Film

Putzlappen und Prekariat: „Wie im echten Leben“

| Lesedauer: 4 Minuten
Ist undercover in der Welt der Mindestlöhne unterwegs: Marianne (Juliette Binoche)

Ist undercover in der Welt der Mindestlöhne unterwegs: Marianne (Juliette Binoche)

Foto: Neue Visionen

Juliette Binoche spielt in Emmanuel Carrères Film eine Schriftstellerin, die den Arbeitsmarkt und seine Härten kennenlernt

Die französische Journalistin Florence Aubenas hat in ihrem Leben viel gesehen: Als Reporterin der „Libération“ war sie in Kriegs- und Krisengebieten wie Ruanda, Kosovo und Afghanistan im Einsatz. 2005 wurde sie mit ihrem arabischen Übersetzer von islamistischen Geiselnehmern im Irak entführt und nach 157 Tagen in Gefangenschaft wieder freigelassen. Ohne diese Erfahrung, hat sie später in Interviews erzählt, hätte sie sich nicht getraut, womit ihr 2010 ein Bestseller gelang: Mit gefärbtem Haar und Brille fuhr sie in die nordfranzösische Hafenstadt Caen, um sich dort arbeitslos zu melden und für mehrere Monate als Reinigungskraft zu arbeiten. Ihr Erfahrungsbericht „Le Quai d’Ouistreham“, später unter dem reißerischen Titel „Putze! Mein Leben im Dreck“ in Deutschland veröffentlicht, wurde zum Bestseller.

Er bildet die Vorlage für das Drehbuch dieses schönen Films, das wiederum von Emmanuel Carrère stammt, dem bekannten und mehrfach ausgezeichneten französischen Schriftsteller. Er führte auch Regie – und hat mit der Wahl von Juliette Binoche für die Hauptrolle ins Schwarze getroffen. Als Marianne Winckler kommt sie in die fremde Stadt und muss zuerst feststellen, dass selbst die einfachsten Mindestlohnjobs nicht ohne weiteres zu haben sind – es gibt auch dann eine starke Konkurrenz, wenn es darum geht,
12 Stunden oder länger hart zu arbeiten und dafür erhebliche Anfahrtszeiten in Kauf zu nehmen. Wie eine Staubsaugervertreterin muss Marianne auf einer Jobmesse ihren Lebensverlauf an den Mann bringen (die Männer tauchen hier zuverlässig in Führungspositionen auf). Dass etwas Demütigendes schon darin liegen kann, dass man auf die Frage nach den eigenen Schwächen mit den Klischees „manchmal zu perfektionistisch“ oder „hin und wieder zu ehrgeizig“ zu antworten gezwungen ist, macht Juliette Binoche mit feinem Mienenspiel klar. Marianne lernt Menschen kennen, die sich in derselben Lage zu befinden glauben wie sie und mit denen sie bald ein starkes Band der Solidarität verbindet – auch wenn sie ihren ersten Job aufgrund einer angeblich schlecht geputzten Mikrowelle und eines tatsächlich schikanösen Vorgesetzten gleich wieder verliert. Die allein erziehende Christèle, die ausgesprochen hart im Nehmen ist, vermittelt sie schließlich an die Putzkolonne des Fährhafens, dessen Name Ouistreham Buch und Film den Namen gibt.

Das Arbeitspensum scheint übermenschlich groß

Hier müssen 12 Arbeiterinnen und Arbeiter in nur anderthalb Stunden 230 Kabinen reinigen – ein abenteuerliches Pensum. Für Marianne sind es 60 Betten, die sie machen muss. Das sind anderthalb Minuten pro Bett. Man muss sich klar machen, was das bedeutet: „Oberes Bett, unteres Bett“, erzählt sie aus dem Off, „das geht auf den Rücken und auf die Schultern. Zu Hause zittern die Arme. Stromstöße lassen die Muskeln verkrampfen und dich nicht schlafen. Ich putze lieber Toiletten oder wische Gemeinschaftsflächen. Das ist zwar dreckiger, aber nicht so anstrengend. Daran erkennt man die alten Hasen hier.“

Es sagt viel aus, dass die Reinigungskräfte angehalten sind, für die Fährpassagiere unsichtbar zu bleiben – wie sie ja im echten Leben auch oft ungesehen bleiben, weil sie schlichtweg ignoriert werden. Insofern liegt das Verdienst dieses Films darin, das Augenmerk auf Menschen zu richten, die an der Unterkante der sozialen Leiter buchstäblich im Dreck wühlen. Seine Spannung bezieht er daraus, dass Marianne ihre wahre Identität irgendwann zu erkennen geben muss – mit den vorhersehbaren Folgen für ihre Freundschaft zu Christèle. Mit einem Mal sind die Unterschiede zwischen den beiden Frauen so präsent, dass alles zu zerbrechen droht. Ein feiner, aufmerksamer Film ist das geworden, der erfolgreich den Versuchungen von Sozialkitsch und Tränendrüse widersteht.

DramaF 2021, 106 Min., von Emmanuel Carrère, mit Juliette Binoche, Hélène Lambert