Rundfunkchor Berlin

Hans Rehberg: Das Miteinander muss man pflegen

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Volker Blech
Hans Rehberg in seinem Büro.

Hans Rehberg in seinem Büro.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Hans Rehberg hört nach 32 Jahren als Direktor beim Rundfunkchor Berlin auf und zieht Bilanz.

„Transparent und stabil“ sagt Hans Rehberg selbstsicher, meint damit aber den Glastisch in seinem Büro, auf den er sich für das Foto setzt. Wenn der scheidende Direktor des Rundfunkchors Berlin über sich selbst spricht, dann ist er jemand, dessen Job es immer war, den roten Teppich unterm Arm zu tragen. Und natürlich allen auszurollen. Wenn er am Freitag offiziell sein Büro verlässt, dann hat er den Chor 32 Jahre lang geleitet. Hans Rehberg war 1956 in der Altmark (Sachsen-Anhalt) geboren worden und hatte Gesang in Leipzig studiert. Nach fünf Jahren im Ensemble der Musikalischen Komödie Leipzig wechselte der Bariton 1981 zum Rundfunkchor Berlin. Als Manager hat er ab 1990 den Ost-Berliner Chor zum internationalen Spitzenensemble gemacht.

Herr Rehberg, wer sind die sympathischsten Dirigentenstars, mit wem haben Sie weniger gern gearbeitet?

Hans Rehberg: Alle Dirigenten hatten etwas unglaublich Spannendes, auch wenn ich mit dem einen vielleicht lieber zusammen gearbeitet habe als mit dem anderen. Es waren tolle Künstler. Wir sitzen hier in Berlin im Klassik-Olymp, und der Rundfunkchor darf mit den Großen der Zeit zusammenarbeiten. Ich bin rückblickend so glücklich, dass wir Claudio Abbado begegnen durften, auch wenn er für große Projekte eine Vorliebe für den Schwedischen Rundfunkchor hatte. Ich schätze jedes Projekt, das wir mit ihm machen konnten. Daniel Barenboim wird gern ein gewisses Herrschertum nachgesagt, aber ich habe ihn immer als einen Dirigenten erlebt, dem es zuerst um die Musik ging. Wenn wir als Rundfunkchor mit den Göttern am Pult zusammenkommen, ist ja unser Leistungsversprechen bereits eingelöst. Der Chorpart ist fertig einstudiert, der Dirigent kann sich einfach bedienen und nach Vorlieben Kleinigkeiten verändern.

Was waren die prägendsten Jahre?

Es gab immer Auf und Abs. Ich habe vier Chefdirigenten erlebt. Dietrich Knothe, der mich zunächst als Sänger und dann ins Management geholt hatte, war ein exzellenter Partner für die Nachwendezeiten, in denen es darum ging, das Ensemble auf ein sicheres Terrain zu lenken. Knothe hat den Chor immer aus künstlerischer Sicht verteidigt, ich habe neue Kontakte hergestellt. Es war zuerst ein Überlebenskampf. Die gestalterische Arbeit ging für mich eigentlich erst los, als 1994 Robin Gritton kam. Er konnte mit Menschlichkeit etwas Klangschönes formen. Wir haben zusammen das Chorabonnement und erste Educationprojekte auf den Weg gebracht. In der Zeit hatte ich auch viele Gespräche mit dem namhaften Chordirigenten Uwe Gronostay. Ihn habe ich erst kennen gelernt, nachdem die Mauer fiel. Er wurde ein guter Freund und wichtiger Mentor.

Der Rundfunkchor öffnete sich vom professionellen Spezialensemble gegenüber der Laienchor-Bewegung und führte auch interdisziplinäre Aufführungsformen ein?

Das ist erst später mit Simon Halsey gekommen. Wir waren natürlich immer glücklich, wenn uns 2500 Leute in der Philharmonie zujubelten. Aber wenn man ihnen sagte, kommt doch morgen zum A-cappella-Konzert, dann habt ihr uns pur, dann blieb das große Publikum weg. 500 Besucher waren bereits ein Segen. Das war der Grund für die Öffnungen. Bei der Barockmusik hatte ich gesehen, dass die immer ganz gut funktioniert, wenn sie mit Tanz in Verbindung gebracht wird. Wir suchten nach ähnlichen Schnittstellen für die Chormusik. Es gab viele Gespräche, ich bin viel herumgereist und habe mich inspirieren lassen.

Vielleicht ein Beispiel?

Als die leergeräumten Reste des Palastes der Republik zum Abschiednehmen geöffnet wurden, war ich noch einmal drin. Ich war im ehemaligen Areal der Volkskammer und hörte plötzlich innerlich Shchedrins „Der versiegelten Engel“. Darin geht es um Dinge, die nicht sein dürfen, wenn die Politik sie verbietet. Das war der Ursprung fürs Broadening. Ich zeigte Halsey das Areal im Palast, er war sofort begeistert. Aber es stellte sich heraus, dass das Projekt bürokratisch viel zu kompliziert mit den ganzen Sondergenehmigungen war. Wir haben es später in der Parochialkirche gemacht.

Simon Halsey hatte die Tradition der Mitsingkonzerte aus England mitgebracht?

Ja. Die Familienkonzerte, wie wir sie machten, waren gut und schön. Aber man wusste nie genau, für wen man musiziert: für die Sechsjährigen, die Eltern oder die Großeltern? Irgendjemand langweilte sich bei dem Konzertmodell immer. Deswegen fragten wir uns, ob wir nicht lieber eine Art Zusammentreffen mit Amateurchören veranstalten wollen? Das war die Geburtsstunde der Mitsingkonzerte in der Philharmonie. Es sind sehr beliebte Formate.

Was waren die furchtbarsten Zeiten des Rundfunkchors?

Das war vielleicht der Dauerkampf um einen Tarifvertrag. Die Rundfunk-Orchester und -Chöre gGmbH war zunächst der Rettungsanker für vier Klangkörper, aber inzwischen bietet die Träger-GmbH eine solide Basis für die künstlerische Arbeit. Als Chor hatten wir einen Tarifvertrag, der auf unsere Treuhandverwaltung durch das ZDF zurückging. Dort war man bereit, den Rundfunkchor und das Rundfunk-Sinfonieorchester zu übernehmen. Das ZDF wollte sich in Berlin einen Platz mit Hörfunk sichern. Da gab es heiße Kämpfe. Es war für uns eine komplizierte Zeit. Wir haben bis 2014 mit dem ursprünglichen Tarifvertrag gelebt. Das Ringen um den jetzt gültigen Tarifvertrag endete mit einem Streik des Chores.

Was war das glücklichste Ereignis für den Rundfunkchor?

Es war die Zusammenarbeit mit den beiden befreundeten Chefdirigenten Simon Halsey und Sir Simon Rattle. Genau genommen war es die Vorliebe von Simon Rattle für chorsinfonische Werke. Und er hatte den Sensus, dass das Berliner Publikum eine andere Ansprache braucht. Bereits in den 1990er-Jahren war das Bewusstsein erwacht, dass wir etwas für die nächste Generation tun müssen, wenn wir in 20, 30, 40 Jahren noch ein Publikum haben wollen. Was wir als Chor im Educationbereich im Kleinen begonnen hatten, konnte Rattle mit großer Unterstützung der Deutschen Bank in der Stadt ganz anders sichtbar machen. Es war beglückend, dass wir Teil seines musikalischen Programms sein konnten. Rattle hat den Chor auf dem Podium immer wunderbar geführt. Es war selbstverständlich, dass Halsey für Rattle die Choreinstudierungen gemacht hat. In einem Interview wurde Rattle einmal gefragt: Warum er seit Jahrzehnten immer mit demselben Chordirigenten arbeitet? Rattle antwortete kurz: Schon mal was von Vertrauen gehört?

Als Sir Simon 2010 Bachs Matthäuspassion vom amerikanischen Theaterregisseur Peter Sellars auf die Bühne in der Philharmonie bringen ließ, sang und spielte der Rundfunkchor mit.

Der Chor hätte vorher nie Bachs Matthäuspassion auswendig gelernt, aber für Rattle haben sie es gemacht. Es war für den Chor ein Schritt in eine andere Nische des Olymps. Es war zugleich die Schlüsselerfahrung für unser „Human Requiem“. Zwei Jahre später hatten Jochen Sandig und ein Team von Sasha Waltz & Guests das „Deutsche Requiem“ von Brahms szenisch umgesetzt. Das war ein Meilenstein in unserer interdisziplinären Reihe. So kam eins zum anderen.

Als Nachfolgerin wird Rachel-Sophia Dries in das Büro einziehen. Lassen Sie einmal die vergangenen Jahrzehnte an sich vorüber ziehen. Was geben Sie dem Chor als Empfehlung mit auf den Weg?

Ich halte es für wichtig, dass man im Arbeitsbereich nicht nur zum Arbeiten zusammen kommt. Als ich den Rundfunkchor kennenlernte, waren die Sänger gesellig und haben auch Freizeit miteinander verbracht. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl konnten wir über viele Jahre hinweg bewahren. Ich glaube, dass das soziale Miteinander auch eine Klangkomponente hat. Der dunkle, schöne, warme Ton ist aus damaligen Zeiten hervorgegangen. Er ist inzwischen geschliffen worden und hat Tiefenschärfe bekommen. Gijs Leenaars macht als Chefdirigent gerade eine unglaublich tolle Klangarbeit. Ich wünsche mir, dass die Mitglieder das soziale Miteinander nicht aus den Augen verlieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit, das muss man pflegen.