Ausstellung

Gelebter Kiez: die Fotoausstellung „Eisenacher Hundert“

| Lesedauer: 5 Minuten
Fotograf John Kolya Reichart in seiner Ausstellung, mit dem Porträt von Ursula (100) in seinen Händen

Fotograf John Kolya Reichart in seiner Ausstellung, mit dem Porträt von Ursula (100) in seinen Händen

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Faszinierende Schau: Der Berliner Fotograf John Kolya Reichart bebildert die Straße, in der er wohnt, durch 100 Porträts von Anwohnern.

„Bist du Eisenacher*in???“ Mit diesem Aushang machte sich John Kolya Reichart auf die Suche für ein einzigartiges demografisch-urbanes Projekt. Der Fotograf, der seit dreieinhalb Jahren in der Eisenacher Straße in Schöneberg lebt, suchte 100 Menschen im Alter von eins bis 100, die hier wohnen, arbeiten oder ausgehen. So entstand eine faszinierende Schau, die derzeit im Lab der Galerie Tamschick Media+Space zu sehen ist. Natürlich in der Eisenacher Straße, Haus Nr. 57.

Hier trifft Blutjung auf Steinalt, Ur-Berliner auf zugezogen, Weiblein auf Männlein, Biedermann auf Paradiesvogel. Alle ganz nah beisammen, und alle scheinen sich gegenseitig anblicken. Gelebter Kiez, wenn man so will, eine Straße in Gesichtern, die man in drei Räumen besichtigen oder im Begleitband durchblättern kann.

„Eisenacher Hundert“: 100 Porträts in nur drei Monaten

Reichart empfängt uns in den hellen weißen Ausstellungsräumen, in denen er mit signalblauer Jacke heraussticht. Immer wieder schaut er aus den großen Fenstern auf Passanten. Vielleicht eine Berufskrankheit. Immer wieder winkt er auch, weil einer der Menschen, die er abgelichtet hat, vorbeiläuft. Und ihm zulächelt.

Das zeigt, in aller Kürze, viel Vertrauen und Verbundenheit. Auf seinen Aufruf, erzählt uns der 40-Jährige, haben sich viele gemeldet, ein Drittel konnte er so abdecken. Dann musste er gezielt nach einzelnen Jahrgängen suchen. In Friseursalons, Restaurants, bei Pflegediensten. Keine leichte Aufgabe, zumal er nur von Ende 2021 bis März 2022 fotografierte, und das in Zeiten von Corona. Dennoch fanden sich genug Interessierte.

Sie alle hat er Schwarz-Weiß fotografiert, mit analoger Kamera, immer aus leichter Untersicht. Um zu ihnen aufzusehen, was ihnen etwas Würdevolles, eine Aura verleiht. Anfangs dachte Reichart, er könne mit Schnappschüssen arbeiten. Bald wurde ihm klar, er musste sich einen Moment Zeit nehmen, damit die Menschen aus ihrem Alltag treten können. Damit sie nicht zu sehr abgelenkt waren, bat er sie, die Augen zu schließen. Da waren sie dann mehr bei sich. Meist hat er genau in dem Moment auf den Auflöser gedrückt, als sie die Augen wieder öffneten.

Erst das Gesicht zeigen, dann das Leben erzählen

Am Ende wurden es nicht nur 100 Porträts, es gibt auch zwei Zugaben. Einen Prolog und einen Epilog. Oder auch: ein U1 und ein Ü100: die vier Monate alte Mila und die 102-jährige Margarete. Aber all diese Bilder sind nur ein Teil der hochinteressanten Ausstellung. Denn Reichart merkte, die Gesichter reichen nicht, es musste auch eine Geschichte dazu geben.

Er bat die Fotografierten deshalb, aus ihrem Leben zu erzählen. Sie trafen sich dafür meist in seinem Auto, „mein mobiles Aufnahmestudio“, wie er scherzt. Er zeigte ihnen die Porträts, konfrontierte sie mit den Abbildungen. Das war der Moment, in dem sich alle öffneten. Und zu erzählen begannen. Diese Geschichten sind im Katalog abgedruckt und liegen auch in den Ausstellungsräumen aus. Zeitzeugen in Wort und Bild. Das ist mehr als nur Kiezgeschichte. Das erzählt ganz viel von Jung und Alt, vom Wandel der Zeit und vom Zusammenleben der Generationen und Kulturen.

Reichart wohnt seit 20 Jahren in der Stadt, mit Unterbrechung, weil er dazwischen Regie an der Filmhochschule Ludwigsburg studiert hat. Danach hat er in Berlin mit zwei Freunden eine Filmproduktionsfirma gegründet, hat vom Spielfilm bis zum Werbespot alles produziert, rutschte dort aber immer mehr in die Funktion eines Geschäftsführers. Was eigentlich gar nicht seins ist.

Immer schon hat der gebürtige Kölner aber auch fotografiert. Und das wurde immer reizvoller für ihn, weil diese Arbeit für ihn schneller, einfacher und unmittelbarer ist, die direktere Ausdrucksform. Vor zwei Jahren ist er deshalb aus der Firma ausgestiegen und nur noch als Fotograf tätig.

Auch Fußballjungs kommen, um zu gucken

Ein Langzeitprojekt von ihm ist „Faces of Berlin. Gesichter der Stadt“, für das er seit Jahren Passanten anspricht und vor seine Kamera bittet. Daraus entwickelte sich dann die konkrete Idee für „seine“ Straße, eine der längsten in Schöneberg, die nach dem Krieg auch eine der zerstörtesten war. Hier lässt sich die jüngere Zeitgeschichte deutlich ablesen, an den hochherrschaftlichen Altbauten und den zweckfunktionalen Aufbauhäusern der 50er-, 60er-Jahre.

Die Ausstellung kommt gut an, wie Reichart versichert. Zur Vernissage kamen auch 90 der Fotografierten. Aber es gibt auch ganz viele Neugierige im Kiez. Selbst zwei Fußballjungs haben sich kürzlich auf die Bank vor die Galerie gehockt und anderthalb Stunden im Katalog geblättert. Ein größeres Kompliment, findet Reichart, könne es nicht geben.

John Kolya Reichart: Eisenacher Hundert. Gesichter einer Straße. Ausstellung: Tamschick Media + Space Lab, Eisenacher Str. 57, Schöneberg. Di. u. Fr., 17-20 Uhr, Sa 12-20 Uhr. Bis 29. Juli. Buch: Lamotta Verlag, 216 Seiten, 38 Euro