Staatskapelle Berlin

Christian Thielemann dirigiert die Staatskapelle Berlin

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Matthias Nöther
Dirigent Christian Thielemann.

Dirigent Christian Thielemann.

Foto: Robert Michael / dpa

Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden ist kurzfristig für den verletzten Herbert Blomstedt eingesprungen

Eine nicht oft zu erlebende Konstellation: Christian Thielemann dirigiert die Staatskapelle Berlin in der Philharmonie. Für den greisen Herbert Blomstedt ist er sehr kurzfristig eingesprungen, der sich vor einigen Tagen bei einem Unfall verletzt hat. Thielemann, einst Generalmusikdirektor am Staatsopern-Konkurrenzhaus an der Bismarckstraße, leitet Barenboims Orchester. Sind die hässlichen Schlachten von vor rund zwanzig Jahren, in denen es auch um mutmaßlichen oder tatsächlichen Antisemitismus ging, vergessen? Nun, Thielemann hat sehr kurzfristig zugesagt, und Daniel Barenboim hört am zweiten Abend in der Philharmonie im Publikum zu, das sagt viel.

Auf die Mozart-Sinfonie, die Blomstedt für die erste Hälfte des Konzerts angesetzt hat, verzichtet Thielemann. Stattdessen gibt es das Vorspiel und den – hier rein orchestralen – Liebestod aus Wagners „Tristan und Isolde“. Mit der Siebten Sinfonie von Bruckner in der zweiten Hälfte, die auch im Ursprungsprogramm angesetzt war, ist es denn auch ein fast schon zu übliches Programm für den Spezialisten der deutschen Spätromantik Thielemann. Die Spannung bleibt, wie er es mit mutmaßlich allzu wenigen Proben mit einem ihm nicht sehr bekannten Orchester bewältigt.

Barenboim versprüht Emotionen, Thielmann bleibt distanziert

Nun, Thielemann geht schon das „Tristan“-Vorspiel so an, wie es weiter entfernt nicht sein könnte von dem Zugriff, den man von Barenboim kennt. Thielemanns Dirigat ist beschreibend und selbst in der kleinsten Abphrasierung übergenau und in seinen Zeichen mehr als plastisch. Er hat die Emotionen dieses Stückes vermutlich schon als jugendlicher Wagner-Fan bis ins Tiefste nachempfunden, aber schon vor Jahrzehnten für sich und seine Orchester technisch-nüchtern in kleinste Einheiten zerlegt. Wo Barenboim Emotion ins Orchester hineinfeuert, bleibt Thielemann auf Distanz. Seine „Tristan“-Gefühle sind aber nicht nur anwesend, sie schleichen sich leise ins Innerste der Hörenden. Die Wagnerschen Emotionen sind bei ihm musikalische Gestalt in einem fast mozartisch klaren, klassizistisch konturierten Klangbild und einem ebensolchen Aufeinanderfolgen der Phrasen und Motive.

Auch Bruckners Siebte ist bei Thielemann differenziert und fein – gelegentliche klangliche Überladung aus der Horn-Ecke ist vielleicht eher auf die kurze Probenzeit und darauf zurückzuführen, dass sich der Dirigent sehr konzentriert insbesondere den Streichern widmet. Die ostentativen Brucknerschen Motiv-Wiederholungen der Geigen bei Steigerungen werden von Thielemann und der Staatskapelle so liebevoll und melodiös gestaltet, als würde es sich um immer neue, immer interessante Einfälle handeln. Im zweiten Satz lässt er dem Zwiegespräch zwischen Violinen und Bratschen eine Freiheit fast wie in gesprochenen Phrasen. Das funktioniert, offenbar auch ohne große Absprachen, erstaunlich gut. Ein Glück, wenn man diesen Dirigenten nicht nur nachts für ein Einspringen in Berlin anrufen, sondern dass er auch aus dem Stand, mit einem entsprechenden Orchester, einen Spitzen-Bruckner liefern kann.