Film

„Rivale“ im Kino: „Er ist zerbrechlich, hat aber auch Kraft“

| Lesedauer: 7 Minuten
Yelizar Nazarenko spielt den neunjährigen Roman in „Rivale“.

Yelizar Nazarenko spielt den neunjährigen Roman in „Rivale“.

Foto: Hanfgarn & Ufer

Der Film „Rivale“ wurde zur Hälfte in der Ukraine gedreht. Ein Gespräch mit Drehbuchautor Lars Hubrich

Im Film „Rivale“ von Marcus Lenz, der am Donnerstag im Kino anläuft, kommt der neunjährige Roman (Yelizar Nazarenko) aus der Ukraine nach Deutschland, wo seine Mutter Oksana (Maria Bruni) sich um den pflegebedürftigen Gert (Udo Samel) kümmert. Sie hat keine Aufenthaltserlaubnis und ist finanziell von ihm abhängig – wie er umgekehrt emotional auf sie angewiesen ist. Roman, der kein Wort Deutsch spricht, erlebt den 60-jährigen Mann als den titelgebenden Rivalen und will, dass er aus seinem Leben verschwindet. Der Film wurde 2018 gedreht, in der Nähe von Kiew. Die ukrainischen Schauspieler sind inzwischen geflohen und leben in Berlin. Ein Gespräch mit Lars Hubrich, der zusammen mit Marcus Lenz das Drehbuch schrieb.

Berliner Morgenpost: Wie ist die Idee zustande gekommen?

Lars Hubrich: Die kam von dem Regisseur Marcus Lenz, der auch viel als Kameramann für Dokumentarfilme arbeitet. Er hatte eine Frau kennengelernt, die als Pflegekraft bei einem älteren Mann gewohnt hat. Die wohnte zuerst ein paar Wochen im Keller, zog aber dann in seine Wohnung ein. Dann kam der Sohn zu den beiden. Marcus hat bemerkt, wie sich der ältere Mann bemühte, nett zu sein, und wie der Sohn nichts davon wissen wollte. Von dieser Dreieckskonstellation hat er mir erzählt, und dann haben wir überlegt, welche Geschichte wir daraus machen können.

Der Film ist bereits vor einigen Jahren gedreht worden, inzwischen herrscht in der Ukraine Krieg.

Auf eine Art hat die Realität den Film eingeholt. Die Hauptdarstellerin und der Junge leben beide mittlerweile in Berlin. Der Junge ist mit seiner Mutter nach Deutschland gekommen. Der Film wurde zur Hälfte in Braunschweig und zur anderen Hälfte nördlich von Kiew gedreht, ist also eine echte deutsch-ukrainische Koproduktion. Viele der Crewmitglieder aus der Ukraine sind jetzt einfach im Krieg. Soweit ich weiß, ist auch die Datsche, wo gedreht wurde, inzwischen zerbombt. Auch das Hotel, in dem die damals gelebt haben. Wir haben mit dem Buch ja schon vor der Flüchtlingskrise 2015 angefangen. Und als die dann kam, haben uns viele gesagt, wir sollten das stärker einbauen, den Film ein bisschen zeitgeschichtlicher machen. Dagegen haben wir uns gewehrt.

Warum?

Wir wussten, dass das den Film ziemlich schnell datieren würde. Wir wollten die Geschichte universeller machen und nicht an einem Problem festmachen. Es sollte kein Film werden, in dem Themen verhandelt werden oder didaktisch auf sie hingewiesen wird.

Wie lief die Arbeit am Drehbuch ab?

Das Drehbuch habe ich zusammen mit Marcus Lenz geschrieben, das geschah also im Dialog. Uns war schnell klar, dass wir die Geschichte nur aus der Perspektive des Jungen erzählen wollten. Deshalb wurden Kommunikationsprobleme für die Handlung wichtig, denn der Junge spricht ja kein Deutsch. Als erwachsener Zuschauer ahnt man wohl schnell, dass die Mutter und der Rentner eine Beziehung haben. Aber daraus entsteht ja auch eine Spannung, weil man sich fragt, wann der Junge das bemerkt und wie seine Reaktion ausfallen wird. Ansonsten ging es darum, dass man den Wissensstand des Jungen hat und mit ihm diese Sachen entdeckt. Uns war auch wichtig, dass sich die Sympathien im Lauf der Geschichte verschieben, er also auch Dinge tut, bei denen man nicht so ganz bei ihm ist. Und der Rentner ist ja auch nicht so ein Ekelpaket, wie er in vielen anderen Filmen vielleicht wäre. Wir wollten, dass das Publikum auch immer ein bisschen nachjustiert.

Es wird in „Rivale“ verhältnismäßig wenig gesprochen. War das Drehbuch deshalb besonders dünn?

Nein, wir haben ja auch viel Handlung reingeschrieben. Interessant ist auch, dass der Regisseur dem Jungen das Drehbuch nie zu lesen gegeben hat. Der hat ihm nur gesagt: Das ist die Situation, und jetzt zeige mir mal, was du machen würdest. In den meisten Fällen hat der Junge dann auch etwas Ähnliches gemacht, wie im Buch stand. Aber manchmal kam auch etwas im positiven Sinne Überraschendes heraus: Dass er in manchen Szenen plötzlich losschreit zum Beispiel. Das ging nur, weil wir ein sehr detailliertes Buch hatten. Wenn das nur eine Outline gewesen wäre, wäre der Regisseur schnell ins Schwimmen gekommen.

Der Film hat den Arbeitstitel „1000 Ameisen“. Was hat es damit auf sich?

Das bezieht sich auf eine Szene, die es dann nicht mehr in den Film geschafft hat. Es gibt dieses Kinderspiel, wo man am Arm die Haut verdreht, das nennt man ja 1000 Ameisen. In der Szene wollte Roman seiner Mutter zeigen, dass er schon ein großer Junge ist, indem sie 1000 Ameisen bei ihm macht. Und diese Ameisen schwirrten dann weiter durch den Film, um zu zeigen, wie Kinder Details heranzoomen und sich im Spiel verlieren. Die Ameisen sind ein typischer Kinderblick.

Yelizar Nazarenko ist trotz seines jungen Alters schauspielerisch überragend. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Marcus Lenz hatte ein Casting machen lassen in der Ukraine und hat da Hunderte von Kindern gesehen. Und er hat dann diesen Jungen getroffen. Der kam zum Casting und ist bereits nach einer Minute in Tränen ausgebrochen, und die Caster sagten dann, vielleicht willst du ihn dir besser nicht ansehen? Aber Marcus fand gerade das interessant, und irgendwann wurde klar, dass er die Rolle spielen muss. Weil er etwas Durchlässiges hat in seinem Spiel, eine Offenheit. Er ist zerbrechlich, hat aber auch Kraft. Und gegen Ende hin hat man so ein bisschen Angst, dass er noch schlimmere Sachen macht.

Es ist sein Debüt als Schauspieler. Wie lief die Verständigung mit ihm?

Mit Dolmetschern. Man sollte dazu wissen, dass Marcus Lenz mit einer Ukrainerin verheiratet ist,. Von daher hat er sowieso einen Bezug zu diesem Land und versteht auch ein bisschen was. Aber die Arbeit mit dem Jungen lief über einen Dolmetscher und einen Schauspielcoach.

Sie schreiben seit vielen Jahren Drehbücher. 2015 haben Sie „Tschick“ mit Fatih Akin gemacht, gerade wurde auf den Filmfestspielen in Cannes „More than ever“ gezeigt, den Sie zusammen mit Emily Atef geschrieben haben. Hinzu kommen weitere Filme und inzwischen drei „Tatort“-Folgen. Können Sie immer gut damit leben, was aus den Büchern entsteht?

In den allermeisten Fällen bin ich positiv überrascht. Ich habe keine Probleme mit dem Loslassen der Stoffe. Drehbücher sind ja graue Literatur. Wenn die nicht gemacht werden, dann sind die von höchstens 20 Leuten gelesen worden. Die Tatsache, dass ein Film entsteht, ist ja schon ein kleines Wunder. Gerade bei „Rivale“ war es sehr schwierig, die Gelder zusammenzubekommen. Er wurde auch für ein ganz kleines Budget gemacht, was man dem Film gottseidank nicht ansieht, weil Kameramann Frank Amann so tolle Bilder gemacht hat.