Dornröschen

„Heute bin ich die Fliederfee“

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Die Choreographin Marcia Haydée beim Staatsballett Berlin.

Die Choreographin Marcia Haydée beim Staatsballett Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Choreographin Marcia Haydée (85) bereitet Tschaikowskis „Dornröschen“ beim Staatsballett Berlin vor. Ein Treffen.

Berlin. So ästethisch das Spitzenballett auf den großen Bühnen immer wirkt, in den Ballettsälen offenbart sich ein anderes Bild. Es wird in den buntgemischtesten Klamotten geprobt, Hauptsache praktisch. Selbst eine 85-jährige Tanzlegende wie Marcia Haydée läuft durchs Staatsballett Berlin in einer kunterbunten Montur herum. Es passt irgendwie zu ihrer Fröhlichkeit. „Für mich ist es eine besondere Sache, in Berlin zu sein“, sagt die gebürtige Brasilianerin, „weil ich früher in meiner Karriere sehr oft hier getanzt habe. Das war in der Deutschen Oper mit Gert Reinholm. Jedes Mal hatte ich ein sehr gutes Gefühl in diesem Theater. Deswegen war ich auch so glücklich, als man entschieden hat, das ,Dornröschen’ in diesem Haus aufzuführen.“

Die Premiere findet am Freitag in der Deutschen Oper statt

Tschaikowskis „Dornröschen“ gehört zu den berühmtesten klassischen Balletten und die Premiere am Freitag zu den Highlights beim Staatsballett Berlin. Marcia Haydée, einstige Ballerina des Stuttgarter Balletts, zeigt ihre Choreographie nach Petipa. Mit „Dornröschen“ hat sie 1987 als Choreographin debütiert. „In Stuttgart gibt es eine Version mit den Bühnenbildern und Kostümen von Jürgen Rose“, erzählt Marcia Haydée. „Dann habe ich eine Version in Antwerpen gemacht, mit der bin ich in Stockholm, Australien, in Japan, in Südkorea oder in Chile gewesen. Hier für Berlin wollte ich eine visuell komplett neue Version haben. Jordi Roig hat die Kostüme und Dekorationen entworfen. Aber die Choreographie bleibt immer die gleiche.“ Jetzt hätten Stuttgart und Berlin jeweils ihre eigene Versionen, sagt sie und fügt hinzu: „Es sind ganz verschiedene Farben.“

Für alle Märchenmuffel sei die Geschichte noch einmal kurz erzählt. Die böse Fee Carabosse, versehentlich nicht zur Taufe eingeladen, verflucht die Prinzessin. Das Unheil kann durch die gute Fliederfee gerade noch abgewendet werden. Aurora fällt in einen hundertjährigen Schlaf. Dann kommen der Prinz und ein Kuss ins Spiel. „In meiner Version stirbt Carabosse nicht“, sagt Marcia Haydée. „In anderen Choreographien ist Carabosse ein alter Mann oder eine alte Frau, immer ganz hässlich und kann sich kaum bewegen. Bei mir ist Carabosse voller Kraft. Ich hatte die Rolle für Richard Cragun in Stuttgart kreiert, er war mein Partner. Er hatte eine tolle Technik.“ Hinzugefügt sei, dass sie mit Cragun 16 Jahre lang zusammengelebt hatte.

„Ich glaube, die Kraft des Mannes offenbart den Unterschied zur Fliederfee. Die gute Fee steht für die Eleganz“, sagt die Choreographin. „Das Gute und das Böse sind gleichzeitig in unserem Leben präsent, manchmal ist eines davon stärker als das andere.“ Dann setzt die alte Dame ein schelmisches Lächeln auf. „Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann kann ich auch wie Carabosse sein. Heute bin ich die Fliederfee. Wir alle tragen Carabosse und Fliederfee in uns.“

Nun lebt sie auf der Schwäbischen Alb – und fühlt sich wohl

Marcia Haydée wurde am 18. April 1937 im Bundesstaat Rio de Janeiro als Tochter eines Arztes geboren. 1961 kam sie nach Stuttgart und errang schnell Weltruhm. Die Primaballerina hat mit Partnern wie Rudolf Nurejew, Mikhail Baryshnikov und Richard Cragun getanzt. Dann kamen die Choreographien und die Bürde des Amtes hinzu. Das Stuttgarter Ballett leitete sie bis 1996, ihre Direktion in Santiago de Chile beendete sie in der Pandemie vor zwei Jahren. Mit ihrem Ehemann, dem Yoga-Lehrer Günther Schöberl, lebt sie in Deutschland. „Ich sage immer, dass ich mehr schwäbisch als brasilianisch bin. Ich lebe mit meinem Mann auf der Schwäbischen Alb, weit oben.“

In Stuttgart hat sie als Tänzerin und Choreographin ihre wichtigsten Lebensabschnitte verbracht. In einer TV-Dokumentation gab Marcia Haydée mit großer symbolischer Geste eines ihrer Originalkostüme an die amtierende Primaballerina weiter. Aber es entpuppte sich als arg eng und hängt jetzt im Büro. Als Tänzerin wurde die Haydée mit 1,63 Meter vermessen. „Die Tänzer sind heute größer als zu meiner Zeit“, sagt sie, „aber Tänzerinnen sind nicht schwerer geworden. Sie haben längere Beine. Manche Ballette wie ,Zähmung’ oder ,Onegin’ mit vielen Hebungen brauchen heute stärkere Männer.“ Beim Thema Größe verweist sie auf die hochgewachsene Polina Semionova, die als Aurora in der Premiere zu erleben sein wird. „Sie ist eine tolle Tänzerin.“

Mit ihrem Mann macht sie sehr viel Yoga und Meditation

„Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, sage ich mir: Marcia, das Beste kommt erst noch. Dass ich jetzt in Berlin arbeite, das hat mir das Universum oder der liebe Gott ermöglicht. Man muss fit sein, um weiter zu arbeiten“, sagt sie. „Ich mache sehr viel Yoga mit meinem Mann. Wir geben auch Seminare in Yoga, Meditation oder Qi Gong zusammen. Und ich habe mir auch einiges vom Shaolin abgeschaut, die haben sehr gute Übungen für die Hände.“ Sie tanze nicht mehr, sei aber immer noch auf der Bühne. „In Stuttgart wollten sie gerne, dass ich die Amme in ,Onegin’ spiele. Das war ein für mich choreographiertes Ballett, ich hatte darin früher die Tatjana getanzt. Tatjana hat eine Amme, die soll ich jetzt spielen. Choreographen wollen weiter mit mir arbeiten, aber sie suchen natürlich passende Rollen für mein Alter.“