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Der Film, den Putin der Welt nicht zeigen wollte

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Eine Liebe, die im russischen Militär nicht sein darf: Der Gefreite Sergey (Tom Prior, l.) und der Kampfpilot Roman (Oleg Zagorodnii).

Eine Liebe, die im russischen Militär nicht sein darf: Der Gefreite Sergey (Tom Prior, l.) und der Kampfpilot Roman (Oleg Zagorodnii).

Foto: Salzgeber

Zum Tag gegen Homophobie wird in ganz Deutschland „Firebird“ gezeigt – ein Filmdrama über eine schwule Liebe im russischen Militär.

„Firebird“ hat schon jetzt traurige Berühmtheit erlangt: als „der Film, den Putin der Welt nicht zeigen will“. Vor einem Jahr wurde er von einem mutigen Programmleiter aufs Filmfestival von Moskau eingeladen. Dann aber gab es wütende Proteste von Homohassern und Ultrarechten, das Festival durfte keine Tickets verkaufen, Vorführungen fanden im leeren Saal statt. Denn die estnisch-britische Koproduktion erzählt von einer Liebe zweier Männer. Das allein wird in Russland bereits als „homosexuelle Propaganda“ unter Strafe gestellt. Aber dann spielt der Film auch noch im russischen bzw. im sowjetischen Militär.

Die Geschichte spielt 1977, ihre Konflikte aber sind hochaktuell

Doch wie das so ist mit Verboten, bekam die Produktion dadurch noch mehr Aufmerksamkeit. „Ein Brite, ein Este und ein Ukrainer beschämen das Internationale Filmfestival in Moskau“, schrieb eine Zeitung damals. Und jetzt, seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine, sieht man den Film ohnehin noch mal anders. Weil Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, allen Ernstes „Schwulenparaden“ als einen Hauptgrund dafür bezeichnet, und der Krieg, der in Russland nicht als solcher bezeichnet werden darf, als „Loyalitätsprüfung“ gegenüber westlicher Dekadenz.

Nun wird der Film aus dem Jahr 2021, der in Deutschland nur in wenigen Kinos lief und bereits auf DVD erschien, landesweit noch einmal in zahlreichen Kinos gezeigt. In einer einmaligen Aktion am heutigen Dienstag. Denn der 17.5. wird – als Mahnung an den Paragrafen 175, mit dem Homosexualität lange auch hierzulande unter Strafe stand – seit 2005 als Internationaler Tag gegen Homophobie, inzwischen auch gegen Bi-, Inter- und Transphobie begangen. In Berlin wird sogar noch mal eine richtige Premiere gefeiert, in Anwesenheit des Regisseurs und seiner Hauptdarsteller.

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Der Trailer zum Film: „Firebird“

„Firebird“ spielt im Jahr 1977, als der Kalte Krieg besonders eisig war. Auf einem Luftwaffenstützpunkt im sowjetisch kontrollierten Estland zählt der Gefreite Sergey Serebrennikov (Tom Prior) die Tage, bis sein Militärdienst zu Ende geht und er endlich in Moskau auf die Schauspielschule gehen kann. Aber dann verliebt er sich in den Kampfpiloten Roman Matvejev (Oleg Zagorodnii), der hierher versetzt wird.

Und der erwidert seine Gefühle. Immer wieder treffen sich die beiden. Aber nur heimlich. Und immer in der Angst, entdeckt und denunziert werden. Denn ihre Liebe gilt als „unzüchtiges Verhalten“ und wird mit vielen Jahren Arbeitslager bestraft.

Liebe, Angst, Frieden - Das sind ganz hochaktuelle Themen

Doch der Pilot steht längst unter der Beobachtung des KGB. Wird auch unmissverständlich zur Rede gestellt. Und soll Namen nennen. Stattdessen leugnet er alles. Und flüchtet sich in eine Beziehung zu einer Frau: ausgerechnet zu Luisa (Diana Pozharskayaals), der besten Freundin Sergeys, die nichts ahnt von den wahren Gefühlen der beiden. Aus der Lovestory zweier Männer wird ein Dreiecksdrama über das Verstecken und Unterdrücken von Gefühlen, den Druck der Gesellschaft und Lebenslügen, die auch andere in Verzweiflung stürzen.

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„Firebird“ basiert auf der wahren Geschichte des Schauspielers Sergey Fetisov, die dieser mutig in seinem Buch „The Story of Roman“ öffentlich machte – auch, um auf die Situation für queere Menschen in Russland aufmerksam zu machen. Auf das Buch stieß auch der offen schwule Este Peeter Rebane. Und obwohl diese Geschichte im vergangenen Jahrhundert spielt, empfand er sie als zutiefst relevant und hochaktuell: „Wir leben in einer Zeit, in der die grundlegenden Menschenrechte, die Gleichheit und die Freiheit auf der ganzen Welt wieder einmal angegriffen werden.“

Die Rolle des russischen Piloten spielt – ein ukrainischer Schauspieler

Mit dem britischen Schauspieler Tom Prior, bekannt aus den Filmen „King’s Man: The Secret Service“ und „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, hat er das Drehbuch geschrieben. Und gab auch sein Langfilmdebüt als Regisseur. Mit Prior in der Rolle des Sergey. In der Entwicklungsphase standen beide im engen Austausch mit Fetisov. Der konnte den Film über seine große Liebe jedoch nicht mehr erleben: Er starb 2017.

Die Rolle des russischen Piloten aber spielt – ein Ukrainer: Oleg Zagorodnii. Und auch für ihn hat diese Arbeit in den letzten Wochen eine ganz andere Bedeutung gewonnen: „Es geht um Liebe, Angst und Frieden. Das sind Themen, die auch in der Ukraine gerade ganz aktuell sind“, wie er im persönlichen Gespräch erklärt: „Wir kämpfen, um die zu sein, die wir sein wollen.“

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Der Schauspieler ist seit Montag in Berlin, er bekam dafür extra eine Ausreisegenehmigung. Denn während er seine Familie vor acht Wochen nach Rumänien in Sicherheit brachte, lebt er mit seinem Bruder weiter in Kiew. Schon zwei Mal hat er sich für die Armee gemeldet. Zwei Mal wurde ihm gesagt, es gebe mehr Freiwillige als Ausrüstung. Und seine Kampferfahrung erstreckt sich bisher bloß – auf die Vorbereitungen zum Dreh. Er steht aber in ständiger Bereitschaft.

Auch eine Waffe: Liebesgrüße nach Moskau

Bis zur Pandemie hat der 34-Jährige fünf Jahre in Moskau gearbeitet, auf der Bühne des Gogol Centre unter der Leitung des später in Ungnade gefallenen Regisseurs Kirill Serebrennikow. Seither hat sich keiner seiner Moskauer Freunde gemeldet, um zu fragen, wie es ihm geht. Weil sie alle Angst haben, das könnte publik werden. Die Angst, um die es im Film geht, entdeckt und denunziert zu werden - sie ist wieder ganz real.

Ist es nicht Ironie, dass er als Ukrainer den Russen spielt, der nicht zu seinen wahren Gefühlen steht und lieber ein Leben lang eine Lüge lebt? Nein, das ist Zagorodnii ganz wichtig: Seine Figur sei kein russischer, sondern ein sowjetischer Soldat. Die Sowjets hätten tiefer empfunden „als die Russen, die meinem Volk gerade schreckliche Dinge antun.“ „Firebird“, betont er, sei sein „ganz persönliches Hallo an Herrn Putin“. Liebesgrüße nach Moskau: Das sei alles, was er als Schauspieler momentan tun könne.

am 17. Mai in 15 deutschen Kinos. In Berlin im Zoo Palast (20 Uhr), hier in Anwesenheit des Regisseurs und der Hauptdarsteller, sowie im Klick-Kino (20 Uhr).