Kunst

Unverhüllter Antisemitismus auf der Documenta

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Blech
Das umstrittene Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi.

Das umstrittene Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi.

Foto: Andreas Fischer / epd

Skandal auf der documenta: Kassels Oberbürgermeister hat nach lauten Protesten den Abbau eines umstrittenen Werbebanners verkündet.

Es ist ein Skandal. Die documenta, wichtigstes Forum zeitgenössischer Kunst neben der Biennale von Venedig, ist in ihrer 15. Ausgabe zu einer pro-palästinensischen Propaganda-Veranstaltung verkommen. Es gibt Fotos von fröhlich tanzenden Demonstranten zur Eröffnung in Kassel, während im Hintergrund ein Plakat mit der Aufschrift „Israel – Apartheidstaat“ hochgehalten wird.

Passend dazu hat documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann ein Großgemälde oder besser Werbebanner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz hissen lassen. Die großflächige Installation „People’s Justice“ zeigt unter anderem einen Soldaten mit Schweinsgesicht, der ein Halstuch mit Davidstern trägt und einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“.

Documenta will Erklärung zum Werk installieren

Nach scharfen Protesten wurde das Plakat am Montag zunächst überdeckt, aber natürlich laufen die judenfeindlichen Motive jetzt erst recht viral und werden kontrovers diskutiert. So funktioniert moderner Antisemitismus. Taring Padi habe sich gemeinsam mit der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung zur Verdeckung entschieden, da die Figurendarstellung des Kollektivs „antisemitische Lesarten ermöglicht“, teilte die documenta mit.

Zudem kündigten die Verantwortlichen an, eine Erklärung zu dem umstrittenen Werk installieren zu wollen und ergänzend weitere externe Expertise einzuholen. Da im Bildmotiv Juden als Schweine dargestellt sind, hätten nicht nur Juden in Deutschland gespannt auf die Expertise und Kontextualisierungen zu dem Kunstwerk geblickt. Die israelische Botschaft in Berlin warf der Schau vor, „Propaganda im Goebbels-Stil“ zu befördern.

Das Problem mit „Stürmer“-haften Karikaturen

Die Geschäftsführung sei „keine Instanz, die sich die künstlerischen Exponate vorab zur Prüfung vorlegen lassen kann und darf das auch nicht sein“, ließ die Generaldirektorin mitteilen. In Berlin ist man beim wichtigen und immer komplizierten Thema der Kunstfreiheit anders aufgestellt.

Aus rassistischen Gründen darf kein Otello-Darsteller auf der Bühne mehr schwarz geschminkt werden, das Staatsballett verzichtete auf Tschaikowskys „Nussknacker“, auch, weil Chinesen darin mit Tippelschritten diskriminiert würden. Die Museen und Sammlungen müssen sich permanent dem Postkolonialismusverdacht stellen. Glaubte man in Kassel ernsthaft, eine „Stürmer“-hafte Karikatur sei heutzutage in Deutschland kein Problem mehr?

Das Künstlerkollektiv Taring Padi entschuldigte sich „für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen.“ Das klingt unglaubwürdig angesichts dieser aggressiven Bildsprache. Die Installation sei „Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt“, heißt es, „die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe sich bis heute auswirkt“, teilte die Gruppe mit. Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner sei Ausdruck dieser Erfahrungen.

Indonesisches Künstlerkollektiv verteidigt sich

Die indonesische Künstlergruppe stammt aus Yogyakarta auf der Insel Java, wo es einen prächtigen Sultanspalast gibt. Der Islam ist die prägende Religion, was auch der Diktator Suharto letztlich mit seinen blutigen Massakern vor allem gegen alles Linke vorantrieb. Heute gibt es noch alte Synagogen, aber offiziell ist nur noch von rund 20 Juden in ganz Indonesien die Rede. Das Judentum ist als Religion nicht anerkannt.

„Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik“, versichern die Künstler, „zum Beispiel für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren.“

Reichlich spät hat Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) die Reißleine gezogen und mitgeteilt, dass das Banner entfernt wird. Er bestätigte, dass dem kuratierenden Kollektiv Ruangrupa schon seit Monaten Antisemitismus vorgeworfen wurde. Die Gruppe habe aber immer versichert, dass Antisemitismus, Rassismus oder Gewalt keinen Platz auf der documenta haben würden, betonte Geselle. Das Künstlerkollektiv trage die Verantwortung. Die Phase der gegenseitigen Schuldzuweisungen hat begonnen.

Volker Beck will Staatsanwaltschaften einschalten

Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und ehemaliger Bundestagsabgeordneter von Bündnis90/Die Grünen, will wegen der antisemitischen Darstellungen die Staatsanwaltschaften in Berlin und Kassel einschalten. Durch die Darstellung von Juden- und Mossad-Säuen werde unmittelbar auch der Geltungs- und Achtungsanspruch eines jeden in Deutschland lebenden Juden angegriffen, argumentiert Beck. „Die Identifizierung eines Juden mit Kippa und Hut, markiert mit einer SS-Rune, verteufelt Juden.“ Niemand dürfe sich über solche Darstellungen im Zusammenhang mit israelfeindlichen Werken auf der Kasseler Kunstausstellung wundern, sagt der Politiker: „Wo BDS draufsteht, ist halt auch regelmäßig Antisemitismus drin.“

BDS – Boycott, Divestment and Sanctions – ist eine internationale pro-palästinensische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will. 2019 verurteilte eine breite Bundestagsmehrheit Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung als antisemitisch. Immer wenn das Plakat „Israel – Apartheidstaat“ auftaucht, ist BDS nahe.

Das indonesische Künstlerkollektiv lebt in seiner Hybris-Blase weiter

Es ehrt das Internationale Auschwitz Komitee, dass es zum Dialog mit den Künstlern aufruft. „Es wird höchste Zeit, im Rahmen dieser documenta ein Gespräch zu beginnen, die Künstler zu hören, aus welcher Weltsicht diese Bilder so entstanden sind und seitens der documenta öffentlich zu erklären, warum diese Bilder hier auf Widerstand und Ablehnung stoßen“, erklärte Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Auschwitz Komitees.

Das Angebot macht wenig Sinn, wenn das indonesische Künstlerkollektiv in seiner Hybris-Blase weiter lebt, wie die erste Reaktion nach der Verhüllung offenbart. Das Werk werde nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment, heißt es: „Wir hoffen, dass dieses Denkmal nun der Ausgangspunkt für einen neuen Dialog sein kann.“ Dialog über was?

Die documenta fifteen muss umgehend beendet werden, um der antisemitischen Propaganda nicht weiterhin ein Forum zu bieten. Vielleicht sind weitere Konsequenzen bis hin zur Einstellung erforderlich, denn die documenta hat ihren Ruf als Ort der Kunstfreiheit und Menschlichkeit verspielt.