Staatsballett

Komische Oper: Sehnsucht nach Befreiung

| Lesedauer: 4 Minuten
Volker Blech
An Georg Kolbes Skulptur „Die Nacht“ will Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin in seiner Choreographie erinnern.

An Georg Kolbes Skulptur „Die Nacht“ will Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin in seiner Choreographie erinnern.

Foto: Staatsballett Berlin / Olaf Kollmannsperger

Junge Tänzer und Choreographen präsentieren sich bei „Lab Works 2022“ in der Komischen Oper.

Dass das Staatsballett moderner werden und sich nicht nur auf den russischen Spitzentanz begrenzen solle, darüber wurde jahrelang in der Berliner Kulturpolitik diskutiert. Das Ensemble musste Chefwechsel und allerlei Querelen aushalten, um den Zeitgeist zu erfüllen. Jetzt sitzt man in der Komischen Oper und schaut den aufstrebenden Tänzern und Choreographen bei „Lab Works 2022“ zu und muss feststellen, dass nur noch wenig auf Spitze getanzt wird. Eine neue Generation hat entschieden, sich in ihren Konzepten lieber auf den Ausdruckstanz, Modern Dance, Streetdance und einen Schuss Neoklassizismus zu verlassen. Der gut zweieinhalbstündige Abend macht in seiner ästhetischen Vielfalt Staunen.

Es werden auch mal High Heels getragen

Die vier Choreographien wollen mehr sein als tänzerische Körperarbeit, der auch die Mühsal anzusehen sein darf. Es ist eingebettet in vom Band gespielte Musik, die in ihrer Auswahl von Vivaldi bis Techno kaum bunter gemischt sein könnte. Es gibt ausgefeilte Lichtregien, zur Kleidung gehören auch schon mal High Heels und Akteure werden per Hebebühne effektvoll in die Szene eingebettet.

Christiane Theobald, die kommissarische Intendantin des Staatsballetts, erklärt in einem eingespielten Video, wie das Modell für die Fellows des Enhance Mentorship Programme funktioniert. Seit September 2021 hat sich das Staatsballett um Absolvent:innen der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin gekümmert. Es soll eine Schnittstelle zwischen Studium und dem ersten Engagement in einer Compagnie sein. Das Programm ist in der Pandemie entwickelt worden. „Lab Works 2022“ ist gewissermaßen eine Gesellenprüfung. In den Augen des Publikums haben alle bestanden, es gab großen Jubel für die Tanzenden wie für die Choreographen, die aus den Reihen des Staatsballetts stammen. Im Publikum saß übrigens auch der künftige Intendant Christian Spuck.

„Oh Captain“ erzählt vom Entdecken der Männlichkeit

Bei der Premiere mag jeder sein eigenes Lieblingsstück entdeckt haben. In den Bann zieht einen auf jeden Fall Johnny McMillans Choreographie „Oh Captain“ für zehn Tänzer, die sich mit Identitätspolitik und Konzepten von Männlichkeit auseinandersetzt. Der Titel und auch die Choreographie erinnern natürlich an das Filmdrama „Der Club der toten Dichter“, in dem Robin Williams als Englischlehrerseine Jungs im Elite-Internat mit Poesie zu Freidenkern erziehen möchte. Bei Johnny McMillans erscheinen die Tänzer zu Beginn wie eine Pflanze im Wind. Daraus entwickeln sich fast in Zeitlupe Ausbruchsbewegungen und Begegnungen bis hin zum ersten leidenschaftlichen Kuss. Die fantastisch anmutende Eroberung der düsteren Bühne wirkt roboterhaft bis dystopisch. Die Musik wurde von Cosmin Nicolae, einem DJ der Berliner Klub-Szene, eigens für das Stück komponiert. Es ist eine rundum schlüssige Arbeit und virtuos getanzt.

Vivian Assol Koohnavards „This too shall pass“ ist das Kontrastprogramm. Neun Tänzerinnen switchen in die Welt der 70er-Jahre, und gelegentlich erinnert das Bewegungsrepertoire an das Fernsehballett mit seinem Anspruch, auch exotische Welten zu ertanzen. Diesmal allerdings soll der Stimmungswechsel, der sich durch die Umbrüche der islamischen Revolution aus weiblicher Perspektive vollzog, vorgeführt werden. Es will ein Stück zum Lachen und Weinen zwischen Ausgelassenheit und Verschleierung sein. Psychedelischer Rock aus dem Iran der Hippie-Zeit erklingt aus den Lautsprechern und sorgt für gute Laune.

Ein Breakdancer neben der klassischen Balletttänzerin

Arshak Ghalumyan hat in seiner Choreographie „Die Nacht“ die individuellen Fähigkeiten seiner Tänzerinnen und Tänzer herausgearbeitet. Der Breakdancer tritt neben der klassischen Balletttänzerin auf. Zur Musikliste gehören Ezio Bossi, Dawn of Midi und Weltstar Ludovico Einaudi. Als Inspiration hat Ghalumyan die Skulptur „Die Nacht“ von Georg Kolbe, die im Haus des Rundfunks steht, angegeben. Tatsächlich können seine Akteure die verschämt-verquere Zärtlichkeit umsetzen.

Auf Spitze wird in Alexander Abdukarimovs Antikenmythos „Children of the Night“ reichlich getanzt. Und beiläufig wird auch eine Visitenkarte für künftige kleine Schwäne abgegeben. Abdukarimov erzählt die Geschichte eines getrennten Liebespaares und kann sich auf das Solistenpaar Dinu Tamazlacaru und Aya Okumura aus dem Staatsballett verlassen.