Konzertvorschau

Die Musiker wollen weiter erfinderisch sein

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Volker Blech
Vladimir Jurowski ist Chefdirigent beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB).

Vladimir Jurowski ist Chefdirigent beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB).

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Chefdirigent Vladimir Jurowski vom Rundfunk-Sinfonieorchester stellt die Saison vor und positioniert sich zum Embargo russischer Kultur.

Eine Saisonvorschau mit Vladimir Jurowski ist schon einzigartig, weil der Stardirigent nicht nur seine Highlights beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) herausstellt, sondern auch das eigene Hadern mit Programmideen, einzelnen Werken oder Traditionen offen benennt. Man lernt beiläufig, welcher Bildungsgeist in den Konzerten verborgen ist. Um die Tradition der Silvesterkonzerte ging es am Dienstag in der Pressekonferenz. Beethovens Neunte ist weiterhin gesetzt, aber Jurowski will seit seinem Amtsantritt als Chefdirigent die Tradition ins 21. Jahrhundert holen. 2017 habe man zwischen den dritten und vierten Satz Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ geschoben.

Eine ukrainische Dirigentin tritt im Silvesterkonzert auf

Das Publikum war sehr gespalten. Im Jahr darauf hatte Jurowski Beethovens Neunte mit dem letzten Orchesterwerk des Berliner Komponisten Georg Katzer kombiniert. Katzers ehemaligen Meisterschüler Ralf Hoyer hat das RSB daraufhin mit der Uraufführung eines Begleitstücks beauftragt. Also wird Jurowski am 30. und 31. Dezember im Konzerthaus Hoyers neuen „Prolog“ mit Mezzosopranistin Karolina Gumos als Solistin und sofort anschließend den ersten und zweiten Satz von Beethoven dirigieren. Dann aber gibt er den Taktstock weiter an die ukrainische Dirigentin Natalia Ponomarchuk. Wegen des Krieges sei es ein besonderes Jahr, sagte Jurowski am Dienstag. „Meiner Meinung nach kann man die Neunte nicht einfach als Sektbegleitung, als Stimmungsmacher aufführen. Man muss es kontextualisieren.“

Schillers Ode mit der berühmten Textzeile „Seid umschlungen, Millionen!“ werde in diesem Jahr von einer Ukrainerin in Berlin dirigiert, so Jurowski. Der Dirigent ist davon überzeugt, dass aus der Ukraine flüchtige Künstler in Deutschland auf die Bühne gehören und nicht nur Freikarten erhalten. Die Silvesterkonzerte werden Natalia Ponomarchuks Debüt in Deutschland sein. Jurowski wird bei den Proben dabei sein, unter anderem, um ihr als Dolmetscher zu dienen. Der Chefdirigent mit russischen und ukrainischen Wurzeln erzählte, dass er in letzter Zeit sein eigenes Ukrainisch aufgebessert habe.

Zum Embargo von russischer Musik hat der Dirigent eine klare Auffassung. Er gibt ein Statement auch im Namen des Orchesters ab. „Wir können nicht die bereits verstorbenen Komponistinnen und Komponisten dafür verantwortlich machen, was die Herrscher ihres Landes nach ihrem Tod angestellt hatten.“ Das Argument dürfte für Deutsche gerade auch mit Blick auf Richard Wagner und Hitler nachvollziehbar sein. Jurowski betonte im Zusammenhang mit dem geforderten Embargo russischer Kultur aber auch, dass er nie aufhören werde, Russisch zu sprechen. Und keinesfalls aus politischen Gründen. „Leute wie Putin müssten das Verbot erteilt bekommen, Russisch zu sprechen.“

Es werde nach wie vor viel russisches Repertoire beim RSB geben, so Jurowski. Beiläufig erklärte er, „nichts von Zyklen“ zu halten. Auch nicht bei Beethovens Sinfonien. Er empfinde das Modell eher als marketingfreundlich. Ihm ginge es aber zuerst um das Einzelwerk. Einen Schostakowitsch-Zyklus würde er schon deshalb nicht machen, weil er sich nicht für die 12. Sinfonie interessiert. In der nächsten Saison erklingt Schostakowitschs Vierte.

Aus der Pandemie wollen das RSB und sein Chefdirigent vor allem eines gelernt haben: erfinderisch zu sein. Jurowski kündigt einerseits die Rückkehr zum großen sinfonischen Repertoire an, andererseits wird es ein Dutzend Kammerkonzerte geben. Im Kühlhaus wird der Chef am 15. Dezember bei Grigori Frids Klavierquintett op. 72 selbst am Klavier sitzen. Für Jurowski sind in der neuen Saison 19 Chefkonzerte, davon neun Konzerte mit sieben Programmen in Berlin sowie zehn Tournee-Konzerte in Deutschland, Italien, Belgien und Polen, angekündigt.

Das Orchester hat insgesamt 92 Veranstaltungen im Programm, darunter 23 Abo-Konzerte, 13 Sonderkonzerte wie das Konzert „50 Jahre Deutsche Streicherphilharmonie“ oder zwei „Funkkonzerte“ als Vorgucker auf das 100-jährige Bestehen des Rundfunkklangkörpers sowie vier „Moderierte Proben“. Die halbszenische Aufführung der Oper „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow am 23. Dezember sei nicht vergessen, zumal Vladimir Jurowski seine ersten Sporen als Erster Kapellmeister an der Komischen Oper verdient hatte und inzwischen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München ist. Sein Berliner Orchester offenbart im Marketing jetzt auch Humor, wie die Piktogramme von Alvaro Valino Pardo zeigen. Deutlich erkennbar: Der Chefdirigent trägt langes Haar.