Konzerthaus Berlin

Franziska Kuba: Musik ist ein Ventil

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Die Leipziger Chordirigentin Franziska Kuba im Berliner Konzerthaus.

Die Leipziger Chordirigentin Franziska Kuba im Berliner Konzerthaus.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Franziska Kuba dirigiert das Saisonfinale im Konzerthaus. Ein Gespräch mit der 31-Jährigen über Trends im Klassikbetrieb.

Am Morgen, als sie zu den Proben von Leipzig nach Berlin fuhr, habe sie zuerst die Nachrichten auf dem Handy gelesen, sagt Franziska Kuba. Sie las von den 53 Migranten, die in einem LKW an der mexikanischen Grenze erstickt sind. Eine Seite weiter ging es um den Terroranschlag in Oslo. Der Krieg in der Ukraine beherrsche die Nachrichten, so die Dirigentin, dazu komme der Klimawandel. „Die ganze Zeit prasseln die großen Themen auf einen ein“, sagt Franziska Kuba. „Viele fragen sich, wie sie damit umgehen sollen? Ich finde, dass die Musik eine Möglichkeit ist, um Emotionen freizulassen. Musik ist ein Ventil, um bestimmte Themen auszuhandeln, über die man vielleicht gar nicht reden muss.“

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt leitet die 31-Jährige am Donnerstag das Saisonfinale mit Carl Orffs „Carmina Burana“. Im Großen Saal dabei sind außerdem das Klavierduo Lucas & Arthur Jussen, die noch Artists in Residence am Haus sind, Schlagzeuger des Konzerthausorchesters, Gesangssolisten sowie die Chöre der Humboldt-Universität und der Al-Farabi Musikakademie.

Sie tritt eine Professur an der Musikhochschule Detmold an

Die Träume würden sie überholen, sagt Franziska Kuba irgendwann im Gespräch. Später am Tag wird offiziell verkündet, dass sie im Oktober eine Professur an der Musikhochschule Detmold antritt. So meinungsstark die Chordirigentin in ihren Ansichten wirkt, so bescheiden scheint sie in ihrer Selbstdarstellung zu sein. Das ist überaus sympathisch, zumal sie konsequent und offenbar authentisch ihren künstlerischen Weg geht.

Franziska Kuba stammt nicht aus einer Musikerfamilie, aber jedes der vier Geschwister hat ein Instrument gelernt. „Als Kind und Jugendliche habe ich in diversen Chören gesungen und irgendwann im Landeschor Niedersachsen angefangen“, erzählt sie. „Jörg Straube leitete zu dem Zeitpunkt den Chor. Er ist ein sehr charismatischer und impulsiver Chordirigent. Er hat für mich als Erster klassische Musik so dargestellt, dass ich dachte, das hat etwas mit mir zu tun. Ich habe mich von der Musik so berührt gefühlt.“ Sie begann ein Lehramtsstudium auf Musik und Geschichte, dann kam das Dirigieren ins Spiel. „Es hat sich schnell herausgestellt, dass ich dafür brenne. Dann habe ich Dirigieren studiert und meine Erfahrungen gesammelt.“

Ihren Lebensmittelpunkt hat sie inzwischen fest nach Leipzig verlagert, wo sie heute auch mit Partner und zwei Töchtern lebt. „Aus meinem Umfeld sind sehr viele Klassenkameradinnen und Freundinnen nach Leipzig gezogen. Ich bin einfach nachgezogen“, sagt sie. „Es gab 2010 so einen Run nach Leipzig. Es ist eine extrem lebenswerte Stadt. Sie bietet Kultur, viel Grün und auch Subkultur. Man trifft auf eine blühende freie Szene.“

Für die Dirigentin ist es natürlich, die Namen aller Mitwirkenden zu kennen

Franziska Kuba leitet einen Kammerchor, eine größeren Chor und ein Ensemble mit Musikern und Sängern. Ob Sie alle Namen der Mitwirkenden kenne? „Ja, klar“, sagt sie ohne zu zögern. „Es sind rund hundert Leute, die ich wöchentlich sehe.“ Als Dirigentin steht sie für eine neue Generation mit eigenen Grundsätzen. „Man merkt, dass die meisten Chorsängerinnen das Bedürfnis nach Partizipation haben. Sie wollen mitentscheiden können und in Prozesse eingebunden sein“, sagt sie. Das sei sicherlich eine Herausforderung für Dirigenten, die aus einer alten Schule kommen. „Ich finde das fantastisch, weil ich keine Sorge habe, dass jemand meine Autorität nicht anerkennt. Jeder kann einen guten Gedanken mitteilen, weil es mir auch um demokratische Prozesse in den Strukturen geht.“

Zur künstlerischen Tradition gehört es dennoch, dass jemand den Takt vorgibt. Und das hat wenig mit Demokratie zu tun. „Wie überzeuge ich die Leute, damit sie das, was mir vorschwebt, gerne machen?“, fragt Franziska Kuba -- und sie denkt dabei nicht an eine Form von Manipulation. „Es geht nur mit Ideen, Lust und Leidenschaft und nicht über Aggressionen. Die Zeiten ändern sich. Ich fände es mühsam, die Leute die ganze Zeit anzuschreien. Musik hat doch so viel mit Seele zu tun. Ich möchte doch, dass die Leute aus ihrer Seele heraus mitmusizieren.“

Allerdings gibt sie zu, dass sie je nach Tagesform unterschiedliche Kapazitäten habe, sich im Probenprozess auf die Leute einzulassen. „Manchmal höre ich zu, manchmal sage ich, lehnt euch bitte zurück, ich entscheide jetzt. Aber es sind immer Prozesse, die aus der Empathie heraus passieren.“ Aber es gäbe auch Momente, da müsse das Ensemble die Dinge klären, auch unter sich. Dann müsse sie das zulassen.

Es gibt einen Schub in Richtung der zeitgenössischen Musik

Die junge Dirigentin verweist auf einen anderen Trend im Musikbetrieb. „Die Grenzen der Konzerträume, der Orchester und der Chöre verschieben sich, immer mehr professionelle Institutionen gehen auf die Straße und binden Leute von außen ein. Wir haben in der Kulturszene ein großes Problem, weil vergleichsweise nur wenige Leute daran interessiert sind. Die Gruppe füllt immer wieder die Konzerthäuser, aber eigentlich müssen wir auch jene erreichen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht mit der Musik auseinander setzen.“ Das beträfe Jugendliche oder Leute, die als Kind keine musikalische Ausbildung haben konnten oder denen klassische Musik zunächst nichts bedeutet. „Die müssen wir erreichen“, sagt Franziska Kuba, „ansonsten geht unsere ganze Kultur flöten.“ Ihrer Meinung nach sollten gerade auch die großen Häuser, „die mit viel Geld vollgepumpt werden, sich mehr darum bemühen, Leute in die Vorstellungen zu holen, die sonst keine Berührungspunkte damit haben.“

Darüber hinaus hat die Dirigentin das Gefühl, „dass es gerade einen Schub in Richtung der zeitgenössischen Musik gibt. Sie wird innerhalb der klassischen Musik wieder relevanter, weil wirklich nur die zeitgenössische Musik den Zeitklang abbilden kann.“ Das passiere nicht, wenn wir nur Musik reproduzieren, die 200 oder 300 Jahre alt ist. Die Interaktion mit lebenden Komponisten sei auf jeden Fall wichtig. „Auf diese Weise können wir auch gesellschaftlich relevante Themen auf die Bühne bringen und den Kontakt zum jüngeren Publikum finden.“ Die relevanten Themen bringt die junge Dirigentin ohne Zögern auf den Punkt: „Demokratieverständnis, Klima, Gleichberechtigung und soziale Medien.“

Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Mitte. Tel. 203092101 Termin: 30.6. um 19 Uhr.