigenen Tod? Strecker sagt, natürlich mache er sich manchmal Gedanken. Seine Eltern seien bereits verstorben und zwei seiner Geschwister. „Theoretisch bin ich der, der alle zu Grabe tragen muss“, sagt er. Seine verstorbenen Geschwister und die Eltern lägen auf einem Waldfriedhof in seiner Heimatstadt. „Bei mir wird es aber eine Feuerbestattung geben und dann eine Urne“, sagt er. Seine Frau solle sich nicht mit solchen Angelegenheiten „herumschlagen“ müssen. Als wir darüber reden, wirkt Strecker weich, fast verletzlich.

Wir schweigen.

Während wir auf die andere Seite zur Hauptstraße in Schöneberg spazieren und durch den Heinrich-Lassen-Park zurück zur Belziger Straße, spricht Strecker über sein Studentenleben. Zunächst studierte er Geschichte und Latein in Erlangen bei Nürnberg, weil seine Noten für die Frankfurter Universität zu schlecht waren, zog aber später wieder zurück, als die Zulassungsbeschränkung für den Studiengang aufgehoben wurde. Er finanzierte das Studium zunächst mit einem Lieferwagenjob, später als Stagehand bei Rockkonzerten, also als Hilfskraft beim Auf- und Abbau von Konzerten.

Sein Leben für die Bühnen beginnt mit Kistenschleppen

Es war der Anfang von Streckers Leben für die großen Bühnen. „Ich schleppte Kisten über die Bühne und lud Lkw ab“, sagt er und erinnert sich an das erste Konzert: Elton John in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Das war am 18. Mai 1982. „Das Gute war, während des Auftritts gab es nichts zu tun, deshalb konnte ich alles ansehen“, sagt Strecker. Reingerutscht in das „Rockbusiness“ sei Strecker, weil der legendäre Konzertveranstalter Fritz Rau (1930–2013), der die Rolling Stones nach Deutschland holte und unter anderen mit Led Zeppelin zusammenarbeitete, ein Büro in Bad Homburg hatte. „Er hat mit Horst Lippmann das Rockgeschäft erst zu einem ,Business’ gemacht“, sagt Strecker. Jedenfalls lag das Büro direkt über Streckers Stammkneipe.

Strecker und seine Geschichte mit dem Käfer Cabrio

Nur wenige Wochen nach dem Elton-John-Konzert wurde Strecker mit einer Spezialaufgabe versehen. Die Rolling Stones hatten in diesen Tagen, es war Ende Juni, die Festhalle in Frankfurt für drei Tage gebucht, und er sollte mit seinem Käfer Cabrio einen wichtigen Mann am Flughafen abholen. Mick Jagger? „Nein, der ist mit einem Renault R4 vom Hotel gefahren worden, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt Strecker. Keith Richards? „Nein, ich sollte den Tour-Manager der Stones abholen“, sagt er. Das sei „geil“ gewesen und für ihn ein Vertrauensbeweis von Fritz Rau. Denn fortan durfte er immer wieder seinen Chef zu wichtigen Terminen fahren – und baute in jener Zeit eine freundschaftliche Beziehung zu ihm auf.

Wir sind mittlerweile in die Akazienstraße eingebogen und laufen am Gasthaus Gottlob gegenüber der Apostel-Paulus-Kirche vorbei. „Das ist auch schon ewig und drei Tage hier“, sagt Strecker. Er komme oft vorbei und trinke Kaffee mit Blick auf die vorbeigehenden Menschen. „Ich sitze liebend gerne im Café unter Leuten, bin aber dann gerne alleine und lese Zeitung“, sagt er. Während seiner Arbeit als Intendant müsse er sich ständig auf neue Situationen einstellen, viel reden. „Da bin ich halt froh, mal meine Ruhe zu haben.“

Wegen Lehrerschwemme bekommt Strecker keinen Job, also klopft er bei Fritz Rau an

Strecker erinnert sich noch besonders an eine Geschichte. Es ist die mit der Tugend. Der Jazz-Musiker Peter Herbholzheimer habe in Köln seinen Geburtstag gefeiert, und Strecker sollte seinen Chef Fritz Rau am nächsten Morgen abholen. „Es hat geschneit ohne Ende, ich bin da um vier aufgestanden, um rechtzeitig um 8 Uhr dort zu sein“, sagt Strecker. Eine halbe Stunde davor habe er Rau angerufen, doch Herbholzheimer nahm ab. „Fritz, dein Fahrer. Der sagt bestimmt, dass er nicht kommt.“ Rau soll geantwortet haben: „Nein, er sagt, dass er da ist.“

Nebenbei schloss Strecker in den folgenden Jahren sein Studium ab, mit Staatsexamen, absolvierte sogar das Referendariat. Doch das Land Hessen wollte ihn damals nicht, erzählt er. „Angeblich Lehrerschwemme.“ 1987 war das, und Strecker stand ohne Job da. Also klopfte er an die Tür von Fritz Rau.

Strecker imitiert die Stimme des Badeners, als wir die Elßholzstraße am Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin vorbeilaufen. „Magsch net Tourneeleiter werden?“, hat er mich gefragt. Der heilige Job der Branche. Strecker nahm an und wurde gleich auf Tournee geschickt, mit dem Saxofonisten David Sanborn und Popsänger Al Jarreau. „Der war ein magischer Mensch“, sagt Strecker über ihn.

Strecker geht auf Tour mit Konstantin Wecker und Peter Kraus

Wir sind schon ein ganzes Stück gelaufen, die Hitze an diesem Tag ist eigentlich fast unerträglich. Deshalb entscheiden wir, kurz ein Eis zu holen. Strecker nimmt drei Kugeln, Pistazie, Cookies und gebrannte Mandeln, ich bleibe bei einer Kugel Zitroneneis.

Eigentlich eine gute Idee bei der Hitze, aber auch irgendwie nicht. Denn während Strecker erzählt, verläuft das Eis langsam zu einer Masse in der großen Waffel. Es tropft, Strecker isst, spricht. „Ich hatte nicht die spektakulären Bands“, sagt er. Das Eis tropft. Aber die Musiker Konstantin Wecker oder Peter Kraus hätten oft gleich 40 Termine gehabt. Große Bands oft nur fünf, und das bedeutete auch wieder weniger Geld. Das Eis tropft weiter. Ich mache ihn darauf aufmerksam. Strecker isst. Wir laufen weiter zwischen Heinrich-von Kleist-Park und dem Hochbunker Pallasstraße über einen Skateplatz.

„Dann war ich knülle“

Nach vielen Tourneen ging Strecker 1990 zum Chinesischen Nationalcircus von André Heller. Eigentlich gebe es keinen Nationalcircus in China, sagt Strecker, nur lokale oder solche, die regional unterwegs seien. „Wir haben da aber etwas ausgedealt.“ Fünf Jahre lang reist er mit der Gruppe durch ganz Deutschland und organisiert Auftritte. „Dann war ich knülle“, sagt er. Strecker nahm eine Auszeit, verbrachte ein Jahr auf einem Bauernhof zwischen Osnabrück und Bielefeld. Das Eis tropft noch immer, er isst auf, bevor er zum letzten Akt kommt.

Noch auf dem Bauernhof, begann er wieder Großveranstaltungen zu organisieren, bis eines Tages das Telefon klingelt, während er die UN-Klimakonferenz in Bonn vorbereitete. „Da wurde ich gefragt, ob ich nicht Geschäftsführer des Wintergartens werden wolle“, sagt er. Am 1. September 1998 übernahm er den mittlerweile über Berlin hinaus bekannten Wintergarten als Intendant.

Drei Tage vor der Premiere: Jetzt kann nichts mehr schiefgehen

Wir sind nun im Heinrich-von-Kleist-Park angekommen. Strecker sagt, er wolle hier eines Tages eine Open-Air-Varieté-Show organisieren. „Mit der Kulisse im Hintergrund.“

Eine Frage habe ich dann doch noch zum Abschluss. Es ist drei Tage vor der Premierenshow. Was kann da eigentlich noch schiefgehen? Strecker antwortet: „Jetzt kann eigentlich kaum noch etwasschief gehen.“ Wenige Tage später öffnet der Wintergarten mit der neuen Show. Eine Kollegin resümiert: „Wie die Lettern an der Decke im Foyer schon verraten, ist das Haus ,Dem Staunen gewidmet’“.

Zur Person

Leben: Georg Strecker wurde 1957 im hessischen Bad Homburg geboren und wuchs mit acht älteren Geschwistern in einer Beamtensiedlung auf. Sein Vater war leitender Regierungsbeamter und seine Mutter Klavierlehrerin. Inzwischen lebt Strecker seit 24 Jahren in Berlin. Er ist seit 19 Jahren mit Ehefrau Rosemary verheiratet.

Karriere: Georg Strecker absolvierte sein Abitur in Bad Homburg, zog anschließend für das Studium zunächst nach Erlangen bei Nürnberg, später ging er in Frankfurt am Main auf die Universität und machte die beiden Staatsexamen, um Lehrer für Englisch und Sport zu werden. Doch er übte den Beruf nie aus. Stattdessen war er noch während des Studiums Stagehand bei Rockkonzerten. Er heuerte bei der Konzertagentur Lippmann & Rau an und wurde nach seinem Studium Tourneeleiter. 1990 ging er als Produktionsleiter zum Chinesischen Nationalcircus von André Heller. 1995 wurde er Berater für das Management von Großveranstaltungen für pool Holding. Seit dem 1. September 1998 verantwortet er die Geschicke des in neuem Glanz wiedereröffneten Wintergartens als Geschäftsführer.