Theater

Verdrängen, leugnen und weitermachen: „Geschwister“ am Gorki

| Lesedauer: 4 Minuten
Ersan Mondtags Stück „Geschwister“ spielt im gediegenen Ambiente einer Villa am Wannsee. Szene mit Maxim Loginovskih, Çiğdem Teke und Yanina Cerón (v.l.).

Ersan Mondtags Stück „Geschwister“ spielt im gediegenen Ambiente einer Villa am Wannsee. Szene mit Maxim Loginovskih, Çiğdem Teke und Yanina Cerón (v.l.).

Foto: Birgit Hupfeld / Gorki

Regisseur Ersan Mondtag unternimmt eine Geisterbahnfahrt durch das Leben von Menschen mit Nazi-Hintergrund – und stellt Fragen nach Kontinuitäten

Der Name Eduard Dreher ist vor allem Rechtshistorikern ein Begriff. Er steht wie kaum ein zweiter für die personelle, aber auch ideologische Kontinuität in bundesdeutschen Behörden nach dem Kriegsende 1945. Dreher war in der NS-Zeit Staatsanwalt und wurde nach dem Krieg einer der führenden Juristen im Bundesjustizministerium. Er war federführend an „Einführungsgesetz zu Gesetz über Ordnungswidrigkeiten beteiligt, das am 30. Mai 1968 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde. „Einschlägig ist dort Artikel 1 Nummer 6“, hat Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben. „Er führte dazu, dass die Strafen für Mordgehilfen zwingend gemildert werden mussten.“ Mit anderen Worten: Die Mordgehilfen aus der Zeit des Nationalsozialismus, gegen die elf Staatsanwälte ermittelten und 150.000 Aktenordner Material zusammengetragen hatten, konnten nicht mehr bestraft werden.

Ersan Mondtags neues Stück setzt ein halbes Jahr zuvor ein. Wir blicken in das gediegene Ambiente einer Villa am Wannsee: Die Wände sind holzvertäfelt, links und rechts führen Treppenläufe zu verschlossenen Türen auf der Galerie. Im Radio laufen Nachrichten über den Besuch des persischen Königspaars, während die Haushälterin (Tina Keserovic) den Tisch eindeckt. Es ist der Geburtstag des Großvaters, an dem die Familie zusammenkommt. Der Großvater ist im Krieg gefallen. Der Familienvater (Falilou Seck) telefoniert im Hintergrund, es geht um das geplante Gesetz, man müsse es dringend umsetzen, hören wir ihn sagen, man könne ja nicht das gesamte Reichssicherheitshauptamt vor Gericht zerren.

Dass hier alles vermufft und erstarrt ist, daran lässt Simon Lesemanns großartige Bühne keinen Zweifel. Es gibt keine Farben, und weil die Schauspielerinnen und Schauspieler grau geschminkt sind, glaubt man tatsächlich in einen Schwarzweißfilm geraten zu sein. Nebelschwaden ziehen durch das Esszimmer, die Kinder der Familie erscheinen: Da ist die brave, angepasste Eva Maria (Yanina Céron), die aufmüpfige Elisabeth (Lea Draeger) und der kleine, stotternde Friedrich (Maxim Loginovskih).

Sobald der Elefant im Raum angesprochen wird, trampelt er los

Es ist schnell klar, worauf das hinausläuft: Die Proteste, von denen im Radio berichtet wird – die Demonstrationen an der Deutschen Oper und vor dem Schöneberger Rathaus, bei denen es schließlich mit der Erschießung Benno Ohnesorgs um Leben und Tod ging – spiegeln sich in dieser eiskalten Familienaufstellung. Zwischen dem Patriarchen und der Mutter (Çiğdem Teke) gibt es keine Liebe mehr, nur scheiternde Annäherungsversuche. Elisabeth, deren Gesicht ungeschminkt bleibt und die über ungesagte Dinge sprechen möchte, bringt den Abend zur Eskalation. Sie geht zum Radio, es erklingt eine Rede von ihr: Über Alt-Nazis, die Rolle der Zeitungen des Springer-Verlags, über die Macht des Schweigens und das Gift der Vergangenheit. Noch in derselben Nacht wird sie ihre Koffer packen.

Nach einem Zeitsprung von mehreren Jahrzehnten kehrt der gealterte Friedrich (David Bennent) in die Villa zurück. Von damals sind nur seine Schwester Eva Maria (Ariane Andereggen) und die Haushälterin Fatima (Sema Poyraz übrig geblieben. Den dreien ist nun Farbe gegeben, während die Gespenster von damals als Zeugen fürchterlicher Ereignisse um sie herumspuken. Friedrich will den Schlüssel zu den Archiven des Vaters, die Schwester weigert sich, ihn herauszurücken. Er wird nicht aufhören, der Totentanz deutscher Geschichte, niemals wird er aufhören. Die allein am Tisch sitzende Fatima hört aus dem Radio die Nachrichten über die Morde des nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Ersan Mondtag ist hier ein formstrenger, atmosphärisch dichter Abend gelungen, der viel einfängt von dem, was in der alten Bundesrepublik im Hinblick auf Vergangenheitsbewältigung schief gelaufen ist. Ihm kommt nur seine Lust an der Überzeichnung in die Quere, die sich hier schematisch auswirkt: Es gibt den rassistischen Patriarchen, die leidenden Frauen, die Rebellin in schwarzer Lederkluft und das vermurkste Kind. Wo aber sind die Zwischentöne? Wer aus eigener Erfahrung weiß, dass die Dinge ambivalenter lagen, dass die Nazis von einst sich oft in unauffällige, liebevolle Familienmenschen verwandelten und dass gerade darin das Problem lag, wird etwas enttäuscht sein von dieser Geisterbahnfahrt ins beschädigte Bewusstsein.