Waldbühne

Nick Cave in Berlin: Ein Gig voller Finesse und Emotionen

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Nick Cave auf der Bühne. (Archivbild)

Nick Cave auf der Bühne. (Archivbild)

Foto: Jason Williamson

Nick Cave & the Bad Seeds bieten in der Berliner Waldbühne einen meisterhaften Abend. So war das Konzert.

Berlin. Die Retrolampen und eine knallbunte Lightshow samt wippendem, dreiköpfigem Gospelchor machen rein optisch einen durchaus heiteren Eindruck. Doch der täuscht. Denn auf der Bühne geben sich Nick Cave & the Bad Seeds die Ehre. Der Hohepriester der Düsternis und seine melancholischen Spießgesellen legen umgehend mit einem schreienden „Get Ready For Love“ los. Es donnert und kracht in wirbelnden Clustern. Wobei es Cave geradezu unwiderstehlich zum Publikum zieht.

Die Zuschauer in der ersten Reihe sind naturgemäß mehr als erfreut über die unerwartete Tuchfühlung mit ihrem Star. Man kann es ihnen nicht verdenken. Vier Jahre ist es jetzt her, dass Nick Cave & the Bad Seeds in der Waldbühne aufgetreten sind. Nun endlich beschwört der dunkle Prophet wieder in seinen Songs einen Kosmos großer Gefühle herauf. Singt über Erlösung, Verlust, Gott, Liebe und Schmerz. Wechselt dabei mühelos zwischen Wehmut und Leidenschaft. Von leisen Momenten mit Balladen wie „The Ship Song“ zu lautstarken Krachern wie „Tupelo“.

Der 64-jährige Australier mit Wohnsitz in England und seine Bad Seeds sind auf Konzertreise durch Europa, ohne ein neues Album vorzustellen. Nur aus Freude am gemeinsamen Musizieren. In Deutschland tritt die Combo nur zwei Mal auf. Neben Berlin Anfang August in Rastatt.

Es wirkt so, als teile er sein Leid in seiner Musik mit den Zuschauern

Was an diesem Abend implizit mitschwingt, ohne thematisiert zu werden, ist der Tod von Nick Caves ältestem Sohn Jethro (31) letzten Monat, als der Sänger und Pianist mit den Bad Seeds in Frankreich unterwegs war. Schon vor sieben Jahren starb einer seiner Söhne, Arthur, mit nur 15 Jahren durch einen Unfall, nachdem er mit LSD experimentiert hatte. Nach diesen Schicksalsschlägen meint man den Schmerz in Nick Caves Augen förmlich greifen zu können. Und es wirkt so, als teile er sein Leid in seiner Musik mit den Zuschauern.

Gespielt wird vorzugsweise wuchtig und treibend. Etwa bei „There she goes my beautiful world“. Elegisch mit „Oh Children“. Wenn er nicht am Flügel sitzt, eilt Nick Cave in die ersten Reihen, lässt sich von den ausgestreckten Händen packen und bringt eine immense Intensität in die Show.

Schon in seinen frühen Tagen mit der australischen Postpunk-Gruppe The Birthday Party verwandelte Nick Cave die Bühne in ein kleines Theater der Grausamkeit. Und anschließend in seiner langen Karriere mit den Bad Seeds sang er immer wieder über Vagabunden, Sünder, Gesetzlose, Mörder, Laster und Erlösung. Im Laufe der Jahrzehnte hat Cave so einige der intensivsten Werke des Rock hervorgebracht. War und ist wegweisend für junge Nachwuchsmusiker.

Über fünf Millionen Alben haben er und die Bad Seeds weltweit verkauft. Nun bieten sie einen meisterhaften Abend, der von „From Her To Eternity“ bis „Ghosteen Speaks“ auf ein Repertoire aus vierzig Jahren zurückgreift. Mit rund zwanzig Songs, darunter „From Her To Eternity“, von seinem ersten Album mit den Bad Seeds. Ein Gig voller Finesse und Emotionen, so elegant wie sein Protagonist im dreiteiligen Anzug.