Open-Air-Konzert

Staatsoper unter sengender Sonne

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Matthias Nöther
Generalmusikdirektor Daniel Barenboim bedankt sich beim Publikum. Es ist der erste Auftritt des Dirigenten seit drei Monaten.

Generalmusikdirektor Daniel Barenboim bedankt sich beim Publikum. Es ist der erste Auftritt des Dirigenten seit drei Monaten.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Generalmusikdirektor Daniel Barenboim gibt am Hitze-Sonntag sein Comeback – und zieht das Publikum in seinen Bann.

Berlin. Am Sonntag dann ist Daniel Barenboim zurück. Auf dem Bebelplatz dirigiert er die Staatskapelle, deren Generalmusikdirektor der fast Achtzigjährige auf Lebenszeit ist. Es ist seine Rückkehr zu dem Orchester nach drei Monaten gesundheitlicher Zwangspause in Berlin – eine Zwangspause, die mit einem Schwächeanfall in einem Philharmonie-Konzert der Osterfesttage begann. Das Orchester spielt in seiner mittlerweile für solche Anlässe optimierten riesigen Zelt-Muschel vor dem Hotel de Rome.

Zuschauer schützen sich mit Regenschirmen vor der Sonne

Dass Barenboim ausgerechnet an diesem brüllend heißen Tag zu seiner Staatskapelle zurückkehrt, ist ein gesundheitliches Risiko. Übrigens nicht nur für ihn. Die mehreren tausend Menschen, die sich eingefunden haben, dürften zu einem nicht geringen Teil mit Kreislaufproblemen zu kämpfen haben. Es sind ja nicht alles junge Touristen. Auch ältere Berlinerinnen und Berliner sind – ungeachtet des generellen Zuschauereinbruchs nach den Corona-Lockdowns – zahlreich erschienen. Zusammengenommen mit den Zuschauenden bei der „Turandot“-Premiere am Abend zuvor sollen es an die 22.000 gewesen sein. Bei den heißen Temperaturen allerdings wirkt der Platz eher nur zur Hälfte gefüllt, anders als in den Vor-Corona-Jahren.

Viele Menschen schützen sich mit Regenschirmen vor der Sonne. Sie trotzen mit Picknickdecken der Härte des kahlen Platzes. Denn nach einigen Sitzreihen vor der Muschel gibt es zur Humboldt-Universität hin nur das blanke Pflaster. Klappstühle haben viele dabei, diese werden auch von der Staatsoper selbst bereitgestellt. Man hat gelernt in 15 Jahren „Staatsoper für alle“. Gelernt hat man offenbar auch, dass der Sponsor BMW während des Konzerts lieber keines seiner PS-starken Produkte offensiv auf dem Platz ausstellen sollte. Diese Art von Werbung in den ersten Jahren der Open-Air-Veranstaltung kam vermutlich beim Berliner Stammpublikum nicht besonders gut an.

Barenboim scheint das Orchester mit seiner reinen Anwesenheit zu dirigieren

Was man noch nicht gelernt hat: den wenigen Schatten, den es immerhin am Rand des Platzes gibt, für ältere Menschen zu nutzen. Und so gibt es für Sonnenempfindliche diesen Schatten nur ausgerechnet dort, wo weder das Orchester in seiner Muschel selbst, noch die beiden Leinwände zu sehen sind, die das Geschehen wiedergeben. Doch wo man es sehen kann, ist ungeachtet der sengenden Sonne und des sahara-artigen Windes Unglaubliches zu erleben.

Barenboim scheint das Orchester mit seiner reinen Anwesenheit zu dirigieren. Gewiss, schon allein mit der Auswahl der Stücke sorgt er für ein sinnliches, suggestiv wirkendes Musikereignis. Schumanns Vierte Sinfonie hat bereits in ihrem ersten Satz Themen zu bieten, die jede Aufmerksamkeit selbst in abseitigen Verästelungen ihres Flusses ansaugen. Die Staatskapelle spielt das mit einer Intensität des Tons, die selbst weiter hinten auf dem Platz, nur durch die Lautsprecher, gut erlebt werden kann. An der Tonqualität der Riesenboxen wurde, so scheint es, intensiv gearbeitet. Das ist eine eindeutige Verbesserung zu früheren Jahren, als das Orchester auf den Platz schepperte, auch wenn es noch so gut spielen mochte.

Das Vergnügen überwiegt die Hitzebeschwerden bei Weitem

Es ist immer wieder frappierend, wie sehr Barenboim in dem immer noch kunstfremden Ambiente eines großstädtischen Platzes Konzentration auf die Musik herstellen kann. Es ist seine pure Anwesenheit, die Orchester und Publikum zum Zuhören zu zwingen scheint. Ja, es gibt da vom Pult aus auch die aus der Zeit gefallenen, herrischen Gesten der Hände. Aber man beobachtet: Die Konzentration bei allen Anwesenden wird auf diese Art nicht abflauen. Irgendwie hat Daniel Barenboim immer noch und immer wieder alles in der Hand.

Dennoch auf dem Platz: eine unverwüstliche Gelassenheit. Das Vergnügen überwiegt die Hitzebeschwerden bei Weitem. Lacher ob gestikulierender Touristen, die plötzlich als Zufallsfund der marodierenden Event-Kamera auf den Leinwänden erscheinen, bleiben die Ausnahme. Dazu ist auch Peter Tschaikowskis schicksals- wie melodienschwangere Fünfte Sinfonie mit ihren zum Hineinlegen geeigneten Oboen-, Klarinetten- und Hornsoli zu faszinierend. „Staatsoper für alle“ auf dem Bebelplatz: Wir haben die Staatskapelle unter freiem Himmel mit Barenboim noch einmal erlebt, Bewegtheit ist im Publikum auch ohne große Bewegungen des Dirigenten zu spüren.