Premiere

Ein Riesenspaß: „Happy End“ im Renaissance Theater

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Fatale Verbindung: Bill (Gabriel Schneider) und Lilian (Sophia Euskirchen)

Fatale Verbindung: Bill (Gabriel Schneider) und Lilian (Sophia Euskirchen)

Foto: Max Jackwerth / Renaissance Theater

Zwischen Gangstern und Heilsarmisten: Sebastian Sommer inszeniert Elisabeth Hauptmanns Melodram mit einem spielfreudigen Ensemble

Chicagos Unterwelt hat einen neuen Obermacker: Bill Cracker. Obwohl beim Gangster-Boy noch das Babyface durchschimmert, hat er gerade seinen ärgsten Konkurrenten Gorilla Baxley ausgeschaltet. Klar, dass danach eine Party in „Bill’s Ballhaus“ mit seiner Gangster-Bande steigt. Sogar die Fliege beehrt die Sause. Sie ist die Dame in Grau, die Verbrecherkönigin der Stadt. Wen sie um Feuer bittet, der stirbt. Wie der Governor, der sich beim Autoverschieben zu seinen Gunsten verrechnet hat. Eigentlich müssten alle vor der Fliege zittern. Doch Bill schlottern die Knie erst, als er Lilian Holiday kennenlernt, Shootingstar der Salvation Army und eine echte Nervensäge. Aber sie singt so wunderbar, dass dem Schurken glatt das Herz aufgeht.

Mit Sebastian Sommers phänomenaler Inszenierung kehrt „Happy End“ nach mehr als 50 Jahren triumphal auf eine große Berliner Bühne zurück. Die Premiere im Renaissance-Theater wurde von viel Prominenz stürmisch gefeiert. Darunter Theater-Legende Claus Peymann. Er steht im Charlottenburger Haus selbst im Juni an zwei Mal auf der Bühne.

Die Liebe führt zur Kündigung

Uraufgeführt 1929 am Theater am Schiffbauerdamm, heute besser bekannt als Berliner Ensemble, wurde die dialektische Soap Opera im Spannungsfeld zwischen Gangstern und der Heilsarmee lange Zeit Bertolt Brecht zugeschrieben. Aber es war Elisabeth Hauptmann, langjährige Mitarbeiterin Brechts, die das Textbuch schrieb. Kurt Weill und Bertolt Brecht sorgten für Musik und Songtexte. Ganz im Stil ihres Welterfolges von 1928, der „Dreigroschenoper“.

Der Dreiakter wird mit einem großen Einbruch, Weihnachten und einem Mord jede Minute turbulenter. Wobei das elfköpfige Ensemble mit sichtlichem Vergnügen Gangster-Sensibelchen und skurrile Heilsarmisten spielt. Mittendrin kommen sich Lilian und Bill immer näher. Mit Folgen. Lilian fliegt hochkant bei der Heilsarmee raus. Und weil die Fliege glaubt, Bill sei ein Verräter, wird ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.

Eine Parade von berühmten Songs

Unter der musikalischen Leitung von Harry Ermer verleiht ein vorzügliches Salonorchester dem Schauspiel mit den Songs von Kurt Weill eine authentische Atmosphäre. Viele der Lieder gehören längst zum klassischen Musical-Repertoire. Wie der „Bilbao Song“, den Bill (Gabriel Schneider) erst singt, nachdem er sich geziert hat wie ein Mädchen. Aber seine Bande lässt nicht locker. Auch Lilian (Sophia Euskirchen) punktet mal anrührend, mal soubrettenhaft mit berühmten Songs wie dem „Matrosen-Tango“ und der Ballade „Surabaya Johnny“.

Aber egal, wer gerade singt, es wird immer überaus komisch und hübsch ironisch. Wie überhaupt der gesamte Abend. Der ist schließlich eine historische Persiflage auf Hollywood und das Gangster-Kino. Philip Rubner und Alexander Grüner haben dafür einen modernen Guckkasten gebaut. Damit gleich klar ist: Etwas so verdammt Happyendliches kann nur Fiktion sein. Alles nur gespielt und in satte, quietschbunte Farben getaucht. Der Guckkasten rotiert zudem. Auf der einen Seite die halbseidenen Kriminellen, auf der anderen die tugendhafte Heilsarmee. Mit erstaunlichen vielen Grauzonen zwischen Gut und Böse. Ein Riesenspaß. Unbedingt hingehen.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg, Tel. 312 42 02, bis 24.10., nächste Vorstellungen: 15.5. um 18 Uhr, 17.-22.5. um 19.30 Uhr, 22.5. um 18 Uhr