Jüdisches Museum

Hetty Berg: Unser Museum ist ein Must-see

| Lesedauer: 8 Minuten
Volker Blech
Direktorin Hetty Berg im Garten des Jüdischen Museums.

Direktorin Hetty Berg im Garten des Jüdischen Museums.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Direktorin Hetty Berg will das Jüdische Museum Berlin in Kreuzberg zwischen Tourismus und Kiez profilieren.

Hetty Berg führt lächelnd durch den überraschend großen Garten hinterm Museum. Sie möchte den wunderbaren Ort verstärkt der Öffentlichkeit zugänglich machen, es sind sogar Liegestühle vorbereitet. Zunächst findet hier der Kultursommer statt. Wir scherzen, denn eigentlich müsste sie Direktorin des Jüdischen Museums und der Gärten genannt werden. Zwischen dem barocken Kollegienhaus (ehemals Kammergericht) und dem zickzackförmigen Neubau des US-amerikanischen Architekten Daniel Libeskind befinden sich mehrere Gärten. Im April 2020 hatte die niederländische Museumsmanagerin Hetty Berg die Gesamtanlage übernommen.

Frau Berg, vor gut zwei Jahren – mitten in der Pandemie – sind Sie als Direktorin von Amsterdam nach Berlin gekommen. Hat sich inzwischen etwas an Ihrer Sicht auf Deutschland verändert?

Hetty Berg: Man muss sich an eine neue Stadt stets erst gewöhnen und die Menschen kennenlernen. Das ist mir trotz Corona sehr gut gelungen. Ich hatte vorher keine wirkliche Vorstellung darüber, wie das Leben in Deutschland ist, welche Themen in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Ich hatte nur den Blick von außen. Was den Umgang mit gesellschaftlichen Fragen betrifft, gibt es schon große Unterschiede zu den Niederlanden. Jetzt wollen Sie wissen, was das ist? (lacht)

Vielleicht ein Beispiel?

Das, womit ich am Jüdischen Museum Berlin (JMB) am meisten zu tun habe, ist der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dieser ist in Deutschland natürlich von anderen Erfahrungen und Gefühlen geprägt als in den Niederlanden. In der deutschen Gesellschaft herrscht erfreulicherweise ein starkes Verantwortungsgefühl vor. Deswegen gibt es auch das Jüdische Museum Berlin überhaupt erst, eine durch den Staat geförderte Einrichtung. Das JMB hat in der deutschen Gesellschaft eine starke symbolische Bedeutung.

Wenn Leute auf Sie als Direktorin des Jüdischen Museums zukommen, was ist dann meist ihr Anliegen?

Es geht zuerst um das Kennenlernen, oft auch um Kooperationen. Am Anfang der Pandemie war es fast unmöglich, Kontakte zu knüpfen. Dazwischen gab es aber Monate der Öffnung. Im Sommer 2020 konnten wir die neue Dauerausstellung eröffnen. Das Museum ist nicht nur für die Mehrheitsgesellschaft oder die Touristinnen und Touristen gedacht, sondern auch für die Juden und Jüdinnen in Deutschland. Sie sollen sich hier wieder erkennen. Der Kontakt zu den jüdischen Gemeinschaften ist mir sehr wichtig.

Wer ist der Adressat des inhaltlichen Angebots?

Jede und jeder im Alter von drei bis 120 Jahren. Das Museum ist für alle gedacht, die sich mit der Geschichte und Gegenwart der Juden in Deutschland auseinandersetzen möchten. Deshalb geht es auch um Themen, die heute in der Gesellschaft relevant sind. Wir wollen uns so breit wie möglich aufstellen. Bei unseren Führungen setzen wir unterschiedliche Themenschwerpunkte. Es gibt Besucher, die sich eher für das Religiöse interessieren, andere wollen mehr über Antisemitismus, wieder andere mehr über den Holocaust wissen. Für Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren haben wir jetzt auch die neue Kinderwelt „Anoha“. Damit richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die junge Berliner Bevölkerung und unsere Nachbarn im Kiez. Der Eintritt ins Haus ist frei – sowohl in die Kinderwelt als auch in die Dauerausstellung. Lediglich bei den Wechselausstellungen wird Eintritt verlangt. Wir entwickeln mehr und mehr Angebote, die sich an Menschen mit Behinderungen richten. Es gibt Führungen in Gebärdensprache und für Sehbehinderte.

Was beschäftigt denn die ganz jungen Besucher am meisten, wenn sie sich im Museum mit dem Judentum befassen?

Das ist schwierig zu beantworten. Aber wir bemerken bei der Altersgruppe ab zwölf Jahren aufwärts, dass es gerade in dieser Generation ein großes Interesse am Holocaust und an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus gibt. Die Jugendlichen führen Gespräche mit ihren Eltern und Großeltern. Ebenso sehr sind sie interessiert an dem jüdischen Leben heute.

Was die Pandemie betrifft, sind wir gerade in einer Phase des Luftholens. Ist denn die Besucherzahl von vor Corona wieder erreicht?

Nein, aber die Zahlen gehen wieder hoch. Wir gibt eine positive Entwicklung. Das ist für Museen gegenwärtig typisch. Eine gute Entwicklung gab es in der Corona-Zeit, denn wir hatten deutlich mehr Besucher aus Berlin. Ich hoffe, dass wir das beibehalten können, auch wenn die internationalen Besucher wieder zurückkommen.

Gibt es den typischen Besucher des Jüdischen Museums?

Wir hatten durchschnittlich immer 700.000 Besucher pro Jahr. Wie soll man sich daraus einen Durchschnittsbesucher backen? Aber wir werden am meisten von internationalen Touristen besucht. Auffällig viele Besucher sind in der Altersgruppe zwischen 20 und 35. Das ist im Vergleich zu anderen Museen etwas Besonderes.

Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, unser Museum ist ein Must-see auch in den Reiseführern. Wenn man nach Berlin geht, muss man dieses Museum gesehen haben. Die einzigartige Architektur von Daniel Libeskind hilft natürlich bei der Popularität. Darüber hinaus wird Berlin in der internationalen Wahrnehmung mit der Geschichte des Nationalsozialismus verbunden.

Mit Erfolg konnten Sie die große Ausstellung „Wir träumten von nichts als Aufklärung“ über Moses Mendelssohn, den Berliner Philosophen und Wegbereiter des emanzipierten Judentums, eröffnen. Es ist eine Schau in Zusammenarbeit mit der Mendelssohn-Gesellschaft. Wie nehmen Sie die heutigen Mendelssohn-Nachfahren wahr?

Thomas Lackmann, ein Nachfahre, ist einer der Kuratoren unserer Ausstellung. Bei einigen Veranstaltungen waren auch Nachfahren dabei. Wir werden im September eine Veranstaltung haben, bei der so viele Nachfahren von Moses Mendelssohn wie möglich zusammenkommen wollen. Ich rechne mit 100 Teilnehmern und ich freue mich auf die Begegnung mit den Nachfahren.

Ein Museum lebt auch von seinen Sammlungen. Worauf legen Sie den Schwerpunkt?

Wir haben eine reiche Sammlung, die in den vergangenen 20 Jahren enorm gewachsen ist. Deswegen haben wir auch eine neue Dauerausstellung, denn bei seiner ersten verfügte das Museum noch nicht über so viele eigene Exponate. Wir sammeln jetzt, um bestimmte Lücken zu füllen. Beispielsweise planen wir nächstes Jahr eine Ausstellung über Juden in der DDR. Die machen wir auch, weil dieses Thema noch nicht aufgearbeitet wurde. Wir haben einen Aufruf für Objekte aus der Zeit gemacht und viele Rückmeldungen bekommen. Mit dieser Wechselausstellung werden wir zugleich unsere Sammlung erweitern. Mit einzelnen Objekten können wir die Dauerausstellung ergänzen. Ein neues Gebiet ist für das Jüdische Museum das digitale Sammeln.

Was sind die nächsten Planungen?

Im Oktober eröffnet eine Ausstellung zum israelischen Schriftsteller Etgar Keret: Er hat für das JMB Texte verfasst, die wir gemeinsam mit Sammlungsobjekten ausstellen. Im Januar planen wir die Ausstellung „Paris Magnétique“, in der es darum geht, dass Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Magnet für viele jüdische Künstler aus Zentral- und Osteuropa war. Da werden große Namen wie Marc Chagall oder Amedeo Modigliani auftauchen. Darüber hinaus haben wir ein Veranstaltungsprogramm. Dazu gehört der Kultursommer, wir machen jetzt wieder unsere beliebten Sonntagsmatineen „Jazz in the Garden“, gerade hatten wir über 500 Besucherinnen und Besucher. Diese Veranstaltungen waren auch in den vergangenen Jahren immer rappelvoll. Das Wort habe ich gerade gelernt und es gefällt mir.