Gendarmenmarkt

Verstimmte Klaviere und Abtanzen mit Techno

| Lesedauer: 3 Minuten
Volker Blech
Chefdirigent Christoph Eschenbach (rechts) und Intendant Sebastian Nordmann bei der Saisonvorschau im Konzerthaus.

Chefdirigent Christoph Eschenbach (rechts) und Intendant Sebastian Nordmann bei der Saisonvorschau im Konzerthaus.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Chefdirigent Christoph Eschenbach setzt in seiner Abschiedssaison auf große Klassiker. Ansonsten probiert das Konzerthaus viel Neues aus.

Christoph Eschenbach schneite fröhlich in die Saisonvorschau am Dienstag herein. Der 82-Jährige probte gerade mit seinem Konzerthausorchester Mozarts drei letzte Sinfonien, die jetzt am Wochenende am Gendarmenmarkt aufgeführt werden. Der Dirigent verwies darauf, dass er „lange mit Mozart gewartet habe“. Jetzt scheint ihn der Wiener Klassiker zu beflügeln. Mozart wird auch am 17. und 18. Juni 2023 wieder auf dem Programm stehen. Nach Schuberts Sinfonie h-Moll („Unvollendete“) erklingt Mozarts Requiem. Schwer zu sagen, ob man danach ausgelassen eine Abschiedsparty feiern kann? Denn es wird Eschenbachs offizieller Ausstand als Chefdirigent des Konzerthausorchesters sein. Vier Jahre war er dann im Amt, sein Vertrag war wegen der Pandemie um ein Jahr verlängert worden. Im August 2023 tritt die derzeit 36-jährige Dirigentin Joana Mallwitz die Nachfolge an.

Seine letzte Saison wird Eschenbach am 26. August 2022 mit Strauss’ „Vier letzte Lieder“ und Mahlers fünfter Sinfonie eröffnen. Der Chefdirigent ist in seinen Programmen für die großen Klassiker zuständig. Und das sogar für einen lebenden Berliner Klassiker: Beim Musikfest am 10. September dirigiert Eschenbach das Komponistenporträt Aribert Reimann. Der Dirigent meinte, er kenne Reimann bereits seit fünf Jahrzehnten und der habe ihm mehrere Werke geschrieben.

Eschenbach ist selbst Kriegskind mit traumatischen Erfahrungen

Mahlers Zweite steht im November auf dem Programm, Prokofjews Fünfte und Beethovens Violinkonzert im März 2023 sowie Brahms im Mai. Eschenbach, Jahrgang 1940, ist ein Kriegskind mit traumatischen Erfahrungen. Auf den Ukraine-Krieg angesprochen, erinnerte er sofort an Projekte für Waisenkinder und jetzt für Flüchtlingskinder. „Wir können viel tun“, sagte er. Weniger Verständnis zeigte der Altmeister allerdings für Tendenzen, große russische Werke etwa von Tschaikowsky aus den Konzerten zu verbannen. Das sei Quatsch, so Eschenbach.

Intendant Sebastian Nordmann ist immer noch mit dem Thema befasst, wie man das Publikum zurückgewinnen kann. Immerhin sind die Gutscheine, die bei den Absagen in Coronazeiten ausgeteilt wurden, weitgehend wieder eingelöst worden. Aber der Teufel steckt im Detail. Die Karten wurden bis Ende der Saison noch im Schachbrettmuster vorverkauft. Jetzt lassen sich dazwischen liegenden Einzelplätze nur schwer verkaufen.

Neue Publikumsformate jenseits des Abobetriebs

Ansonsten lässt Nordmann wieder Publikumsformate jenseits des Abobetriebs ausprobieren. Ivan Fischers „Mittendrin“ ist bekanntlich ein Publikumsliebling geworden. Das Modell erfährt Variationen. Spannende Programme finden sich etwa im neuen Festival, das den mehrdeutigen Namen „Aus den Fugen“ trägt und vom 14. bis 27. November stattfindet. Ein Klangrausch wird am 18. November im ausgeräumten und dunklen Saal versprochen. In großer Orchesterbesetzung und mit sechs Flügeln wird Georg Friedrich Haas’ „limited approximations“ für sechs mikrotonal gegeneinander verstimmte Flügel von 2010 aufgeführt.

Abtanzen – ja, so steht es in der Vorschau – soll das Publikum am Tag darauf, wenn Meute, die Techno-Marching Band, aufspielt. „OK Tannhäuser“ heißt es am 21. November bei der hybriden multimedialen Konzertperformance zwischen Tiktok und Oper. Es klingt zwar nicht ganz so wild, wenn die in Kairo geborene, und an der Berliner Eisler-Hochschule ausgebildete Sopranistin Fatma Said als Artist in Residence angekündigt ist. Aber auch die Sängerin wird sich zwischen Barock und Jazz präsentieren.