Theatertreffen

Das Finale des Theatertreffens: Volker Löschs „Tartuffe“

| Lesedauer: 5 Minuten
Felix Müller
Im Reich der Hausbesetzer: Henriette Hölzel, Yassin Trabelsi, Daniel Séjourné, Jannik Hinsch und Philipp Grimm (v.l.).

Im Reich der Hausbesetzer: Henriette Hölzel, Yassin Trabelsi, Daniel Séjourné, Jannik Hinsch und Philipp Grimm (v.l.).

Foto: Sebastian Hoppe

Die letzte Premiere der zehn bemerkenswerten Inszenierungen kommt als krachende Kapitalismuskritik daher.

Ein Hochstapler und Falschspieler war es, der unter den Premierenreigen der zehn bemerkenswerten Inszenierungen auf dem Theatertreffen 2022 den Schlusspunkt setzte. Molières berühmter „Tartuffe“, in Gegenwart des Sonnenkönigs Ludwig XIV. 1664 im Schloss von Versailles uraufgeführt, erzählt mit lichtem Witz davon, wie sich der titelgebende Heuchler in eine Familie einschleicht und sie zielsicher an den Rand der Katastrophe führt. Ein Stoff, dem man sein Alter von stattlichen 358 Jahren kaum anmerkt, der vielmehr wie geschaffen scheint für eine Gegenwart, in der Populisten und Demagogen ihre diskursive Macht ausspielen und solidarische Gemeinschaften bedrohen.

Gelogen und betrogen wird auch in der Gegenwart

Mit seiner Inszenierung, die nach großen, pandemiebedingten Schwierigkeiten im Oktober vergangenen Jahres am Staatsschauspiel Dresden Premiere feiern konnte, holt Regisseur Volker Lösch den Tartuffe in die Gegenwart. Soeren Voima, ein Pseudonym des Dramaturgen Christian Tschirner, hat in seiner Überschreibung Personal, Handlungsstruktur und Motive des Textes übernommen, seine Sprache und sein Setting aber in die Zeitgeschichte der vergangenen 40 Jahre gelegt – mal mit, mal ohne Reime, die er übrigens sehr pointensicher zu setzen weiß.

Es beginnt so, wie dem englischen Lyriker T. S. Eliot zufolge die Welt endet: nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern. Die Zuschauer nehmen noch ihre Plätze im Haus der Berliner Festspiele ein, als Orgon (Jannik Hinsch) schon auf der Vorderbühne vor dem roten Vorhang liegt, sich krümmt und hemmungslos winselt. Er hat ein Problem, und kein kleines, sondern ein schon körperlich sehr raumgreifendes: Madame Pernelle, seiner Mutter (Thomas Eisen), gefällt es überhaupt nicht, dass ihre Mieter ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Kein Problem, verspricht da Tartuffe (Philipp Grimm), der von rechts heraneilt, gewandet wie ein westdeutscher Faschingscowboy aus den 1970er-Jahren: Die werde er schon überzeugen.

Philipp Grimm agiert in Bestform

Es ist ein Abend mit mehreren Höhepunkten, und einer davon ist sicherlich sein Titelheld. Grimm spielt den Verführer in einer Explosion von charismatischer Energie, mit spürbarer Lust an der Überzeichnung. Er ist ein schillernder Haifisch, dieser Tartuffe, wie einst Mackie Messer in Brechts „Dreigroschenoper“, deren kapitalismuskritische Haltung Löschs Inszenierung nicht nur teilt, sondern auch mehrfach zitiert.

Der Vorhang gibt nun den Blick frei auf Cary Gaylers Drehbühne und damit auf ein faszinierendes Universum. Mehrere Zimmer einer Wohnung mit Dachterrasse, die in der Rotation eine Milieustudie der Hausbesetzerszene aus den Achtzigern freigibt: Che-Guevara-Poster hängen an den heruntergerockten Wänden, Bierkistenstapel stehen herum, und oben auf dem Dach zelebrieren Hippies drogenvernebelt die freie Liebe.

Von der Ära Helmut Kohl bis zur Finanzkrise

Der weichherzige Orgon will ihnen eigentlich nichts Böses, aber im Lauf der Jahrzehnte wird er zum Handlanger jener Gentrifizierung, nach der es nur Verlierer gibt, Tartuffe einmal ausgenommen. Mit Videoprojektionen und Toneinblendungen werden die Zeitläufte lebendig gemacht: Helmut Kohl wird als Bundeskanzler vereidigt, die Mauer fällt, Gerhard Schröder löst Kohl ab und setzt mit der Agenda 2010 den größten Umbau der Sozialsysteme seit Bismarck um.

Und während die Jahre vorüberfliegen, verändert sich auch die Wohnung : Die Wände werden sauberer, das Ambiente gediegener, überall tauchen Designermöbel auf, während auf dem Dach ein funkelndes Penthouse mit goldenem Aufzug entsteht. Und die Bewohner, eben noch erklärte Feinde der bürgerlichen Lebensphilosophie, sind plötzlich zu Selbstoptimierern mit aktiviertem Schrittzähler im Smartphone geworden, die sich in endlosen Loops weiterbilden lassen oder als Influencer ihr Auskommen zu finden versuchen.

Wenn das Geld verdächtig billig ist

Tartuffe kann diese geknechteten Kreaturen erfolgreich davon überzeugen, spottbillige Kredite aufzunehmen, um sich Eigentumswohnungen zu erwerben – aber das Publikum weiß natürlich längst, dass er ihnen da nur heiße Luft aufschwätzt. Am Ende werden sie allesamt ins Jammertal der Finanzkrise geworfen, während Tartuffe, der im Verlauf der Inszenierung immer dicker wird und am Ende eine laufende Kugel ist, in den hallenden Sälen der einstigen Bruchbude seinen Reichtum feiert – bevor er selbst in einen Fahrstuhlschacht stürzt.

Capitalism kills: Es ist ein Abend mit klarer Aussage und Stoßrichtung, die durch seinen Epilog noch unterstrichen wird. Im Wechsel rezitiert das Ensemble Analysen des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty über die dramatische Ungleichverteilung von Vermögen auf der Welt, die gleichzeitig Rezepte anbieten, diese zu beheben. Wer das Theater für seine Fähigkeit schätzt, Räume für Fragen zu öffnen und Ambivalenzen zu markieren, wird hier von einer verstörenden Zahl von Fakten und Antworten überflutet – wie man dem Abend wohl insgesamt etwas Leitartikelhaftes attestieren muss. Selten aber kam so etwas so charmant, lustig und liebevoll daher wie in diesen rasant vergehenden drei Stunden.