Hauptrolle Berlin

Berlin spricht zu uns: „Notes of Berlin“

| Lesedauer: 7 Minuten
Tragische Episode: Andrea Sawatzki als trauernde Mutter am Unglücksort, wo ihr Sohn verstarb - als er einen der Zettel an der Laterne las.

Tragische Episode: Andrea Sawatzki als trauernde Mutter am Unglücksort, wo ihr Sohn verstarb - als er einen der Zettel an der Laterne las.

Foto: UCM.One

Fresszettel als Textur der Stadt: Im Zoo Palast wird noch einmal der Film „Notes of Berlin“ gezeigt.

Sie kleben überall. An Laternen und Bäumen, an Stromkästen und Ampeln, Bushaltestellen und Innenhöfen. Einfache Blockseiten oder knallbuntes Papier. Handgekritzelt oder säuberlich ausgedruckt: Fress- und Abreißzettel, die im Wind flattern und einem ihre Botschaften und Suche-, Finde-, Tausche-Wünsche entgegenschreien. Auch wenn man sie in ihrer Fülle kaum noch wahrnimmt und meist achtlos vorbei geht.

Aber wenn man doch mal stehen bleibt, bleiben muss, stechen sie einem ins Auge. Und erzählen einem Geschichten. Zeitgemäß kurz, ja minimalistisch. Und machen in ihrer Rätselhaftigkeit neugierig. Diese Zettelbotschaften prägen das Stadtbild. Haben in unseren digitalen Zeiten einen schön altmodisch-analogen Charme. Und weil sie anonym sind, hat man unweigerlich das Gefühl: Hier spricht die Stadt selbst zu uns.

Eine andere Symphonie der Großstadt – mit einer ganz eigenen Sprache

„Wellensittich entflogen – Farbe egal“: Solche und andere skurrile Zettelnachrichten haben den Berliner Joab Nist inspiriert. Er ist bekennender „Zettelfreund“, hat irgendwann begonnen, diese „Noten“ und Notizen zu sammeln, und daraus schließlich einen eigenen Blog gemacht: „Notes of Berlin“, Untertitel: „Die Sprache der Hauptstadt“, der mit über einer halben Million Abonnenten mittlerweile einer der meistgelesenen Blogs des Landes ist .

Die „Notes“ sind für ihn nicht nur reine Informationsträger, sondern auch Vermittler sozialer Realitäten – weil sie ungefiltert den Ton der Stadt auf den Punkt bringen. Wer den Charakter der Hauptstadt erfassen möchte, könne zwar einen Blick in die zahlreichen regionalen Zeitungen und Magazine werfen, sich einen Reiseführer kaufen oder die typischen Hotspots aufsuchen. Aber, so Nist: „Das wahre Berlin kann keiner treffender beschreiben, als die Berliner selbst.“ Laut, direkt, kreativ. Und klar, auch das: immer mit Berliner Schnauze.

Der Trailer zum Film: „Notes of Berlin“

Und so, wie die Noten Nist zu seinem Blog inspirierten, so inspirierte der Blog wiederum die Berliner Filmemacherin Mariejosephin Schneider zu einem ganz besonderen Filmexperiment. Einen Tag und eine Nacht flaniert ihr gleichnamiger Film „Notes of Berlin“ durch die Stadt, bleibt immer wieder an den omnipräsenten Zettelwirtschaften hängen. Und erfindet dazu kleine Geschichten.

Nun wird der Film zum Blog zu den Zetteln noch einmal vorgestellt: in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen originären Berlin-Film zeigt. Und hier bestimmen einmal nicht die Ecken und Kanten der Stadt den genius loci, sondern eben die heimliche Textur ihrer Botschaften. Eine etwas andere Symphonie der Großstadt.

Aus kleinen Noten werden Geschichten

„Hund entlaufen“, „Rawald, melde dich, du wirst Vater“: Aus solchen Botschaften entstanden 15 lockere Episoden. Da springt ein Hund plötzlich ohne sein Herrchen in einen Bus und irrt dann durch die riesige Stadt. Eine Türkin ist von einer Zufallsbekanntschaft schwanger und beichtet das ihrer Mutter in einem Café, wobei sich dann die gesamte anwesende Community einmischt. Ein scheuer Nerd findet im Treppenhaus ein Kaninchen und klingelt darauf erstmals bei den Nachbarn.

Und eine Studentin auf Wohnungssuche muss sich vor einer WG, die besonders hip sein will, wie vor einem internationalen Tribunal bewähren. Und verriegelt sich dann im Zimmer. Die meisten Szenen sind komisch. Es gibt aber auch tragische. Etwa wenn ein Nachtschwärmer an eine Laterne pinkelt, eine dort klebende Botschaft beherzigt, mal innezuhalten und in die Luft zu gucken – und dabei überfahren wird. Merke: Diese Stadt-Texturen sind nicht immer ungefährlich.

Die Episoden sind dabei so zufällig und beliebig wie die Zettel der Stadt. Die Kamera folgt Menschen und Schicksalen für eine Weile und geht dann zum nächsten über. Manche Episoden werden verbunden durch Passanten, deren Wege sich kreuzen, oder durch den streunenden Hund, andere hängen zusammen oder werden am Ende wieder aufgegriffen. Eine ganz offene Form der Dramaturgie.

Mariejosephin Schneider, die in Berlin geboren ist und hier auch an der Film- und Fernsehakademie studiert hat, war wie so viele fasziniert von Nists Blog. Und da sie selbst auf Stoffsuche für ihren Film war, gingen ihr beim Lesen dieser Zettel gleich eine Menge Räume auf. Die Notiz ist der Ausgangspunkt für die Geschichten: „Jemand liest sie, und daraufhin ändert sich etwas in seinem Leben“, so ,die Filmemacherin: „Wir suchen nicht die Geschichte hinter der Note, sondern die Geschichte um die Note herum.“

Über 6000 Zettel wurden ausgewertet, Laien auch über Abreißzettel gesucht

Da der Blog ja ganz wesentlich von seinen Lesern lebt, die aktiv dazu aufgerufen werden, selber die Augen aufzuhalten und Fundstücke zu schicken, hatte auch die Filmemacherin zunächst im Sinn, die unterschiedlichen Geschichten auch von unterschiedlichen Menschen schreiben zu lassen, in einer Art „Film Lab“. Dazu hatte Schneider bereits im Jahr 2014 aufgerufen. Aber es stellte sich heraus, dass diese Idee nicht immer funktionierte. Und da der Blog so populär ist, hatte auch jeder seine ganz eigenen Vorstellungen davon. Also musste sie sich zu ihrer eigenen Version entscheiden.

Und hat mit ihrem Co-Autor Thomas Gerhold eigene Geschichten entwickelt. Über 6000 Zettel haben sie dafür ausgewertet. Dabei ist viel Material entstanden, das es nicht in den Film geschafft hat. Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Die meisten Episoden wurden, um den Ton der Straße zu treffen mit Laien besetzt, die denn auch, passend zum Thema, teils per Aushängen und Abreißzetteln gesucht wurden. Aber auch Filmstar Andrea Sawatzki und Tom Lass, eine Ikone des Berliner Underground-Films, spielen mit.

Wie so oft in Episodenfilmen sind manche mehr, manche weniger gelungen. Manchmal scheint sich der Film sogar zu verzetteln und zu verfransen. Aber selbst das passt ja, gehört quasi zum Konzept. Wie die großen Flaneure vor 100 Jahren in den Zeitungsfeuilletons, nur diesmal eben mit einem anderen Textmedium, lässt sich auch Schneiders „Notes of Berlin“ im besten Sinn durch die Stadt treiben.

Und die nimmt man als Zuschauer danach noch mal ganz anders wahr. Gut möglich, dass man die vielen Botschaften auf den eigenen Wegen künftig mal genauer inspiziert. Und sich selbst überlegt, welche Geschichte dahinter stecken könnte. Dann wird man vielleicht auch ein „Zettelfreund“. Und bekommt ein Ohr für die ganz eigene, flatterhafte Sprache Berlins.