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Meine Eltern, die Hochstapler: „Warten auf Bojangles“

| Lesedauer: 4 Minuten
Ein Leben in Saus und Braus: Rücken an Rücken tanzen Georges (Romain Duris) und Camillie (Virginie Efira) auf einer ihrer rauschenden Partys.

Ein Leben in Saus und Braus: Rücken an Rücken tanzen Georges (Romain Duris) und Camillie (Virginie Efira) auf einer ihrer rauschenden Partys.

Foto: Studiocanal

„Warten auf Bojangles“mit Romain Duris ist eine Tragikomödie über zwei Blender – erlebt aus der Perspektive ihres unschuldigen Kindes.

Er ist ein Hochstapler. Ein Meister im Vorgaukeln. Immer wieder stiehlt sich Georges Fouquet (Roman Duris) auf Partys der Schönen und Reichen, auf die er nicht geladen ist. Dabei tischt er dreist unterschiedlichste Lügen über seine Identität auf. Just als der Blender bei einer dieser Partys aufzufliegen droht, wird er jedoch selbst geblendet.

Von Camille (Virginie Efira). Die ist hier nur Begleitung, hat aber für die betuchte Gesellschaft nur Verachtung übrig und tanzt provokant in ihrer Mitte. Sogleich tanzt Georges mit ihr. Und mit ihr aus der Reihe. Als Camille schließlich in voller Montur ins Meer springt, um auszureißen, springt er hinterher. Klatschnass brausen sie im Cabrio davon. Und lieben sich in einer einsamen Kapelle. Natürlich auf dem Altar.

„Warten auf Bojangles“: Das Leben genießen auf Kosten anderer

Hochstapler gehören zu der Sorte Mensch, denen man im wahren Leben lieber nicht begegnen mag, deren Tricksereien man im Kino aber umso lieber zuguckt. Da ist man ja nie selbst als Geprellter betroffen, wenn sie die Banalitäten des Alltags ignorieren und nur auf Kosten anderer leben. Und ist das Kino nicht an sich Traumfabrik, Blendwerk und Trickserei? Da befindet sich der Hochstapler ja in seinem ureigenen Metier.

„Warten auf Bojangles“, die jüngste Kino-Hochstapelei von Regis Roinsard, unterscheidet sich von berühmten Vorgängern wie „Catch Me If You Can“, „Tricks“ oder „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ indes dadurch, dass hier ein Blender mal nicht allein oder im Duo unterwegs ist. Das Paar hat noch auf dem Altar ein Kind gezeugt.

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Der Trailer zum Film: „Warten auf Bojangles“

Und der kleine Gary (Solan Machado Graner) wird wie selbstverständlich abends bei den großen Partys seiner Eltern mitfeiern. Er kommt deshalb immer zu spät in die Schule. Und erzählt dort von seinem Leben in Saus und Braus. Mit einem Ibis als exotischem Haustier. Und Rechnungen, die ungeöffnet auf einen Berg solcher Schreiben geworfen werden. Klar, dass Gary dafür nur Gelächter erntet.

Die Amour fou wird immer mehr zu echtem Wahnsinn

Der berühmte Song von „Mr. Bojangles“, in dem einer seine Sorgen wegtanzt, wird hier nicht nur dauernd angespielt. Er gibt auch den Takt vor. Denn die Tonlage verdunkelt sich. Nicht dass die Eltern zur Rechenschaft gezogen würden. Da hilft ihnen stets ihr reicher Gönner Charles (Grégory Gadebois) aus der Patsche. Aber langsam kippt diese Amour fou, wie sie so nur die Franzosen erzählen können, in echten Irrsinn.

Immer öfter befallen die lebenslustige Camille depressive und aggressive Schübe. Da muss der Papa ganz anders tricksen, um dem Sohn weiter Heile Welt vorzugaukeln. Auch wenn sein breites Lachen immer verzweifelter wirkt. Als Camille gar in einer Anstalt landet, beschließen Vater und Sohn, sie gemeinsam zu befreien.

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Die Verfilmung von Olivier Bourdeauts gleichnamigem Roman ist nichts für zartbesaitete Eltern. Denen dürften bald die Haare zu Berge stehen, wie die Fouquets hier ihren Spross erziehen. „Wie gelingt es anderen Kindern, ohne meine Eltern zu leben?“, fragt der kleine Gary einmal.

Man möchte da aufstöhnend entgegnen: Nein, wie gelingt es dir nur, mit diesen Eltern zu leben? Das Kind sollte es zu diesem Zeitpunkt indes schon besser wissen. Er hat das Blendwerk seiner Eltern wohl schon in der DNA. Oder das ist nur eine Form der Verdrängung.

Herzzerbrechend durch die kindliche Perspektive

Hauptdarstellerin Virigine Efira sucht sich stets extreme Rollen aus, ob als lüstern-berechnende Nonne in „Bernadette“ oder im Missbrauchs-Drama „Elle“. Und im französischen Kino weiß ohnehin keiner so unverschämt zu blenden wir Romain Duris.

Wie sie hier dem Hedonismus frönen, ohne sich je Gedanken zu machen, wo eigentlich das Geld dazu herkommt, ist genauso atemberaubend, wie sie vom Komik- langsam in den Tragik-Modus wechseln. Richtig herzzerbrechend aber wird das Ganze durch die kindliche Perspektive, durch die der Zuschauer das Drama erlebt.

Tragikomödie Frankreich/Belgien 2021, 125 min., von Regis Roinsard, mit Virginie Efira, Romain Duris, Grégory Gadebois, Solan Machado Graner.