Ausstellung

Wenn ein Vorhang zum Sinnbild für Empfindlichkeit wird

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“The Lariat“ (2019) ist während einer Performance mit einem Lasso bearbeitet worden.

“The Lariat“ (2019) ist während einer Performance mit einem Lasso bearbeitet worden.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die belgische Künstlerin Edith Dekyndt hat ein acht mal acht Meter großes Tuch in der Kirche St. Matthäus aufgespannt und zeigt weitere Arbeiten

Wie eine fragile Membran teilt ein acht mal acht Meter großer, altrosafarbener Vorhang aus synthetischer Seide das Kirchenschiff von St. Matthäus am Kulturforum in einen Eingangs- und einen Hauptbereich. Die feinen Luftturbulenzen im Innenraum versetzen ihn in stetige Bewegung, als würde er zeitlupenhaft zittern. Wer näher an ihn herantritt, erkennt kleine Risse und Löcher im Gewebe, während im Hintergrund die zischenden Geräusche eines schwingenden Lassos zu hören sind.

Die Arbeit der belgischen Künstlerin Edith Dekyndt, die im Rahmen ihrer Ausstellung „Concentrated Form of Non-Material Energy“ in der von August Stüler 1845 erbauten Kirche zu sehen ist, kann man als Meditation über Verletzlichkeit lesen. Sie handelt aber auch von der titelgebenden nichtmateriellen Energie der Bewegung und damit auch von Gewalt. Die Spuren auf dem Vorhang entstanden im Rahmen einer Performance, die Dekyndt 2019 in Paris durchführte. Von einem Aufenthalt in Texas zurückgekehrt, hatte sie einen Cowboy beauftragt, das aufgespannte Tuch mit einem Lasso zu bearbeiten. In St. Matthäus wird nun die Performance analytisch zergliedert: Neben dem Vorhang und der Soundinstallation ist auf einem Bildschirm das schwingende Lasso zu sehen. Im Zusammenspiel mit dem kirchlichen Ambiente entstehen Fragen nach den „bisweilen brachialen Wirklichkeitsbändigungsversuchen des Menschen“, wie es Pfarrer Hannes Langbein formuliert. Das Nichtmaterielle, die Bewegung, im Fall des Lassos eine besonders kunstvolle, erschafft und prägt das, was man die materielle Realität nennt: Das wird hier eindrücklich erfahrbar und kommt mit der christlichen Kirchen- und Glaubensgeschichte ins Gespräch.

Hinter dem Altar hat Edith Dekyndt eine weitere Arbeit aufgestellt: Ein Einweckglas, in dem eine von gelatinöser Substanz getragene Rose schwebt. Sie ist bestickt, als habe eine Chirurgin hier mit behutsamer Hand eine Wunde genäht. Wer kürzlich die Sammlung Scharf-Gerstenberg besucht hat, mag an den von Surrealismus und Dada geprägten André Thomkins denken, von dem dort ein Ei mit angenähtem Knopf zu sehen ist. Im Spiel mit dem Fragilen ähneln sich die beiden Werke, aber bei Edith Dekyndt überwiegen die Anklänge an das Vergängliche, Verletzliche – und an die Versuche von Heilung, Bewahrung und Trost, die damit verbunden sind. Auch das passt sehr gut zu St. Matthäus.