Philharmonie

Simon Rattle denkt im Konzert ans Essen

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Felix Stephan
Simon Rattle dirigiert die Philharmoniker.

Simon Rattle dirigiert die Philharmoniker.

Foto: Fotograf Stephan Rabold

Der frühere Chefdirigent Sir Simon führte mit den Berliner Philharmonikern Werke von Haydn und Strawinsky.

Klassische Musik mit Fußball und Essen zu assoziieren – das ist selten eine gute Idee. Doch andererseits: Was soll man machen, wenn sich Dirigent Sir Simon Rattle im Interview mit Liverpools Fußballtrainer Jürgen Klopp vergleicht? Oder wenn er jetzt, an diesem Freitagabend, zum Mikrofon greift, um das Publikum auf einen „Strawinsky-Salat“ einzustimmen, den er mit den Berliner Philharmonikern vorbereitet hat? Noch dazu mit Strawinskys „Scherzo a la russe“ als „Nachspeise“?

Natürlich fällt es da schwer, nicht ans Essen zu denken. Allerdings weniger an einen Salat als an eine bunte Häppchen-Platte. Denn Rattle hat nicht weniger als 24 Miniatur-Sätze aus Strawinskys Werk-Katalog aneinandergereiht. Stückchen, die man im Konzertsaal sonst kaum zu hören bekommt. Von reißerisch unterhaltsam bis kühl und unnahbar, von fein gesponnen bis mechanisch virtuos. Es ist ein 60-minütiges Hin-und-her-Springen durch sechs Jahrzehnte Strawinsky-Schaffen. Mal für großes Orchester, mal für kleines Orchester, mal sogar nur für Kammermusik-Besetzung mit Mezzosopranistin.

Die Miniatur ist in einer St. Petersburger Bibliothek wieder aufgetaucht

Da gibt es zum Beispiel Strawinskys „Chant funèbre“ von 1908, einen Mix aus Spätromantik und Impressionismus zu Ehren seines verstorbenen Lehrers Rimski-Korsakow. Jahrzehntelang war diese Miniatur verschollen gewesen – bis sie 2015 zufällig in einer St. Petersburger Bibliothek wieder auftauchte. Rattle hat dieses Frühwerk mal als bestes Stück Strawinskys vor der Feuervogel-Ballettmusik bezeichnet.

Und auch an ein anderes Strawinsky-Ballett fühlt man sich erinnert an diesem Abend: „Sacre du printemps“, Rattles Paradestück während seiner Chefdirigenten-Zeit bei den Berliner Philharmonikern. Im Mini-Quatschlieder-Zyklus „Pribaoutki“ beim „Oberst“ blitzt es kurz auf: repetitiver Orgelpunkt plus Klarinetten-Girlanden und kreisende Fagott-Melodik – eine „Sacre“-Begleitung im Hosentaschenformat.

Die Weißrussin Anna Lapkovskaja hat die Partie übernommen

Etwas überraschend übrigens, dass diesmal nicht Magdalena Kožená, Rattles Ehefrau, die Mezzosopran-Partie übernommen hat. Sondern die Weißrussin Anna Lapkovskaja. Doch musikalisch ist das durchaus von Vorteil. Lapkovskajas Stimme ist kräftiger und dunkler timbriert, strahlt gleichermaßen Jugendfrische und Würde aus. Was ihr freilich fehlt: der Humor, als sie etwas später die „Katzenwiegenlieder“ singt.

Rattle wiederum konzentriert sich bei den reinen Orchesterstücken auf straffe Artikulation und zupackende Rhythmik. Zwar schafft er dadurch viel Einheit, aber auch ein bisschen Langeweile. Gerade das „Feu d’artifice“ und die „Circus Polka für einen jungen Elefanten“ hätten gewonnen durch mehr Farbe.

Was auch auf Haydns Sinfonie Nr. 102 zutrifft. Fast wirkt es so, als stünde Rattles Haydn unter Strawinskys Einfluss. Streng in der Gestaltung, mit bohrender Schärfe und hohem Muskeltonus. Und immer wieder: der Rhythmus, den Rattle hier über alles andere zu stellen scheint. Faszinierend, wie unerbittlich die Philharmoniker dieses Konzept umsetzen. Und doch vermisst man irgendwann Herzenswärme und Leichtigkeit.