Ausstellung

Wie die bildende Kunst auf die Oper reagiert

| Lesedauer: 3 Minuten
Diego Marcon: Ludwig (2018).

Diego Marcon: Ludwig (2018).

Foto: Diego Marcon / Foto: Matteo Monti

Vom Wesen des Musiktheaters: Die Ausstellung „Opera Opera“ im Palais Populaire zeigt Arbeiten von den 1960er-Jahren bis heute.

Ein kleiner Junge sitzt im Bauch eines Schiffes. Es stürmt und zischt, alles schlingert hin und her, während der Junge mit einem abbrennenden Streichholz gegen die Dunkelheit kämpft und mit hellem Sopran ein Lied singt. Immer wieder gewinnen die Schatten, es entstehen harte Kontraste wie auf den barocken Gemälden Caravaggios. Das Streichholz verlischt, dann beginnt der Loop erneut.

Das Publikum wird in dieser Arbeit des Mailänder Künstlers Diego Marcon in eine Lage versetzt, die der des Protagonisten ähnelt. Die animierte Figur, der titelgebende „Ludwig“, ein blonder Junge mit dunklen Augen, wird in einem vollständig abgedunkelten Raum an eine Wand projiziert. Die perfekt komponierte Tonspur und die wilden Kamerafahrten erlauben es, hier die Umgebung des PalaisPopulaire zwar nicht körperlich, aber doch gedanklich und emotional zu verlassen.

Von Immersion wird gesprochen, wenn eine virtuelle Realität genau diesen Effekt des Eintauchens hervorruft – und darin ist der 2018 entstandene „Ludwig“ der großen Gefühls- und Illusionsmaschine sehr nahe, der sich diese Ausstellung widmet. „Opera Opera“ lautet ihr Titel, der in der Verdopplung auf den prozesshaften Sinn verweist, den das Wort im Italienischen hat. Denn in der Oper wird tatsächlich operiert, wird gearbeitet. Alles ist hier gemacht, von Gewerken, Künstlerinnen und Künstlern erschaffen und im Zusammenspiel mit dem Publikum zu einem immer einmaligen, nicht wiederholbaren Erlebnis verbunden.

Die diffizilen Mechanismen dahinter oder Fragen danach, wer hier mitmachen darf und wer ausgeschlossen bleibt, welche zweifelhaften Traditionen in der altehrwürdigen Kunstform Oper am Leben erhalten werden, wie sie das Leben außerhalb ihrer Tore spiegelt und verarbeitet: Das alles sind große Herausforderungen an die bildende Kunst. Die nun im Palais Populaire versammelten rund 30 Positionen aus den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart sind Leihgaben der Sammlung MAXXI, ihr eigentliches Zuhause ist ein imposantes Zaha-Hadid-Gebäude in Rom, das ein Museum für zeitgenössische Kunst beherbergt.

Dabei verschränken sich künstlerische Interventionen und historische Rückschau. Im Untergeschoss führen große Modelle für Oper- und Theaterhäuser vor Augen, mit welcher raumgreifenden Geste die Spielstätten im Stadtkörper ihren Platz beanspruchen, mit diesem aber auch den Dialog suchen – Architekt Aldo Rossi errichtete für das Teatro Carlo Felice in Genua einen riesigen Bühnenturm, ließ aber auch die historischen Fassaden rekonstruieren und schuf einen 400 Quadratmeter großen Platz als Begegnungsstätte.

Andere Arbeiten wandeln auf den Pfaden der Analyse, der Dekonstruktion, auch der sozialkritischen Kommentierung. In der Rotunde hängt die Installation „Climbing“ von der Decke, ein überdimensionaler Kronleuchter von Stella Scala und Simeone Crispino aus Mailand, die unter dem Namen Vedovamazzei firmieren. Von unten betrachtet blendet er zunächst mit seiner Pracht, bis man, auf den Stufen stehend, einen Schlafsack und eine Lampe auf seiner oberen Seite entdeckt und vermuten muss, dass hier ein obdachloser Mensch übernachtet.

Die erst kürzlich in der Neuen Nationalgalerie ausgestellte Künstlerin Rosa Barba hat sich in das Mailänder Archivio Storico Ricordo begeben, das Originalpartituren von Verdi, Puccini und Donizetti aufbewahrt und ist mit einer kinetischen Filmskulptur zurückgekehrt, die eigens für „Opera Opera“ geschaffen wurde. Weitere Arbeiten stammen von Künstlerinnen und Künstlern wie Jimmie Durham, William Kentridge oder Monica Bonvicini. Eine Ausstellung, die den Besuch etwa in der benachbarten Staatsoper weder ersetzen kann noch will – ihn aber klug befragt, teils überraschend ironisiert und um spannende Hinsichten erweitert.