Hauptrolle Berlin

Daniel Brühl und August Diehl: Der Tod steht ihnen gut

| Lesedauer: 9 Minuten
Sie schließen einen verhängnisvollen Pakt: Paul (Daniel Brühl, l.) und Günther (August Diehl).

Sie schließen einen verhängnisvollen Pakt: Paul (Daniel Brühl, l.) und Günther (August Diehl).

Foto: X Filme

20 Jahre nach den schwierigen Dreharbeiten stellt Achim von Borries im Zoo Palast noch einmal „Was nützt die Liebe in Gedanken“ vor.

Am Anfang steht ein Pakt. Und damit der später gar nicht erst in Zweifel gezogen werden kann, wird er wie ein Manifest schriftlich festgehalten. Zwei Abiturienten erklären darin in ernster Entschlossenheit, dass sie aus dem Leben scheiden wollen. Aber erst, nachdem sie Rache genommen haben. Rache an den beiden Menschen, die sie lieben und von denen sie betrogen wurden.

Am Ende sind tatsächlich zwei junge Menschen tot, Paul Krantz aber, einer der Unterzeichnenden, ist noch am Leben. Ihm wird der Prozess gemacht. Als Exempel einer moralisch zerrütteten, ausschweifenden und übermäßig früh sexuell aktiven Jugend.

Die Steglitzer Schülertragödie: Ein Fall, der Aufsehen machte

Der Fall ist historisch belegt und ging 1927 als „Steglitzer Schülertragödie“ und „Selbstmörderclub“ in die Annalen ein. Paul Krantz, der Überlebende, hat darüber ein Buch geschrieben, wurde wenige Jahre danach von den Nazis vertrieben. Und scheint ein Leben lang von seiner Geschichte verfolgt und vor ihr geflohen zu sein. Schon 1929, nur zwei Jahre nach den Ereignissen, wurde der Fall erstmals verfilmt.

„Geschminkte Jugend“ wurde aber erst nach reiflicher Überlegung von der Berliner Film-Oberprüfstelle freigegeben. Unter demselben Titel wurde 1959 ein Remake gedreht, das der Produzent allerdings wegen eines Einspruchs der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft wieder zurückzog.

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Der Trailer zum Film: „Was nützt die Liebe in Gedanken?“

75 Jahre nach dem Fall hat sich dann Achim von Borries noch einmal der berüchtigten Schülertragödie filmisch angenommen, mit einer Riege junger Schauspieler, denen man eine große Zukunft vorhersagte, die sie dann ja auch alle erlangt haben. Nun, genau 20 Jahre nach den Dreharbeiten, wird „Was nützt die Liebe in Gedanken“ noch einmal gezeigt: in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast veranstaltet und in der an jedem ersten Dienstag im Monat ein genuiner Berlin-Film gezeigt wird.

Immer wieder geht es in dieser Reihe auch um die Frage, wie viel Stadt ins Bild rücken muss, um ein Berlin-Film zu sein. Es gibt etliche Filme, die gleich in der ersten Einstellung ein Berliner Wahrzeichen ins Bild rücken und dennoch in jeder anderen Stadt spielen könnten. „Was nützt die Liebe in Gedanken“ dagegen spielt zu zwei Dritteln auf dem Land, im Brandenburgischen, außerhalb der Stadt also. Und doch geht es um Berliner Jugendliche, die hier in der Landfrische einen fatalen Pakt schließen, der dann, zurück in der Metropole, traurige Realität wird.

15 Jahre vor „Babylon Berlin“ schon einmal in den 20er-Jahren

Stefan Arndt, der Geschäftsführer der Berliner Produktionsfirma X Filme, hat den Regisseur Achim von Borries damals gefragt, ob er den Stoff nicht verfilmen wolle. Der lehnte entschieden ab. Einen Historienfilm wollte er auf keinen Fall machen. Dann aber hat er es doch getan. Und das Drehbuch zusammen mit Henrik Handloegten verfasst.

Das ist nicht ohne Ironie: Denn beide tauchten damals das erste Mal in die Zwanzigerjahre ein. Eine Zeit, die sie wiederauferstehen ließen in der Serie „Babylon Berlin“, die sie 15 Jahre später zusammen mit Tom Tykwer begonnen haben und noch heute weiterführen. Die „Liebe in Gedanken“ war da also ein erster Anknüpfungspunkt.

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Von Borries sagte aber vor allem zu, weil er darin eben gerade keinen historischen Stoff, kein Zeitporträt der verruchten Zwanzigerjahre sah. Sondern im Gegenteil eine ganz zeitlose Geschichte über die Pubertät, die Stärke und Unbedingtheit der ersten Gefühle und die Suche von Jugendlichen nach dem Sinn ihrer Existenz. Natürlich hat sich der Regisseur dabei von Werken jener Zeit inspirieren lassen, vom Stummfilmklassiker „Menschen vom Sonntag“ und Frank Wedekinds Bühnenstück „Frühlings Erwachen“. Und doch ist seine Geschichte ganz zeitlos und spielt nur zufällig in den Zwanzigern.

Unheilvolles Gefühlsgeflecht, in dem jeder einen anderen anschmachtet

Wobei sich das Zeitkolorit draußen auf dem Lande sowieso verliert. Ein Landhaus, ein Garten, die freie Natur, all das wirkt wie ein entrücktes Paradies, ein Garten Eden, in dem alles erlaubt ist, ohne Regeln und Etikette. Konsequent gibt es keine Erwachsenen in diesem Film, keine Eltern, keine Pädagogen, keine Ordnungsmächte. Sie drängen erst in der Rahmenhandlung zurück. Auf dem Land aber sind die Jugendlichen allein. Und unter sich. Bis zum Sündenfall.

Hierher, ins Landhaus seiner Eltern, bringt Großbürgersohn Günther Scheller (August Diehl) seinen Freund Paul Krantz (Daniel Brühl) mit. Günthers Schwester Hilde (Anna Maria Mühe) ist auch da, und Günther verkuppelt sie ein wenig. Nicht ohne Eigennutz: Denn Günther liebt den Proleten Hans (Thure Lindhardt), der auch mit Hilde schläft. Hilde wiederum spielt mit Paul, will aber von Hans nicht lassen. Und bringt noch ihre Freundin Elli (Jana Pallaske) mit, die sich wiederum in Paul verguckt. Ein unheilvolles Geflecht, in dem jeder glücklos nach einem anderen schmachtet. Was sich in einer langen Partynacht mit weiteren Freunden verhängnisvoll aufpeitscht. Eine Sommernachtssextragödie, wenn man so will.

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Wenn man den Film, der auf der Berlinale 2004 uraufgeführt wurde, heute wieder sieht, besticht er vor allem, weil die Hauptdarsteller damals alle noch so jung waren. Daniel Brühl war gerade mit „Good Bye, Lenin!“ zum Star geworden, August Diehl war es mit „23“ schon etwas länger. Inzwischen sind beide längst auch international gefragt. Auch Anna Maria Mühe und Jana Pallaske sieht man hier in einer ihrer ersten großen Rollen. „Was nützt die Liebe“ war für sie alle eine wichtige Produktion. Und von Borries lässt sie auch ganz kompromisslos auftreten. Ihre Figuren kennen nur zwei Komponenten. Die Liebe. Und den Tod.

Ein Sommerfilm – gedreht in der Hochwasserkatastrophe

Dann aber besticht der Film auch durch seine Aura und wohlkomponierten Bilder: die gleißenden Sonnenbilder, die flachsfarbenen Felder und die stets weißen Hemden und Kleidchen, die für die Unschuld der Jugendlichen stehen. Die doch so unschuldig nicht mehr sind. Es ist schwül, man schwitzt, die Hormone pulsieren, die Triebe ebenfalls. Permanent baut sich da ein Druck auf, und ein Sommergewitter reicht nicht aus, es zu entladen.

Neben den fünf Hauptfiguren gibt es noch einen weiteren Protagonisten: die Atmosphäre des Films. Die überaus fesselnden Bilder der Kamerafrau Jutta Pohlmann erschaffen eine morbide Sinnlichkeit, eine verwegene Eleganz, ja eine melancholische Poesie. „Achim von Borries“, so schwärmte damals die „Süddeutsche Zeitung“, „gibt mit seinem Filmpoem dem deutschen Kino etwas zurück, was es lange vermisst hat: konsequenten Stilwillen und Glamour“.

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Da kann man kaum glauben, unter welchen Bedingungen die Produktion entstanden ist. Es ist ein absoluter Sommerfilm, von dem man sofort glauben mag und muss, dass er in sengender Hitze gedreht wurde, weil er buchstäblich in jeder Einstellung schwitzt. Tatsächlich aber wurde er im unheilvollen Sommer 2002 gedreht, dem Jahr des Hochwassers, das damals gar (zu früh, wie man heute weiß) als Jahrhundertflut bezeichnet wurde. Sets von anderen Filmproduktionen auf dem Lande wurden in diesen Tagen buchstäblich hinweggeschwemmt. „Was nützt die Liebe in Gedanken“ hatte da noch Glück, konnte aber auch nur mit Müh’ und Not beendet werden.

Ein Film, der nicht gealtert ist – und zeitlos scheint

In den fünf Wochen, die für die Dreharbeiten eingeplant waren, regnete es ununterbrochen. Manchmal waren die Zufahrtswege zum Set übergelaufen, dann musste man bis zu 200 Kilometer Umwege fahren. Als dann endlich der Regen nachließ, flogen die Rettungsflugzeuge ins Katastrophengebiet und dröhnten durchs Bild, was einen historischen Dreh fast unmöglich machte.

Am Ende dann aber ein Filmwunder. Drei Tage lang brach die Sonne durch. Und bescherte dann doch die Bilder, die den Film so besonders machen und sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. „Was nützt die Liebe in Gedanken“ ist ein Film, der nicht gealtert ist. Und zeitlos scheint. Gerade weil er das Zeithistorische ausgeblendet hat.