Theatertreffen

Das Theatertreffen erzählt Geschichten vom Verschwinden

| Lesedauer: 2 Minuten
Die Musiker des Zafraan Ensembles spielen Barbara Morgensterns Kompositionen.

Die Musiker des Zafraan Ensembles spielen Barbara Morgensterns Kompositionen.

Foto: Merlin Nadj-Torma / Theatertreffen

„All right. Good Night“ von Helgard Haug verbindet das Rätsel um Flug MH 370 mit dem Drama einer Demenzerkrankung

Es sind zwei Geschichten, die Regisseurin Helgard Haug an diesem Abend auf dem Theatertreffen erzählt – wobei man das Erzählen dahingehend präzisieren muss, dass projizierter Text auf einem Gazevorhang und der Rückwand erscheint, während im weiten Bühnenraum dazwischen die Musikerinnen und Musiker des Zafraan Ensembles den Soundtrack von Komponistin Barbara Morgenstern erklingen lassen.

Beide Geschichten in „All right. Good night“, das im HAU zu sehen war, handeln vom Verlöschen und Verschwinden, aber auf ganz verschiedene Weise. Da ist das große Rätsel um den Flug MH 370 von Malaysia Airlines, der am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking aus der Überwachung der Flugverkehrskontrolle verschwand und bis heute als vermisst gilt. Und da ist die Geschichte des Vaters der Regisseurin, der um denselben Zeitpunkt herum erste Anzeichen einer Demenzerkrankung zeigte, sie zunächst aus Scham zu überspielen versuchte, das aber irgendwann nicht mehr konnte und auf eigenen, lange zuvor formulierten Wunsch in eine Demenz-WG zog.

Beides webt Haugs Text ineinander, und es ist so verblüffend wie ergreifend, welche Spiegelungen sich daraus ergeben. Wie die Angehörigen der Flugpassagiere ebenso wie die des Kranken hoffen, dass die geliebten Menschen zurückkehren könnten. Oder wie die Technik der Luftraumüberwachung einem der wichtigsten Rituale des täglichen Lebens entspricht. Die Flugzeuge senden ein Ping-Signal mit der simplen Botschaft: Ich bin hier. Der Satz erscheint auf dem Vorhang, und in vielen Varianten ist er genau das, was Menschen zueinander sagen, die sich nahe stehen, jeden Tag und überall auf der Welt. Was aber, wenn einer von ihnen langsam aus dieser Welt herausgleitet und man ihn nicht halten kann? Ein existenziell anrührender, großer Theaterabend.

( Felix Müller )