Konzertkritik

Herbie Hancock lässt Fans mit sensationellen Vibes jubeln

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Ulrike Borowczyk
Herbie Hancock, hier bei einem Konzert in San Sebastian, überraschte bei seinem Konzert auf der Zitadelle mit großem melodischen und rhythmischen Einfallsreichtum

Herbie Hancock, hier bei einem Konzert in San Sebastian, überraschte bei seinem Konzert auf der Zitadelle mit großem melodischen und rhythmischen Einfallsreichtum

Foto: ANDER GILLENEA / AFP

Herbie Hancock ist der Elektronik-Nerd unter den Jazzern. Auf der Zitadelle wurde sein Konzert sehr schnell richtig funky.

Jazz-Legende Herbie Hancock wechselt unentwegt zwischen Flügel und Korg Kronos-Synthesizer hin und zurück. Baut eine Soundlandschaft. Verwebt sie mit der singenden Fuzz-Gitarre von Lionel Loueke, dem groovenden Bass von James Genus und den treibenden Beats von Justin Tyson am Schlagzeug zu einer vielschichtigen Komposition mit Sogwirkung.

Keine Frage, Hancock war und ist der Elektronik-Nerd unter den Jazzern. Er versteht sich ebenso auf schwingend-oszillierende E-Klänge wie auf eingängige Melodien. Nun hat er auf seiner Deutschland-Tour in der Zitadelle Spandau Station gemacht. Und bestreitet mit nur einer Handvoll Kompositionen ein ganzes Konzert. Das gelingt nur wenigen. Aber die Tracks des Ausnahme-Musikers sind eben auch zwischen zehn und 15 Minuten lang.

Vorab scherzt er: "We are gonna playing some strange stuff". Also sinngemäß: "Wir spielen ein paar seltsame Sachen." Und frickelt natürlich umgehend an den Reglern seiner Elektro-Spielzeuge herum. Klingt wie Walgesang auf LSD. Wird aber sehr schnell richtig funky. Und Herbie Hancock schwärmt: "I love strange notes."

Man merkt es ihm auf der Bühne nicht an. Doch 1940 in Chicago geboren, ist der Jazz-Pianist mittlerweile ein Gentleman von 82 Jahren. Sechs Jahrzehnten hat er die Musik geprägt wie kaum ein anderer. Vor allem aber hat er den Jazz transformiert und für neue, experimentelle Räume geöffnet. Doch sein Einfluss geht noch weit über das Genre hinaus.

Er hat nicht nur als Mitglied des Miles Davis Quintet den Jazz erneuert. In den Siebzigern verknüpfte er Jazz und Rock. Und lieferte damit einer ganzen Generation von Hip-Hop- und Dance-Music-Künstlern musikalische Samples. In seiner Elektro-Funk-Ära schuf er 1983 mit dem Welthit "Future Shock", einem Remake des Curtis Mayfield-Songs, ein frühes Beispiel instrumentalen Hip-Hops. Oder mit anderen Worten: Wenn es irgendwo in der Musik bahnbrechende Innovationen gab, hatte der 14-fache Grammygewinner sehr oft seine Hände im Spiel.

Da verwundert es nicht, dass er auch das Repertoire beim Open-Air-Event aus verschiedenen Perioden seines unglaublichen Werks schöpft. Darunter der Achtziger-Hit "Rock It". Hier mit Klicklauten von Loueke, von dem Hancock behauptet, er stamme nicht von der Erde, so genial wie er die Gitarre spielt. Loueke performt zudem eine verzerrte Gesangsstrecke. Gut durchgeschüttelt, fusionieren die verschiedenen Stilelemente aber immer zu Jazz. Und zwar meistens zu überaus tanzbarem.

Das Quartett eignet sich auch Tracks wie Wayne Shorters "Footprint" überaus raffiniert an. Überrascht mit großem melodischen und rhythmischen Einfallsreichtum. So greift Herbie Hancock bei "Come Running To Me" zum Vocoder, um neue Sounds zu kreieren. Musikalisch eine extrem coole Punktlandung.

Ein Abend, der die Fans mit sensationellen Vibes zum Jubeln bringt.