Film

Im Keller des Greifers: „The Black Phone“

| Lesedauer: 4 Minuten
Wenn es Kinder mit der Angst zu tun bekommen: Mason Thames als Finney.

Wenn es Kinder mit der Angst zu tun bekommen: Mason Thames als Finney.

Foto: Universal

Ethan Hawke in der Rolle eines bösartigen Kinderfängers: Ein verstörender Horrorfilm nach einer Erzählung von Joe Hill

Wie mag es wohl sein, seine Kindheit als Sohn des Mannes zu verbringen, den man den erfolgreichsten Horrorschriftsteller der Welt nennen muss? Wir wissen es nicht, aber Joe Hill, 1972 geboren als Joseph Hillström King, hat über das Haus, in dem er mit seinen Geschwistern, seiner Mutter Tabitha und seinem Vater Stephen King aufwuchs, eine kleine Geschichte erzählt. „Ich wuchs in Bangor, Maine, in einem sehr alten Haus auf“, hat er in Interviews erzählt. „Im Keller gab es ein Telefon, das nicht angeschlossen war, und ich fand dieses Telefon einfach gruselig und beunruhigend. Es ergab keinen Sinn, dass ein Telefon in einem Keller mit dreckigem Boden und bröckelnden Betonwänden stand. Das Schlimmste, was ich mir als Kind vorstellen konnte, war das Klingeln dieses Telefons.“

Joe Hill, heute ebenfalls Schriftsteller, hat von seinem Vater das Talent geerbt, menschliche Urängste anzusprechen. Insofern ist das, was er 2005 unter dem Titel „The Black Phone“ als Kurzgeschichte veröffentlichte, für niemanden leicht zu ertragen. Hier klingelt dieses Telefon, aber nicht im Keller des Hauses, sondern im Verlies eines Serienmörders, der es auf Kinder abgesehen hat, und man kann sich schon vorstellen, mit welch markerschütterndem Geschepper es das tut.

Zehn Jahre ist es nun her, dass die Filmemacher Scott Derricksson und C. Robert Cargill sich mit dem Produzenten Jason Blum und Schauspieler Ethan Hawke zusammentaten, um mit „Sinister“ einen durchaus passablen Horrorthriller hinzulegen. Doch die Rolle, die Ethan Hawke diesmal zufällt, in der Verfilmung von „The Black Phone“: Das ist nicht die des netten Familienvaters, dem unerhörte Dinge zustoßen. Diesmal verkörpert Hawke das Böse in Person: den Greifer.

„The Black Phone“: Vom Wesen der Gewalt

Oder den „Grabber“, wie er im US-amerikanischen Original genannt wird. Man kennt ihn in dieser Kleinstadt in den späten 1970er-Jahren nur als angsteinflößende Traumfigur. Er soll im Zusammenhang mit den verschwundenen Kindern stehen, die hier in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen bestimmt haben und die nie wieder aufgetaucht sind. Der jungen Gwen (Madeleine McGraw) erscheint er im Schlaf, bleich geschminkt und ausgestattet mit einer Traube schwarzer Ballons. Als sie davon in der Schule berichtet, kommt gleich die Polizei vorbei und fragt sie aus, woher sie wisse, was sie da erzähle.

Mit ihrem Bruder Finney (Mason Thames) teilt sie das Problem, ständig verprügelt zu werden – sie vom alkoholkranken Vater, er von Klassenkameraden in seiner Schule. Die Atmosphäre, die hier in verwaschener Farbpalette und klug gewählter Ausstattung vorherrscht, ist von Anfang an von einer verstörenden Gewaltpräsenz geprägt.

Finney ist es dann, der zum nächsten Entführungsopfer des Greifers wird und in dem schmutzigen Raum mit dem Telefon landet. Es ist ungewiss, was der Täter, der wechselnde Teufelsmasken trägt, mit ihm vorhat. Aber es ist klar, dass die Überlebenschancen verschwindend klein sind. Bis das Telefon tatsächlich zu klingeln beginnt.

Am anderen Ende der Leitung sind die Kinder, die vor Finney hier ihr Leben ließen. Als der Greifer einmal wie versehentlich die Kellertür unverschlossen lässt, warnen sie ihn: Das sei Teil des Spiels. Der Greifer warte oben, um ihn für den Fluchtversuch zu bestrafen. Und sie geben ihm Tipps, wie er aus seinem Gefängnis fliehen kann. Der eigentlich völlig leere Raum bietet da viele interessante Möglichkeiten, man muss sie nur entdecken.

Literarisch gelungen ist Joe Hills Vorlage, weil sie häusliche Gewalterfahrung in einem Kinderalptraum spiegelt. Das macht auch den Film sehenswert, mitsamt seiner tollen Kameraarbeit und eindrucksvollen Besetzung.

Thriller USA 2021 106 min., von Scott Derrickson, mit Ethan Hawke, Mason Thames, Madeleine McGraw