Dokumentation

Was blieb, als die Blütezeit des Autos endete

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Highways in Detroit.

Highways in Detroit.

Foto: filmproduktion loekenfranke

Neu im Kino: Die sehenswerte Dokumentation „We are all Detroit“ von Ulrike Franke und Michael Loeken

Diese Dokumentation beginnt mit einem guten Einfall, der ihr Thema leichthändig in den Mittelpunkt stellt. Bürgerinnen und Bürger Detroits lesen die englische Übersetzung eines Textes vor, den sie wahrscheinlich nicht kennen, weil er in den USA nicht zum Kanon zählt. Es handelt sich um „Es ist alles eitel“, das hierzulande berühmte Sonett von Andreas Gryphius aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. „Was itzund prächtig blüht“, heißt es darin, „sol bald zutretten werden / Was itzt so pocht und trotzt / ist morgen Asch und Bein / Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein / Itzt lacht das Glück uns an / bald donnern die Beschwerden.“

„Das klingt wie von einem Depressiven geschrieben“, sagt einer von ihnen. Ein anderer ist ergriffen und fassungslos, dass jemand im 17. Jahrhundert einen so hellsichtigen Text verfassen konnte: „Es klingt, als hätte er es verstanden“, sagt er – und meint damit genau das, was in seiner Heimatstadt besonders gut zu beobachten ist: den Kreislauf des Werdens und Vergehens.

Das ist nicht zu hoch gegriffen bei einer Stadt wie Detroit, wo einst riesige Areale von der Blüte der Automobilindustrie erzählten, bevor die Insolvenz von General Motors (GM) alles veränderte. Heute sind vor allem leere Flächen davon zurückgeblieben, zwischen denen immerzu die Highways lärmen. Die noch erhaltenen Fertigungsanlagen sind grün überwuchert, verfallen zu Ruinen und werden von Touristengruppen durchfotografiert wie in Rom das Kolosseum.

Ulrike Franke und Michael Loeken zeigen ihrem sehenswerten Film „We are all Detroit – Vom Bleiben und Verschwinden“, wie der Strukturwandel in das Leben der Menschen eingegriffen hat, und das nicht allein anhand von Detroit, sondern auch von Bochum, wo die GM-Tochter Opel 2014 ihre Fahrzeugproduktion einstellen und 3000 Mitarbeiter entlassen musste. „Wir waren Opelaner mit Herz und Seele“, ist auf einem Transparent zu lesen – die emotionale Verbundenheit mit einem Unternehmen und die enttäuschte Loyalität zu ihm werden immer wieder spürbar. Ein ehemaliger GM-Ingenieur fährt im Auto durch die zugigen Brachflächen in Detroit und schwärmt von der familiären Atmosphäre, die zu den besten Zeiten im Unternehmen herrschte. Er dreht sich kurz vom Steuer weg und sagt zu seinem Gesprächspartner auf Englisch: „Ich glaube, ihr sagt ,gemütlich‘ dazu“.

Der Film erstarrt aber nicht in Sentimentalität, er zeigt auch die neuen Wege auf, wenn etwas endet. Hinreißend etwa Donney und Roxanne Jones, die auf den Flächen in Detroit nun Gemüse anbauen. Noch einmal Gryphius: „Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn“. Sie lesen es vor und lachen.

( Felix Müller )