Theater

Reise durch den Greenscreen im Theater unterm Dach

| Lesedauer: 3 Minuten
Jana Treffler
Der grüne Bildschirm wird zu einer Projektionsfläche für Wünsche und Träume.

Der grüne Bildschirm wird zu einer Projektionsfläche für Wünsche und Träume.

Foto: Claudia Wiedemer

Im Theater unterm Dach in Prenzlauer Berg dreht sich bei dem Stück „#Die schöne grüne Wiese“ alles um Imagination und Wirklichkeit.

Mit „cringe“ beschreiben Jugendliche Dinge, die auf eine peinliche Art unangenehm sind und für die man sich fast fremdschämt. Experimentelles Theater kann leicht einmal in diese Kategorie fallen. Das Stück „#Die schöne grüne Wiese“, das gerade im Theater unterm Dach in Prenzlauer Berg läuft, ist überhaupt nicht „cringe“.

Der Versuchsaufbau ist folgender: Zwei Frauen und ein Mann vor einem Greenscreen, links und rechts eine Leinwand, Zuschauer im Saal und via Zoom zugeschaltet. Die Online-Gäste geben den Input, der die Grundlage für das virtuelle Bühnenbild sein wird, das zwei bildende Künstlerinnen live erstellen und auf die Leinwände projizieren. Aus dem Greenscreen wird eine Projektionsfläche für Wünsche und Träume. Dort hinein begeben sich die drei Schauspieler auf die Reise.

In assoziativen Sequenzen durchforsten die Figuren das Unterbewusstsein und die Vorstellungskraft. Darüber steht die Frage: Wer sitzt denn nun am Steuer? Die Imagination, der Wahn, die Rationalität? Das Rätsel wird nie ganz aufgelöst, und das ist auch gut so. Im ganzen Stück gibt es keinen Moment des Klickmachens, in dem sich das Gefühl einstellt, die Botschaft sei nun endgültig angekommen. Der unsichere Raum zwischen Wirklichkeit und Vorstellung bleibt, wie er ist: unsicher.

Klangteppiche begleiten die verschiedenen Szenen

Lose inspiriert ist „#Die schöne grüne Wiese“ von der Holunderbuschszene aus Heinrich von Kleists Drama „Das Käthchen von Heilbronn”. Davon ausgehend nutzen die Macher des Stücks die technischen Möglichkeiten auf vielfältige und originelle Weise. Die Bilder sind zum Teil verstörend, zum Teil schlicht ästhetisch, wenn Darsteller und hochgehaltene Stoffe mit der Projektion zu einer kaleidoskopartigen Blüte verschmelzen.

Akustisch begleitet werden die Szenen von rein stimmlich produzierten, immer wieder an- und abschwellenden Klangteppichen, die Claudia und Monika Wiedemer mithilfe einer Loop station live produzieren. Die teils intimen Schmatz-, Kau- und Stöhngeräusche verstärken das Verstörende und werden abgelöst von Kinderliedern und beeindruckendem Gesang.

Verzicht auf Botschaften mit der Brechstange

Die Schauspieler spielen so gut und souverän, dass man sich fast nicht vorstellen kann, dass alles auf die Eingaben der Zoom-Teilnehmer hin improvisiert ist. Diese Professionalität der Schauspieler, die sehr gut umgesetzte Technik und der Verzicht auf mit der Brechstange vermittelnden Botschaften machen das Stück unterhaltsam und wirklich sehenswert.

Einblicke in die inhaltliche Auseinandersetzung der Crew mit dem Thema der Imagination und den Grenzen der Vorstellungskraft ermöglichen sie mit einer parallel zur Spielzeit laufenden Podcastreihe. In den etwa halbstündigen Folgen sprechen sie mit Personen, die auf unterschiedlichste Weise Zugang zum Thema Imagination haben. Bisher eingeladen waren ein Neurowissenschaftler, eine Schauspielerin und eine Soziologin. Jeden Freitag erscheint eine neue Folge.

Den Podcast gibt es unter https://dieschoenegruenewiese.podigee.io/t1-neue-episode#t=6